1728/18: Gigs, Preview: Berlins wahrscheinlich größter Trommler ist gegangen. Um Ta Um Um Ta – 4/4 Takt – Ein Nachruf von Ulf Fischbeck

Am Donnerstag, den 04.10.2018 findet am Abend im Rickenbackers (Link unten) eine Veranstaltung zur Erinnerung an Mikel John Winter statt. Über Mikel haben wir hier häufiger  berichtet. Weitere Beiträge sind verlinkt. Unser Gastautor Ulf Fischbeck, mit dem mich seit ca. 1985/6 persönliche Bekanntschaft verbindet, war früher ein aktiver Kulturattaché. So managte er ein kongeniales Berliner Bass Ballett aus vier Bassisten und einer tollsten Schlagzeugerin namens Anette Kluge, heute in Hamburg. Hach. – Themenwechsel: Der Anlass am 04.10. ist eine Art kontemplativ, spirituell gedachtes Beisammensein im Sinne des Verstorbenen und nur ihm zu Ehren. Ulf, Du hast das Wort, ich danke Dir für diesen Beitrag, Dein Tommy. Zugleich auch im Namen aller Anderen, die am kommenden Donnerstag ins Rickenbackers kommen werden.

EmWe – Mikel John Winter war mit seinen gefühlten 2m wahrscheinlich der größte Trommler Berlins.

Unsere Wege kreuzten sich das erste Mal 1978. Aus irgendeinem Grund hatte sich ein Freund mit mir bei Mikel verabredet. Mikel erzählte, er sei Drummer.

Wie er Udo Bekemeier, seinen Gitarristen, im Musikhaus Fechner, angesprochen hat, der Gitarren testete. Das war 1974.

Rock City Berlin - sechs Jahrgänge!

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Anmerkung #TTT: Auf ähnliche Weise testete ich nach einem Besuch im Musikhaus Oehme in Berlin-Zehlendorf, das unlängst leider schließen musste, Ulf Schönwaelder an. „Ey, sag mal, spielste Schlachzeug?“ „Ja, deswegen kauf ich ja Sticks.“ „Oh, lass uns mal was zusammen machen.“ Das war ca. 1977. Mikel (der 1974 mit Udo anfing, Musik zu machen, war ein paar Jahre älter als ich, das hat sich übrigens nie geändert). Ich schweife ab, indem ich feststelle: Früher gab es richtige Musikläden, wo man Menschen kennenlernte. Heute sind die alle tot und zwei bis drei nationale Platzhirsche teilen sich den Onlinehandel. Entschuldigung. Zurück zum Thema. Ulf?

Seitdem machte Mikel praktisch jeden Tag Musik. Er spielte mit allen möglichen Musikern zusammen. Namen: Thomas Powalla, Lutz Fahrenkrog-Petersen und später, ab 1979, bei C.A.T mit Guenne Jagger Rohmann, Ackie von Wegen, Lima Russel, Ilonka Breitmeier, René Engelmann. Udo Bekemeier.

Auszug/Exzerpt aus Rock City Berlin '82 - Das Jahrbuch der Berliner Musikszene (Bandeintrag "C.A.T." Funkrock (Gründungsjahr 1980) mit Text und Foto.

(Aufs Bild klicken für größer) Auszug/Exzerpt aus Rock City Berlin ’82 – Das Jahrbuch der Berliner Musikszene (Bandeintrag „C.A.T.“ Funkrock (Gründungsjahr 1980) mit Text und Foto.

Wir trafen uns im Herbst 1980 wieder, als ich begonnen hatte, als Roadie und Lichttechniker für Berliner Bands wie Odessa und Gethsemane zu arbeiten. C.A.T., Berlins praktisch einzige Funk-Rock-Formation plante einen Gig im Kant Kino. Eins gab das andere. Um Ta – Um Um Ta, ich wurde Mikels Schlagzeugschüler. Es waren seine klare Logik und direkte Einstellung zum Schlagzeugspielen, die mir sofort Spaß machten.

Dabei erschuf Mikel eine Art Berliner Konnakol, eine Rhythmussprache, die er in etwa wie folgt beschrieb:

„Alter, wat de nich sprechen kannst, kannst ooch nicht spieln‘. So is det. Wenn ick’n neuen Rhythmus höre, zerleg ick den, sprech den, und dann spiel dit – janz einfach.
Wichtig: ‚Um‘ is Bass Drum, ‚Ta‘ is Snare. Wenn de dazwischen wat brauchst, zur Orientierung machst ‚Ts‘ oder ‚Ps‘ für Hi-Hat oder Ride und Abschlag is:  ‚Tech‘ verstehste?“

Das hat funktioniert. Wir haben etwa 1 ½ Jahre an meinem Spiel zusammen gearbeitet. Dann wurde mein Drumset gestohlen.

Mikel half mir, eine Band zusammen zu stellen. Während dieser Zeit habe ich C.A.T. bei einigen Gigs begleitet. Ein Album wurde eingespielt. In der Volksbühne sind sie Ideal aufgetreten, kurz vor deren Durchbruch. C.A.T. hatten enormes Potenzial, Mikel sah sie schon in einer Reihe mit Mother‘s Finest.

Er war in der Szene bekannt wie ein bunter Hund, hatte bei Frauen einen unheimlichen Schlag. Letztlich verbrachte er seine Zeit im Übungsraum. Er lebte den Rock’nRoll. Die große Karriere spielte auf einer anderen Bühne. C.A.T. gingen auseinander. Bis Ende der 80er spielte EmWe in verschiedenen Bands.

Irgendwann hat er sein Tama – es musste immer Tama sein – verkauft.

Er hat sich den Computern zugewandt und Software und Spiele verkauft. Wir hatten uns aus den Augen verloren.

Im Frühsommer 2011 klingelte das Telefon. „Mensch Alter, ick hab Deine Nummer über das Internet gefunden, komm doch mal vorbei.“

Und wieder, das ‚Um‘ gab das ‚Ta‘, nach zwei Treffen hatten wir beschlossen, gemeinsam einen Übungsraum zu mieten. EmWe fing wieder mit dem Schlagzeug an.

Mein Lebenstraum: Während der 30 Jahre, die ich nicht gespielt hatte, wollte ich immer wieder anfangen und einen Proberaum haben.

Dafür, lieber EmWe, bin ich Dir jeden Tag dankbar.

EmWe rief Udo an, machte ein paar Sessions, kaufte sich wieder ein Tama, und Anfang 2012 war Big as Funk geboren. Nach anstrengender Suche waren die geeigneten Mitstreiter gefunden, Markus am Bass und Bonus und später auch Sylvie Bromann am Gesang. 2014 ging es ins Studio, Bonus spielte auch die Keys.

Im Januar 2015 fand eine letzte legendäre Session mit Berliner Größen wie Ackie von Wegen, Christoph Rinnert und Jürgen Dehmel im Proberaum von Big as Funk statt

Bei Big as Funk folgten 2015 ein komplettes Programm und personelle Umbesetzungen. Mitte 2016 zerbrach die Band. Mikel hatte auch gesundheitliche Probleme. Er verkaufte mir sein komplettes Equipment. Ich spiele jetzt sein Tama Superstar, das ich mir später auf meine Größe downgesized habe ;-).

Tama hätte EmWe endorsen sollen, er war wirklich ein guter Promoter, vor allem wenn es um seine Projekte ging.

Er hat einfach aufgehört, er hatte nicht mehr wirklich Bock.

Im Januar 2018 rief er uns an und fragte meine Frau, ob sie ihm eine Shiatsu Behandlung gegen seine starken Rückenschmerzen geben könne, er läge nur noch. Sie empfahl ihm, auf jeden Fall einen Orthopäden zu Rate zu ziehen. Anfang Februar fand er sich im St. Gertrauden Krankenhaus wieder. Diagnose Metastasen an der Wirbelsäule, eine Niere arbeitet kaum noch, OP, künstliches Koma, Luftröhrenschnitt – das ganz große Besteck.

Wir waren erschüttert. Erstmal künstliches Koma, sollte EmWe nicht mehr aufwachen?

Jürgen Dehmel wandte sich an ein paar Weggefährten:
Hatte die Idee, für EmWe ein Mutmachsong aufzunehmen.
Sowas wie „Dont give up“ mit deutschem Text, auf ihn getextet.
Hiermit möchte ich den Stein werfen, um die Sache ins Rollen zu bringen.“

Sofort waren wir dabei. Christoph Rinnert sendete einen Songvorschlag in die Runde, der begeistert aufgenommen wurde. Die Lyrics wurden in Gemeinschaftsarbeit gemacht. Am 5. 4. Recording der Instrumente, am 6.4. Gesang und Mastering. Fertig. Lauter MusikerInnen, die sich teilweise ewig nicht gesehen hatten, um für EmWe einen Song zu produzieren – das war ein Ereignis.

Am 7. April geht ein Freund zu Mikel und spielt ihm das Stück über Kopfhörer vor – EmWe noch im Koma. Irgendwie bekommt er es mit und lächelt – Musik berührt.

Am selben Wochenende wird das Video zum Song geschnitten. Ich spiele es EmWe am Donnerstag, den 12. April vor. Mittlerweile wurde er aus dem Koma geholt und ist etwas da. Er kann nicht reden. Ich erzähle ihm von der Produktion. Er schaut mich an und eine Träne rollte seine Wange herunter, als wolle sie etwas erzählen.

17. April 18:28, Um Ta, Um Um Ta – EmWe ist gegangen.

EmWe Du fehlst uns jeden Tag.

Am 4. Oktober veranstalten wir Dir zu Ehren eine Rock’n Roll Session im Rickenbackers, wo Du viele Weggefährten sehen wirst. Von da wo Du jetzt bist.

EmWe – For ever Rock’n Roll

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