340/10: Gigs, Reviews: Rolf Neetzel (g) + Ulrike Hofmann (voc) geben Klavier die Seele wieder, mit Kupferdraht!

„Kupferdraht ist ein wunderbares Material, man kann viel mit ihm machen. Es ist vor allen ein Verbindungselement.“ (sagt Ulrike Hofmann)

Darf man zwischen zwei Abschnitten desselben Satzes klatschen? Was aber sind Sätze in einer Installation namens Klang? Eventuell ein Satz mit X? Rolf Neetzel (Gitarrist, Berlin-Schöneberg) und Ulrike Hofmann (Theaterverlegerin, Berlin-Ebenda) haben Fahnen ausgerollt, die man nicht sieht. Klangfahnen sind´s.

In Berlin-Schöneberg leben und arbeiten seit je viele Künstler, Maler, Literaten und Musiker. Die Bildende Kunst hat mit der UDK (Universität der Künste) einen festen Standort in der Grunewaldstraße. 25 Galerien und Ateliers im weiteren Umkreis der Akazienstraße öffnen ganztägig ihre Pforten für die Liebhaber moderner Kunst. Jede Galerie und jedes Atelier bietet ein eigenes Programm. (Quelle: schoeneberger-norden.de)


Rolf Neetzel (g) + Ulrike Hofmann (voc) – Liveperformance vom 20.11.2010 – Berlin-Schöneberg (via Youtube – © www.blackbirds.tv)

Im Atelier der Schöneberger Künstlerin Helga Wagner in der Belziger Str. im Seitenflügel ganz oben und ob links oder rechts, ist egal. Mit Kupferdraht haben die beiden Performanten ein auseinandergepflücktes Klavier, bzw. was noch davon übrig ist, zwischen sich an die Zimmerdecke genagelt, so wie man ein Fluch in die Zimmerecke, ein Echo in die Berge oder einen Furz in die Landschaft schrauben würde. Könnte. Wenn man wollte.

Helga Wagner hat dazu einen schwenkbaren Spot mit griechisch anmutender „Halogene“ ins Zimmer gehängt und bittet nun darum, nicht dem eigenen Schatten den Vortritt zu lassen, sondern der Klangcollage, die nun folge, möglichst unverschattet zu folgen. Es folgen 12:40 Minuten Performance, summa summarum.

Kulturattaché Tommy Tulip (als WII-Avatar)

Kulturattaché Tommy Tulip (als WII-Avatar)

„Das brainwork ist der gemeinsame Draht, den man irgendwann zwangsläufig entwickelt,“ sagt Rolf Neetzel im Interviewgespräch mit uns danach. Es geht heute nicht um Buttermilch, wenngleich Rolf Neetzel vermutet, auch zu diesem Thema könnte die Wiederholung eines anderen als Abwechslung einer lediglich desselbigen gearteten Wiederholung durchaus in Frage kommen. Happenings wie diese lassen sich kaum so wiederholen.

Das Format ist nicht mainstream und die Kunst entsteht und fließt oder sie erschließt sich nicht. Es kommt auf die Tagesverfassung an, auf die Belichtung, die Beleuchtung, auf die Frage, ob die Künstler transzendent sind an diesem Tag. Sogar wie das Publikum am Abend gestrickt ist, spielt eine Rolle. Wer ist schon an jedem Tage transpirant und schwitzt Kunst aus, so wie wir Kunst verstehen, wir Zuhörer? Wir halten Maulaffen feil, nörgeln rum, es gibt nicht den richtigen Wein oder die Spinatpastete passt uns nicht, wir wollen Fleisch! Im Augenblick der Performance müssen die Zuschauer auch willig sein, Prince sang einmal „willing & able“ – wer über die Gabe verfügt, willich, willig bzw. verfügbar zu sein, der ist schon ein Guter in diesem Zusammenhang.

Atelier Helga Wagner, Schild

Atelier Helga Wagner, Schild

Kurz gesagt, haben die Künstler, was sie schon immer sagen wollten, uns hinterher gesagt und mehr könnte man dazu vermutlich nicht sagen, zumindest wenn man es mit dem Altmeister des Nichtgesagten, Miles Davis, nimmt, der es ablehnte, mit der schreibenden Zunft zu kooperieren. Denn die Musik spricht für sich selbst, sagte er gern. Gilt vermutlich also auch für Qpferdach (Journalist, stadtweit bekannt), Kipferldraht (Abwandlung aus Küchengebäck), Blaubeersoße und Kifferglas. Womit wir wieder beim Urschleim sind, beim Anfang allen Endes: dem Kupferdraht. Was hätte wohl Loriot inszeniert, hätte er „Ein Klavier, ein Klavier“ szenisch mit den textlichen Vorgaben der wortgewaltigen Ulrike Hofmann gemixt und hinzugesetzt, was für brachiale Urlaute Rolf Neetzel an der Gitarre hervorluken lassen kann. Das war toll!


Rotten Interviews: Rolf Neetzel und Ulrike Hofmann im Gespräch (via Youtube – © www.blackbirds.tv)

Helga Wagner hat währenddessen „auf breiter Bühne“ im schmalen Atelierskonstrukt Kunst zur Schau gestellt. Es gab tolle Fenstergardinen-Kupferdraht-Insekten, Spinnentiere, Fliegen, Materialkompositionen aus Plexi, Foto und Text, die besonders schön aussehen, wenn sie durchleuchtet werden, viele, viele gemalte Bilder und sogar den Anfang einer irgendwie kroatischen Geheimbünde-Schriftart zu bestaunen. Auf der kroatischen Insel Krk hat die Künstlerin den Zeichensatz der glagolitischen Schrift entdeckt.

Glagolitische Schrift (Ausriss KRK-Kompendium)

Glagolitische Schrift (Ausriss KRK-Kompendium)

Das kroatische Alphabet a, b, c, ć, č, d, dž, đ, e, f, g, h, i, j, k, l, lj, m, n, nj, o, p, r, s, š, t, u, v, z, ž (Und übrigens: Es fehlt das „y“, wie es sich für einen ordentlichen Tommy Tulip gehören würde! In meinem Herzen werde ich wohl nie Kroate werden, wenn´s auch schön ist dort!) – Das Alphabet selbst hat aber mit der glagolitischen Schrift noch wenig bis gar nichts gemeinsam. Die Glagolitza, wie sie auch genannt wird, ist hier näher erklärt.

Helga Wagner, Atelier (Quelle: Homepage, s.u.)

Helga Wagner, Atelier (Quelle: Homepage, s.u.)

Nun aber hat sie raue, ursprüngliche Schönheit der Altschrift wiederentdeckt, ein Vorgang, der jetzt vor Weihnachten eventuell Interessenten auf den Plan ruft. Für vergleichsweise angemessene Beträge kann sich der Weihnachtsgeschenke-Peilsender und Orientierungskünstler hier ganze Namenszüge, geschrieben sehr kalligrafisch mit blauen Aquarellstiften auf hochartig geschöpftem Bütten anfertigen lassen, das ganze noch gerahmt und fertig ist ein außerordentlich ungewöhnliches Weihnachtsgeschenk von mystischer Tragweite, geheimnisvoller Verwobenheit und „dem Dunst von mehreren 100 Jahren„.

Helga Wagner´s krkanische, glückliche Glagoliten

Helga Wagner´s krkanische, glückliche Glagoliten

Das Publikum ist erinnerungshalber so ein bisschen hippie-esk und doch ein bisserl in die Jahre gekommen! Es sind nicht die jugendlichen Entrepreneure, die Lust- und Streifwanderer auf Schöneberger Pflasterpilastern, die angeblich hier die Welt bedeuteten! Umme Ecke ist die Großgörschenstr., als Magistrale zieht sich die Hauptstraße hier durch und ums verlängerte Eck nach hinten von vorn und aus der Küche räkelt sich die Eisenacher fußläufig und lummert herum! Es ist ein argentinisches Gefühl von Großartigkeit, vor den Mündern hauchen schon die ersten Gas- und Nebelwolken, geraucht wird auf der Straße und die Bandmitglieder der aktuellen Yah-Yah´s bekunden schon Interesse einzusteigen, doch dann, was dann? Er wäre nur noch einer von zweien, Rolf Neetzel, der Gitarrist der Yah-Yah´s, besser einer von zweien, der heute ganz allein auf weiter Flur, nur eine redet ihm dazwischen, aber das ist verabredet: Ulrike Hofmann!

Es ist eine „durchgeknallte, hippie-eske“ Laudatio auf was Helga so macht, die Geehrte!

Holly Holunder, September 66 (Quelle: kivondo.de)

Holly Holunder, September 66 (Quelle: kivondo.de)

Rolf Neetzel ist einer von zwei Gitarristen der Berliner Band YahYah´s, zu der als ein Gründungsmitglied auch Kai Sichtermann (Bass), eins der mehreren Gründungsmitglieder der Band Ton, Steine, Scherben gehört. In der Liveaufnahme vom 11. November 2000 ist „My Girl Josefine“ zwar schon etwas angegraut, aber dafür vorzüglich zu hören, viel Spaß und bitte hier entlang!

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Ein Gedanke zu „340/10: Gigs, Reviews: Rolf Neetzel (g) + Ulrike Hofmann (voc) geben Klavier die Seele wieder, mit Kupferdraht!

  1. Pingback: xdrum.eu – pimp my drumming! » Twitter Wochenschau am 2010-11-28

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