461/11: Kleinanzeigen: Auf den Stücken ist ein Copyright, also lass sie bitte niemanden hören!

Die weltgrößten Plattenfirmen zittern vor ein paar jungen Deutschen. Die hacken sich in die Rechner berühmter Musiker und deren Manager, stellen unveröffentlichte Lieder von Lady Gaga oder Shakira ins Netz. Zwei wurden erwischt, die anderen machen weiter. (Star Wars, Musikindustrie, Jürgen Dahlkamp, Der Spiegel, 24.01.11, Link unten)

Sie sucht einen Schlagzeuger, ich bin einer. Na klar, das kann ick!

Das ist mein Moment, ich melde mich. 

Selbstverständlich will ich etwas vorhören. Damit wir uns nicht vergeblich treffen, also umsonst, will ich wissen, auf welcher Stufe eigener musikalischer Fertigkeiten ich sie abholen kann. Von welchem Bahnhof? Oder ist der Zug ein Schnellzug, der längst an mir vorbeigeprescht….? Ihre Antwort kommt rasch.

Sie schickt mir eine Antwort per Email, die sich irgendwie geheimnisvoll liest. Sie schreibt (Text sinngemäß verändert):

„Ich schicke meine Musik sehr ungern…ausnahmsweise hier ist eine Hörprobe von einem der Stücke, lass es bitte niemanden Anderen hören, ein Copyright ist schon drauf aber man weiss ja nie…wenn es dir gefällt, könnten wir uns treffen und ich lass Dich noch weitere Stücke hören und wir können auch alles weitere besprechen.“ (aus einer Email, Absender unbekannt)

Tja, und nun höre ich mir das Stück an. Es beginnt mit einer einzelnen Gitarre, leicht angezerrt. Das Stück erkenne ich sofort, es ist ein weltberühmtes Stück. Die australische Band AC/DC hat ein Stück, das identisch anfängt und schon seit den Achtzigern existiert. Kein Zweifel. Allerdings kommt dann ein Schlagzeug in dieser Aufnahme rein, das dazu gar nicht recht passt, so als hätte sich der Schlagzeuger in dem Stück verirrt. Und dann singt sie los. Es ist ordentlich Hall drauf, aber nicht schlecht, wie sie das Stück singt. Sie ist übrigens eine sehr gute Sängerin, ich find sie gut. Jetzt, am Ende, ist es ein ganz anderes Stück, nicht mehr das in der ganzen Welt bekannte Stück. Jetzt ist es ein eigenes Stück geworden.

Wenn sie es mal öffentlich aufführt gegen Entgelt, werden die Urheber des weltbekannten Stücks vielleicht einen Copyright-Prozess gegen sie führen, wenn sie dieses Gitarrenriff so lässt. Sie werden eventuell sagen, dass das bestimmende Element ihres Welthits, das Gitarrenriff, schlicht geklaut ist. So wie George Harrison mit „My Sweet Lord“ den Prozess gegen die Chiffons verlor, sie trällerten „He´s so fine“, darüber wurde ausführlich berichtet.

Die Musikkonzerne Universal und Sony sind so nervös, dass ihre Hamburger Anwaltskanzlei rasch zunächst nicht mal sagen will, ob sie ein Mandat in der Sache hat. Die Sorge ist, dass daraus ein Massenphänomen werden könnte und der Schaden immer größer. (Wie oben, Link zum Artikel unten)

Ich beginne zu begreifen: Sie meint, es ist ein Copyright (©) drauf, und ich ergänze gedanklich: es ist wohl nicht ihr eigenes. Ob ich es ihr sage? Ich glaube nicht. Wenn ich ihr schriebe, ich hätte es mir angehört, das Riff sei nicht ihres, habe ich am Ende nur Ärger mit ihr. Wird sie dann sauer auf mich sein? Da es nicht ihr eigenes ist, müsste ich sie auffordern, ein gänzlich eigenes, anderes Stück zu schicken. Sie aber schreibt, das will sie nicht. Sie will sich erst treffen, und ich habe zu wenig Zeit. Sie will mir ausnahmsweise nur eines „ihrer“ Stücke schicken, das habe ich ja schon und das habe ich gleich „als Plagiat“ erkannt, oder darf ich das P-Wort nicht mehr in den Mund nehmen seit Guttenberg? Zu wenig Eigenes.

Mit der Musik ist es wie mit den bereits bestellten Feldern der Landwirtschaftsbauern. Sie sind weitgehend schon abgegrast, irgendwie kam alles schon mal vor. Die Juristen streiten sich dann darüber, was das bestimmende Element innerhalb einer Songstruktur ist. Auch in diesem AC/DC-Hit erkenne ich das große Talent der Sängerin, ihre Gesangslinien sind toll. Aber ein Copyright darauf, wenn ich doch gleich zu Anfang einen Welthit erkenne? Ich bin im Zweifel. Verletzen will ich wirklich niemanden. Ich will nur ehrlich sein! Man hat mir gesagt, man gibt mir diesen Sing „ausnahmsweise“, aber ist nicht erforderlich, „regelmäßig“ zunächst eigene Songs zu verschicken, um in den Wald hinein zu hören, ob da ein Echo interessierter Mitmusiker erfolgt?

Nein, einen Musiker, der mit seinen Geizen reizt, pardon, mit seinen Reizen geizt, der ist nichts für mich, schießt mir der Gedanke durch den Kopf. Ich probier es einfach: Ich schicke ihr meine Erkenntnis und sage, ich treffe mich nur mit Leuten, die mir Material übersenden können, das mich überzeugt. Wahrscheinlich wird sie sich dann nie wieder melden. Ich find schon die Attitüde anstrengend. Wer Musik machen will, soll „die Hosen runter“ lassen, entweder sagen und zeigen, schau, ich spiele ungefähr so und so oder anders und -schau- ich habe (eventuell) auch schon eigene Stücke, so fünf/zehn/fünfzehn Stück und die klingen so und so. Diese ganze Geheimniskrämerei finde ich doof, sie stößt mich ab.

Es sei denn: Mich fragt ein Star von mindestens nationaler Bedeutung, ob ich an dem geheimen Projekt „nächster Blockbuster“ mitwirken will. Das ist hier nicht der Fall. Ich werde nun ganz bestimmt nicht sagen, dass ich ein notwendiger Bestandteil von Blockbustern in Deutschland bin, das nun wirklich nicht. Noch nicht hat sie einen und noch nicht bin ich einer. Dass es endlich einer wird, hängt ja mindestens von der Komplettbesetzung der künftigen Band -ohne eine einzelne Ausnahme, 100%- ab. Prinzip Hoffnung.

Bei den heute bestehenden technischen Möglichkeiten besteht für jeden Musiker die Möglichkeit, ein Prelistening zu erlauben und so gehört es sich auch. Jedenfalls dann, wenn derjenige von sich behauptet, bereits schon einmal musikalisch als Weltreisender unterwegs gewesen zu sein. Und es entspricht ein Stück weit der Wahrheit, dass jemand noch nichts dergleichen vorzuzeigen hat. Mindestens eine vernünftige Werkschau verflossener Arbeiten gehört heutzutage zu jedem sich als ernsthaften Musiker bezeichnenden Freak. Was gar nicht geht: Kontrollfreaks mit Angst vor Ideendiebstahl. Das ist ja lächerlich, sieht man einmal von wirklich berühmten Leuten mit Weltkarriere ab, deren Werke heutzutage von Hackern und Soundpiraten von Servern gestohlen werden, worüber die Presse berichtete. (Link unten)

Mal sehen.

Update: Es gebietet die Gerechtigkeit zu erwähnen, dass ich noch ein zweites Stück von ihr erhalten habe. Sie hat in der Tat eine starke Stimme und was sie ausdrückt, geht zu Herzen, berührt. Das zweite Stück ist viel originaler als das erste Stück, dessen bestimmende Phrase der Gitarre mich an AC/DC´s Stück „Hell´s Bells“ erinnerte. Sie wird einen guten Weg machen, ob mit mir? Eher nicht. Aber das ist egal. Ich wünsche ihr alles Gute von Herzen.

(Dieser Text wurde überarbeitet aufgrund von Einwänden Dritter. Die Serie „Die wunderbare Welt der Kleinanzeigen“ wird fortgesetzt, bei passender Gelegenheit.)

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.