Die wunderbare Welt der Musiker-Kleinanzeigen: Ausgabe 01.2010: DRUMMER/IN .WIRD GESUCHT!!!!

Die Musiker-Kleinanzeige, auf die ich mich melde,  ist wie folgt formuliert:

Kleinanzeige 01.2010

Kleinanzeige 01.2010

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Man sucht einen Drummer oder eine Drummerin. Das klingt erst einmal gerecht. Geschlechterunabhängige Stellungsauschreibung. Und das weltweit.

Mir persönlich missfällt, dass der Text komplett in Großbuchstaben abgefasst ist. Das kann mehrere Gründe haben. Wahrscheinlich: Der Mann, der das verfasst hat (es war ein Mann), hatte zuvor Kaffee auf seine Tastatur verschüttet und Caps Lock war eingestellt und nun ist das nicht mehr zu ändern. Ein weiterer, möglicher Grund, und der ist noch wahrscheinlicher: Dieser Mann schreit mich an. Dafür spricht, dass er hinter die Worte DRUMMER/IN Punkt WIRD GESUCHT insgesamt VIER (brüll) Ausrufezeichen setzt. Hätte nicht eins auch gereicht? Richtig, viele Musiker haben’s mit dem Gehör, aber kann man das voraussetzen?

Die Abkürzungen habe ich alle verstanden. Gut. Sie sind keine Profis. Jedenfalls keine Textprofis. Auch das ist mir klar. Profis inserieren professionell, wenn überhaupt. Profis sind drauf angewiesen, dass sie den finden, den sie brauchen, damit es rasch weitergeht. Sie sind allerdings keine Profis. Das sagten sie bereits. „Wir stellen gerade das Programm zusammen“, schreibt der Inserent. Tun wir das erstens nicht alle? Oder, besser gesagt gefragt, stellen sie es gerade zusammen, anstatt zu üben? Das wär ja nicht so dufte. Ich fänd’s jedenfalls umso beruhigender, als ich lesen könnte: „Wir üben gerade das Programm.“ Auch wenn es richtiger hieße: „Wir arbeiten an den Stücken.“ Prinzip: Hoffnung. Ein Ziel gibt’s auch: Auftritte.  „Wir sind keine Anfänger“ und deshalb wohl „Schlagzeuger mit Erfahrung“. Der Kontakt läuft über TXxxxxx und es sei DRINGEND! Also husch, husch ans Telefon. Oder auch per Email. Allerdings steht das da nicht.

Meine langjährige Erfahrung sagt mir noch einiges andere. Ich kenne den, der das inseriert hat. Ich bin ihm jetzt mehrfach über den Weg gelaufen. Vor mehr als einem Jahr habe ich von jemand anders gehört, dass der Typ, der da diese Anzeigen veröffentlicht, mit Vorsicht zu genießen sei. Das war eine Sängerin, die mir das gesteckt hat. OK, jeder hat seine Meinung. Ich hab mir später eine eigene gebildet. Vor einem Jahr spielte ich bei einem anderen Musiker vor, der aus Stuttgart nach Berlin verzogen ist und hier etwas Neues aufbauen mochte. Er hatte im Schlepptau auch eine Berliner Sängerin, deren Name nichts zur Sache tut. Zur ersten Probeprobe „auf Probe“ tauchte auch dieser Bassist auf, von dem die Anzeige ist und vor dem mich diese weitere, andere Sängerin (verwirrend, nicht?) ausgiebig gewarnt hatte. Wir jammten auf den Stücken, die aus Stuttgart nach Berlin sollten. Der Bassist konnte nicht gut spielen, fand ich. Er hatte keinen Groove. Er zupfte die Sachen so vor sich hin und achtete kaum auf das Schlagzeug. Ich sagte hinterher den anderen, mit dem würde ich nichts anfangen, da sei ich nicht dabei. OK, und so kam es auch. Inzwischen spiele ich auch selbst mit den anderen nicht mehr zusammen, weil wir nach ein paar Proben fanden, wir seien zusammen nicht gut genug.

Eine ganze Weile trieb ich mich in der Jazzszene herum danach, und probierte viele Musiker aus. Ich lernte viel. Nach einem Jahr habe ich die Musiker-Kleinanzeigen mal wieder aufgerufen und geschaut, wer sonst noch einen Schlagzeuger sucht. Und jetzt wieder dieser Bassist.

Ich weiß, was ich an ihm nicht leiden kann, außer dass ich finde, er spielt nicht gut Bass. Es ist diese etwas wirre Art, die Dinge anzugehen. Es sind die Großbuchstaben in seiner Kleinanzeige und die vielen Ausrufezeichen. Trotzdem schrieb ich ihm auf seine Anzeige eine kurze, aber präzise Frage: „Gib mal paar „additional infos“ konkret (eventuell auch Aufnahmen), gruß“ – Und seine Antwort hat mir was bestätigt, er schrieb: „du warst ja wohl schon mal da!? bin mir nicht ganz sicher ……info:du kannst dein drumset im raum nicht stehn lassen!muss immer raus.“ – Das war seine Antwort.

Mein Gegenentwurf zur obigen Anzeige, den begrabe ich lieber ganz schnell in meinem Kopf und drucke ihn hier nicht noch aus. Denn niemand kann ausschließen, dass dieser Beitrag tatsächlich auch gelesen wird. Ich will niemanden beleidigen. Nur dies: zwischen dem Sein und Schein, da sind manchmal Welten. Wer nicht einmal auf konkrete Nachfragen antworten kann, ohne die Beantwortung einer gestellten Frage schon beim Mausklick auf Antworten zu vergessen, sollte Kleinanzeigen besser gar nicht erst schalten.

Und jetzt habe ich wieder ganz, ganz präsent, warum es sinnlos ist, mich mit ihm zu treffen und ohne Vorurteile mal zu musizieren. Das ist ein Schwimmer, der meine Fragen ignoriert und sich in Nebensächlichkeiten verliert. Sicher ist, er hat das von ihm selbst dargestellte, inserierte Projekt so nicht am Kochen. Soll er anderen die Zeit rauben, mir nicht. Eine weitere Nachfrage, nach dem Motto, du, ich hab dich was gefragt, bekommt der nicht. Ich bin doch kein Flodder.

  1. In Kleinanzeigen benütze Groß- und Kleinschreibung und beachte die Lesbarkeit deines Anzeigentextes für andere. Schrei deine künftigen Mitmusiker nicht an!
  2. Komm auf den Punkt und texte in gedanklichen Zusammenhängen. Springe nicht im Telegrammstil von Gedanken zu Gedanken. Bilde Sentenzen und Kontexte.
  3. Abkürzungen sind erlaubt, wenn sicher damit gerechnet werden kann, dass sie allgemeinverständlich sind.
  4. Vermeide unzutreffende Beschreibungen deines Könnens, sondern berichte zutreffend. „Wir sind keine Anfänger“ sagt noch gar nichts. Beschreibe eher die Jahre deines Wirkens am Instrument, dein Alter und wann du damit angefangen hast…, anstatt einen eingebildeten Fortgeschrittenenstatus zu suggerieren.
  5. Mache dir vor einer Anzeigenveröffentlichung klar, dass zuallererst und zunächst nur die Musik zählt. Demzufolge: Was hast du konkret zu bieten? Wo finde ich deine Musik, hast du ein myspace-Profil? Oder eine Soundcloud-Soundwolke? Wenn du nicht wenigstens eins davon hast, warum denn nicht? Hast du noch nichts auf die Reihe gekriegt?
  6. Sei nicht flüchtig, fahrig, unkonzentriert im Erstkontakt mit Interessenten auf deine Anzeige. Schon die erste kleine Nachlässigkeit mit deinem Gegenüber kann einen nachhaltigen, negativen Eindruck vermitteln. Beantworte die dir gestellten Nachfragen konzentriert und ernsthaft, bemüht und frei von Abweichungen zu den im Kern gestellten Fragen.

Vieles mehr noch, aber das wird ein andermal berichtet. Sobald Gelegenheit dazu ist. One point after another…

Ein Gedanke zu „Die wunderbare Welt der Musiker-Kleinanzeigen: Ausgabe 01.2010: DRUMMER/IN .WIRD GESUCHT!!!!

  1. Pingback: Die wunderbare Welt der Musiker-Kleinanzeigen: Ausgabe 02.2010: My, bpm und Lockerheit!

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