547/11: Personen & Porträts: Karl Johannes Schindler im extrem diskreten Dialog mit Steve Van Velvet

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Karl Johannes Schindler

Karl Johannes Schindler

Wir leben in bemerkenswerten Zeiten. Revolutionen sind angesagt, Politiker leiden unter akuter Glaubwürdigkeitsschwindsucht, und Ende 2012 geht die Welt sowieso unter. Tomaten und Gurken sind allerdings rehabilitiert. Was gehört in eine zeitgenössische Oper? (Karl Johannes Schindler im Interview, Fangfragen)

Seine Fragen sind direkt, sein Scharfsinn gefürchtet, Karl Johannes Schindler´s extrem diskrete Dialoge berühmt. Heute im Gespräch mit: Steve Van Velvet, ein Mann, der Falco, Catterfeld, die Prinzen und einge andere bediente bzw. an deren Erfolgsgeschichten mitarbeitete. Joachim Witt, der „goldener Reiter, führt in in seiner Menschenkartei relevanter Menschen. In den schweizerischen Sourmash-Studios besitzt er Credits.

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Falco – Egoist (via youtube)

Ich möchte ein Publikum ansprechen, das nicht freiwillig in „Cats“ oder „König der Löwen“ gehen würde. – Steve van Velvet über Zielgruppen

Um es gleich klarzustellen: Hier geht es nicht um „Wagner-Pizza“ oder sonstige Tiefkühlkost, sondern Kultur, uppsala! Doch überlassen wir dem äußerst vertraulichen Zwiegespräch das Feld.

Seitentrenner: Interview

K.J.S.: Du schreibst gerade eine Oper. In welche Richtung soll ich da denken: Verdi, Wagner, Alban Berg, Stockhausen, The Who?

STEVE: Wagner hat auf den Effekt komponiert. Ihm war musikalisch jedes Mittel recht, diesen zu erzeugen. Da gibt es also vielleicht Übereinstimmungen, was die Herangehensweise betrifft. Ich schließe also momentan noch nichts aus. Alles ist erlaubt. Es wird aber eher „The Wall trifft Kraftwerk“. Aufstieg und Fall eines Diktatoren ist das Thema. Oder „Star Wars meets Depeche Mode“. Die Musik ist hauptsächlich elektronisch und programmiert. Streicher oder Gesang mit den Manierismen des Musicals oder der Oper wird es definitiv nicht geben. Ich möchte ein Publikum ansprechen, das nicht freiwillig in „Cats“ oder „König der Löwen“ gehen würde.

K.J.S.: Wir leben in bemerkenswerten Zeiten. Revolutionen sind angesagt, Politiker leiden unter akuter Glaubwürdigkeitsschwindsucht, und Ende 2012 geht die Welt sowieso unter. Tomaten und Gurken sind allerdings rehabilitiert. Was gehört in eine zeitgenössische Oper?

STEVE: Ich arbeite eher mit meinem Filter. Ich weiß, was ich definitiv nicht will! Ich will keine Klischees. Kein Abonnementpublikum, dessen Kleidung nach Mottenkugeln riecht. Keine gesungenen Dialoge oder Choreographien im herkömmlichen Sinn. Ich will aber, auch das „Böse“ gewinnt. So wie im wahren Leben eben. Gurken wird es nicht geben. Es fällt mir schon schwer, das Wort Gurke zu schreiben. Da glüht der Filter. Es wird vom Look auf jeden Fall sexy. Lack statt Lianen. Und für eine Revolution ist der Deutsche viel zu bequem. Die Leistungspyramide wurde in den letzten zehn Jahren ja durch das Internet auf den Kopf gestellt, und bis jetzt ist niemand auf die Straße gegangen. Soviel aus der Sicht eines Kreativen zum Thema Revolution. Ich wäre dabei! Versteckt wird die Trägheit, Feigheit und Manipulierbarkeit der Massen durch Medien und Propaganda auf jeden Fall ein Thema sein.

Trägheit, Feigheit und Manipulierbarkeit der Massen durch Medien und Propaganda (Hervorhebung durch Redaktion)

K.J.S.: Du hast mit einem außergewöhnlich bunten Reigen von Leuten gearbeitet – von Falco bis zu Yvonne Catterfeld. Das geht ja eigentlich gar nicht – oder schließen sich die Genre-Schubladen so allmählich, für die Deutschland derart berüchtigt ist?

STEVE: Nein. Definitiv nicht. Hier folgt alles immer noch dem Schlachtruf „Style over Content“ oder „Coolness über Vermarktbarkeit“. Die Musik, die man von mir kennt, ist nicht die Musik, die mein Schaffen abbildet, sondern das, was sich die Industrie davon genommen hat. Da waren ein paar richtig große Hits dabei…

K.J.S.: …etwa Falcos „Egoist“, „Es ist geil, ein Arschloch zu sein“ von Christian, Yvonne Catterfelds „Glaub’ an mich“ oder „Frauen sind die neuen Männer“ und „Deutschland“ von den Prinzen…

STEVE: …ja, aber es hat mir auch eine Zeit lang die Tür zu einer anderen musikalischen Szene verschlossen. Das ändert sich gerade, aber es ist mühsam. Wenn man einmal etikettiert wurde, dann hat man sich da auch einzufügen und bedingungslos der Schublade zu dienen. Am schlimmsten sind da übrigens nicht die A&Rs und Manager, sondern die Künstler. Da geht es vorrangig darum, welchen Lifestyle man vertritt und mit welchen Individualkonformisten man sich das neue Szeneviertel untereinander aufteilt. Weniger um Kunst und Authentizität.

Steve van Velvet

Steve van Velvet

K.J.S.: Nochmal zum Phänomen Falco: Ich habe ihn als einen überaus liebenswerten, zwar höchst fragilen, aber äußerst optimistischen Menschen kennengelernt, Mitte der 80-ger. Wie war das bei euch, gegen Ende seines turbulenten Lebens?

STEVE: Leider habe ich Falco nie persönlich getroffen. Sein damaliger Verleger George Glück hat ihm Songs von mir geschickt. Er ist dann ins Studio und hat aufgenommen. Wir hätten sicher noch Spaß miteinander gehabt. Da kam uns aber leider ein Bus auf der Dominikanischen Republik dazwischen. Ich vermisse ihn als Künstler sehr. Denn es gibt nicht viele seines Kalibers. Der nachwachsenden Generation von Künstlern und Produzenten wird ja vermittelt, dass sie vor allen Dingen zu funktionieren haben. Das ist natürlich totaler Blödsinn und auch kein Nährboden für Außergewöhnliches. Wo ist mein nächster Falco? Verdammt!

K.J.S.: Du arbeitest seit ein paar Monaten verstärkt mit Kollegen in den USA, Kanada, England und Schweden.

STEVE: Da ist das alles etwas entspannter, und man nimmt sich nicht so wichtig. Dafür steht das Handwerk mehr im Vordergrund.

K.J.S.: Gefällt dir Berlin nicht mehr?

STEVE: Ich habe gerade mit Ralf Goldkind das Lied „Berlin, Du schöne Hure“ geschrieben. Die Stadt ist eine Hure. Aber man kommt trotzdem immer wieder und gibt ihr eine Flasche Champagner aus. Berlin ist oft furchtbar hässlich, störrisch, anti und destruktiv. Die 90-er waren ein Albtraum. Aber die letzten zehn Jahre waren toll. Ein guter Mix, alles in Bewegung. Aber demnächst werden wohl die Franchise-Unternehmen dieses Planeten die momentane Balance zerstören. Die Clubs und Galerien werden wohl den nächsten Mango- und Subway-Filialen weichen müssen.

K.J.S.: Wer und was sind „Die Blitzkrieger des Lichts“?

STEVE: Das sind der erwähnte legendäre und großartige Ralf Goldkind und ich. Ralf, das ehemalige Kind des Punk, musikalisches Ziehkind des unerreichten Conny Plank, Produzent von Nina Hagen oder auch der „Fantastischen Vier“ und natürlich Gründer, Songschreiber und Mitglied von „Lucilectric“. Wir sind schon einige Jahre ganz vorsichtig umeinander herum geschlichen und haben uns durch die Glaswand, die unsere Biotope voneinander trennt, beäugt. Seit ein paar Monaten arbeiten wir nun zusammen und stellen fest, dass wir – so unterschiedlich, wie wir auch sein mögen – Fans des jeweils anderen sind. Noch gibt es keinen Plan. Wir denken nicht weiter als von einem Song bis zum nächsten. Vielleicht suchen wir dafür geeignete Interpreten. Vielleicht wird aber sogar ein Projekt daraus, welches in naher Zukunft auch live stattfindet.

K.J.S.: An einem deutschsprachigen Chanson-Album bastelst du ebenfalls. Wann schläfst du?

Steve: Ich schlafe sehr gut und sehr viel. Ich schlafe zwar schlecht ein und habe immer ein Diktiergerät im Bett liegen, aber ich stelle mir nie den Wecker. Meine Nachbarn wissen, dass sie nicht mal bei mir klingeln dürfen, wenn das Haus brennt. Ich glaube nicht daran, dass man effizient ist, nur weil man zwölf Stunden am Tag am Schreibtisch sitzt. Nicht, wenn es um Kreativität geht. Ich musste zu oft erleben, wie in 20 Minuten etwas Großartiges entstanden ist und demgegenüber eine Woche Arbeit an einem Song zu nichts als einem Knoten im Kopf geführt hat. Wenn mich eine Idee finden will, dann wird sie das. #Steve Van Velvet über Kreativität, Schaffenskraft und Diktiergeräte (Herorhebung durch Redaktion)

K.J.S.: Wieso setzen wir beide unser Gespräch demnächst eigentlich ausgerechnet im Yorckschlösschen fort, wo es in Berlin doch so viele Clubs und Kneipen gibt?

STEVE: Einmal, weil ich dir demnächst einen ausgeben muss…

K.J.S.: …das war dein Hauptgewinn in einem Facebook-Quiz…

STEVE: …ja, und weil ich weiß, dass man dich dort leicht hin bekommt. Dann bin ich aber auch seit einiger Zeit öfter wieder mal in der Gegend, weil ich das Fahrradfahrer für mich entdeckt habe. Zu West-Berliner Zeiten war Kreuzberg für mich wie eine andere Stadt. Das war Tourismus, wenn ich da mal von Charlottenburg hin gefahren bin. Habe ich aber oft gemacht. Besonders auch, weil es dort immer Live-Musik gab. Ich habe mir in den 80-ern und 90-ern manchmal fünf, sechs Konzerte pro Woche angeschaut. Da war das Yorckschlösschen natürlich regelmäßig mit dabei. Heute ist es für mich eine schöne Erinnerung an das alte Kreuzberg. Bevor sich die Szene, die eigentlich gar keine ist, die Bergmannstraße zum Prenzlauer Berg des Westens gemacht hat. Ich sitze aber auch gerne hinten im Garten des Schlösschens. Das ist echt lauschig und entspannt.

K.J.S.: Was möchtest du noch loswerden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?

STEVE Leute, seid nett zueinander!

K.J.S.: Ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals.

STEVE: Ich habe zu danken.

Trenner.Mikrofon

Wir bedanken uns herzlich bei Karl Johannes Schindler, der dieses Interview als Gastbeitrag zur Verfügung gestellt hat.

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