572/11: Personen: Max Raabe, Annette Humpe & die CD „Küssen kann man nicht alleine!“ #CD-Kritik

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der Kritiker: MRR in jungen Jahren!

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Max Raabe: Über CD Projekt mit Annette Humpe -NDR Talk Show (via youtube)

Sie haben sich gegenseitig Ideen auf den Anrufbeantworter gesungen, wobei die Idee zu „Kein Schwein ruft mich an“ nicht dazu gehörte.

Max Raabe, so sagen sie, habe inzwischen und nach all den Jahren „ein feines Sensorium“ entwickelt, was für Musik in sein Portfolio passt und was weniger.

Annette Humpe kann man nichts anderes nachsagen als das. Und, so sagt Max Raabe, dies gilt insbesondere auch für ihre Texte. Ansonsten geht es auch um die Frage, wie es zunächst zu Ideenfetzen kommt im Kompositionsprozess, oder es gibt „Schlagzeilen“, sozusagen Headlines, und später wird ein Song draus, später kommt ein Cover drauf und –von mir aus ein Hund, an dem eine Frau festgebunden war.

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Max Raabe: „Ich liebe den Konjunktiv“ – Interview im Zusammenhang mit Wetten Dass (via youtube)

Am Südpol sitzt ein Pinguin und schaut, ob sein Gletschter taut.
Ein Zebra zählt seine Streifen konzentriert, bis es müde wird.
Kranichstürme steigen auf und ziehen Richtung Meer.
Ein Pandapärchen schaut herauf, voll Sehnsucht hinterher.

Heimlich schaut ein kleiner Sennenhund in Bern noch etwas fern.
In Kairo schleckt ein dickes Krokodil ein Eis am Stiel.
Im Ozean die Fische schweigen, Muscheln ruh’n im Sand.
Der Walfisch lässt noch Blasen steigen weit weit bis ans Land.

(Schlaflied, Max Raabe „Küssen kann man nicht alleine“)

So wahnsinnig spektakulär ist das alles nicht, spektakulär ist eher das Endergebnis „Küssen kann man nicht alleine“, das im Januar 2011 erschien. Dass Annette Humpe damit zum ersten Mal richtig genreübergreifend in die musikalische Trickkiste greift, ermöglichte ihr offenbar Max Raabe, denn der tut seit vielen Jahren nichts anderes, als tief in der Vergangenheit zu stochern. Und hat damit Erfolg, Welterfolg.

Max Raabe: Küssen kann man nicht alleine!

Max Raabe: Küssen kann man nicht alleine! (CD Cover)

 Nur diese quantisierte Geschichte, da ist Pop drin! (Max Raabe im Interview mit Wetten Dass)

Von der im Übrigen von Max Raabe feilgebotenen Musik stammt rund 80, 85% von jüdischen Musikern, auf deren Repertoire er zurückgreift. Dass er inzwischen auch in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem, Israel, gespielt hat, gefällt besonders. Max Raabe ist folglich Botschafter in mehreren Missionen, zwei davon dürften einerseits der Transport jüdischer Musik der Zwanziger Jahre ins hier und jetzt sein und andererseits ein ziemlich wichtiger Beitrag zur Verständigung mit Israel, wo man ihn inzwischen sehr schätzt.

Die Arbeit mit Annette Humpe muss man sich wohl tatsächlich zunächst als eine Art Fernbeziehung der besonderen Art vorstellen, von Anrufbeantworter zu Anrufbeantworter. Dann ging es irgendwann ans Klavier und „Tante Annette“ sagte dann mal was zu Ideen, Herangehensweisen und Dinge in der Art, „So kannst du das nicht machen“….und Max Raabe lernte wohl was über das Quantisieren von Musik, die schon dadurch dann zur Popmusik wird. Ergo gibt es jetzt zwei Fassungen desselben Werks, eine „deluxe“-Version, wohl zurecht so bezeichnet und eingespielt mit Kammerorchester und die poppigere Variante, quantisiert und vermutlich mit einer durchaus hochkarätigen „Libary“ an den Tonstudio-PCs in Hamburg entwickelt.

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Max Raabe: Talk + Song „Ich Bin Nur Wegen Dir Hier“ Live @ Harald Schmidt (12.05.2011) (via youtube) 

 Eines der musikalischsten Häuser Berlins, wo ist egal, hat „so Lofts“ und beherbergt Inga Humpe und Max Raabe.

Auf der poppigen CD „Küssen kann man nicht alleine“ erwarten einen zwölf, handgemacht anmutende Orchesterstücke mit einer Art klassischem Touch von jeweils 2.30 bis 3.30 Minuten Maximallänge und garantiert nicht länger, das ist dem Popfluss geschuldet.

Mit viel Sprachwitz und stets einem Schuss Lakonie hangelt sich Max Raabe an den zwölf Stücken entlang, das Ganze wirkt federleicht, zurückhaltend verspielt, sonor, mit baritonartigem Timbre, sicher im Ton, gewieft musizierend. Irgendwann wird uns beim Hören des Albums klar, dass Popmusik klassisch intoniert werden kann und übrigens umgekehrt, eine Art Rollback wäre ohne weiteres denkbar: eine Rock´n Roll-Band mit Knarzgitarre und lauteren Schlagzeugparts ginge in Ordnung, warum nicht? Weswegen es auch für die Fortentwicklung der Popmusik komplett zurück zu „klassischerer Instrumentierung“, locker, leicht und süffisant, tänzelnd und immer leicht trippelnd: er wäre dazu bereit, sagt Max Raabe, zum Küssen erstens und um die „Stilgrenzen von Popmusik einfach aufzubrechen“, das vermuten wir nun zumindest. Der Musik aller anderen Musiker der Welt wünschen wir das am Ende der CD sowieso, den Zuhörern wünschen wir weniger trennende Grenzen, entscheidend erscheint uns, ob Musik uns berührt oder nicht.

Die CD ist eine nett anzuhörende, kurzweilige, lustige Idee für eines der schönsten Pläsiere des Zeitvertreibs: Musik zu konsumieren. Man darf allerdings nicht erwarten, dass diese Musik die Welt verändert. Max Raabe konzentriert sich mit Hilfe von Annette Humpe darauf, die Welt lediglich nur ausschnittweise zu beschreiben. Sicherlich zwei Stücke eignen sich sehr konkret als Vorspiellieder für besondere Situationen. „Mit Dir möchte ich Silvester feiern“ werden bald schon landauf landab die Liebhaber ihren „Opfern“ vorspielen, um ihnen ihre große Liebe zu gestehen und diskret darauf hinzuweisen, dass dieses auch Silvester nicht schlecht anstünde. Das „Schlaflied“ möchten ehemalige Konzertbesucher von Max Raabes Konzerten sicherlich ihren Kindern vorspielen zum Einschlafen, als gelungene Alternative zu „Schlaf, mein Kind, schlaf ein“ bzw. zum dafür schlicht ungeeigneten Schlaflied der Berliner Kultband „Die Ärzte“.

Gut gemacht, gut produziert, hörenswert. Daumen hoch!

 

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