596/11: Gigs, Review: Das Quasimodo veranstaltet Mittwoch das „Quasimodo Live Jam“, Eintritt frei!

Ein „Gig Review“, das ist ein unscharf treffendes Label für das, was sich im Quasimodo als „Live Jam“ abspielt. Denn ob es ein Konzert ist, kann man zuvor nicht mit Sicherheit sagen. Wider Erwarten kann vieles passieren! Doch, doch: Man erwartet schon was im 1. Berliner Liveclub! Allerdings: Denn das Quasimodo steht für „Mindesteinstufung“ in Sachen Musikerqualität und (hohem) „Level der Darbietung“. In diesem Spannungsfeld bewegt sich inzwischen jeder Mittwoch. Jetzt bei freiem Eintritt! Das Quasimodo ist wie Biskin-Bratfett: Erst schließen sich die Poren und dann man schmort in hochmusikalischem Saft. In was für einem!

Berlin hat einen Stadtbezirk namens Quasimodo. In Paris hatte Quasimodo einen Buckel. In Berlin nannte es sich ursprünglich „das Quartier von Quasimodo“, nach der historischen Vorlage. Aber es ist tiefer gelegt. Vielleicht wird es das „Quartier vieler Musiker“. Wahrscheinlich ist es das schon. Die Zielsetzung ist klar: mehr Musiker sollen dort hinkommen! Ein Art Programm der Wehrhaftigkeit gegen das Bühnensterben.

Nicht ganz neu, aber jetzt verändert ist der programmatische Ansatz am festen Wochentag namens Mittwoch. Da findet im Quasimodo die „Quasimodo Live Jam“ statt. Wir haben dieselbe am Mittwoch, den 14.09.2011, einmal persönlich besucht, um uns eine Meinung zu bilden. Wir haben auch mit Klaus Spiesberger, dem Chef vom Quasimodo, gesprochen.

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Quasimodo Live Jam – Mittwoch, 14.09.11 – Host: Ron Spielman (1/3) (via Youtube)

Am Mittwochabend erhielt der Gast einen Verzehrbon im Wert von 5,- €, zu gebrauchen am selben Abend. Einige aber hoben die Verzehrbons auf, um sie an anderen (ordentlichen) Programmtagen einzulösen. Das war nicht „das Spiel“.  Wie aber sollte man mit Beschwerden umgehen, das Reglement besagte doch ganz deutlich, dass diese am Mittwoch gelten? #Konzeptstudien, eigene

Abends um 21:45 Uhr betreten wir das Lokal. Nach der diesjährigen Sommerpause gab es noch ein paar Abänderungen an dem Konzept. Zuvor war es: Man zahlte 5,- € Eintritt, erhielt dafür auch zwei Getränkebons, das sollte auf diese Weise die Fest- bzw. Fixkosten (Ladenmiete, Personal u.v.a.) helfen abzudecken, nennen wir es nicht Eintritt, nennen wir es „Mindestverzehr“. Im Grunde genommen ist der Betrieb eines „führenden Musikladens“ wie diesem natürlich auch „so´ne Art Querfinanzierung“, über alles gesehen sollen schwarze Zahlen rauskommen. Kein leichtes Unterfangen.

Mit „diesem Mittwoch“ ging es dem Quasimodo-Chef Klaus Spiesberger nicht in erster Linie ums Geld. Ihm war vom Ansatz her wichtiger, dass die vielbeschworene Berliner Musikszene vielleicht auch ein bisschen besser zusammenwächst. Ich will, dass alles besser wird! Dass endlich was passiert! (#lyrics #Ideal)

Das ist nicht nur gemeinnützig: Kommen die Musiker an den Ort des hier in Berlin maßgeblichen Geschehens, lernt man sich zwanglos kennen. Es entsteht eine angenehme Stimmung, ein „flirrendes Vivre“. Es gibt nicht wenige Musiker, die haben vor dem Quasimodo und der Bühne dort einen „Höllenrespekt“. Einerseits ist das berechtigt. Andererseits gibt es auch immer wieder Leute, die dann auf die Bühne gehen, da kann man nur sagen: Ich bewundere dich für dein Selbstbewusstsein. Heute Abend allerdings gilt unser Respekt den Musikern!

"Host" Ron Spielman, Quasimodo Live Jam

"Host" Ron Spielman, Quasimodo Live Jam

Ying und Yang, die zwei Pandabären des Berliner Kulturmanager-Alltags.

Kulturell oder kommerziell? Es gibt mehrere Orte, an denen Musikersessions stattfinden. Aber was treibt die Betreiber, die dieses anbieten? Richtig: Die Sache ist  kommerziell. Man lädt „irgendwelche Musiker“ ein, in der Hoffnung, sie trinken was, treffen sich zuhauf und bringen ihre Freunde mit. Dazu kann das Programm des Abends ausarten in Shanty-Gesänge wie bei Ina Müllers Nacht, nur eben „Ain´t no sunshine“, „Summertime“ und „Pick Up The Pieces“. Die Frage ist doch, ob solche Sessions auch mal in was anderes ausarten? Also z.B. in vollkommen aufregende Musik, die man so noch nicht gehört hat und die auf diese zufällige Art und Weise genial ist? Dass was entsteht, was es so bislang noch nicht gab, eingeschlossen neue Bands…. #Hoffnungen

So gegen 22:30 Uhr betritt Gitarrist und Songwriter, Sänger und „Host“ Ron Spielman die Quasimodo-Bühne. Seit kurzem trägt er einen Bart im Gesicht. Allerdings: sein ganzer Auftritt als Person strahlt schon etwas aus. Bühnensicherheit, Ruhe, Kraft und „Konzentration“: In seiner Ansage fällt eigentlich kein versehentlicher Satz, kein undurchdachtes Wort. Sinngemäß erklärt er dem eingetroffenen Publikum Sinn und Zweck dieses „Spieleabends“, es ist ein „Spielmans-Abend“, eine musikalische Polonäse, ein Spielmans-Zug. Als „Host“ ist er ein psychologisch einfühlsamer, denkbarer Gespiele, doch bitte das erst später. Er ist jetzt erst einmal der Bandleader eines kleinen, energiegeladenen Trios, bestehend aus Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger. They opened it up!

Der Gitarrist & Sänger: Ron Spielman (Website)
Der Drummer: Danny Schröteler (Website)
Der Bassist: Michael Deak (myspace)

Das ist ziemlich jazzy, freestyle (Video oben) und zieht sich hin, ohne langweilig zu werden. Die drei sind dufte Musiker. Es groovt. Die Eröffnungsrunde ist hinterher bei gemessenen „ca. 45 Minuten“, bestehend aus drei längeren und ausgiebig ausgespielten Stücken, eins davon ist ein Song von Ron Spielman, und das letzte Stück vor der Pause ist der Beatles-Song „Norwegian Wood“, vielleicht „etwas anders, als Ihr ihn kennt“ (Ron Spielman). Stimmt.

Erstens: Diesen Song liebe ich sehr. Er ist mein persönliches „In A Gadda Da Vida“, Baby! Das gibt schon mal Vorschuss-Lorbeeren. Zweitens: das ist wirklich vollkommen anders dargebracht. Ich hab´s vor Verzückung vergessen mitzuschneiden, oder war es aus Respekt vor Paul, John, George und Ringo, den Giganten der Popmusik? Meine schon lang existierende Vorstellung, aus dem Stück mal eine transkontinentale Rockoper „against all styles“ zu machen, war so lange verschütt, jetzt höre ich, dass andere Protagonisten als ich zumindest daran schon üben, großartig! Double Handed Freestyle! Schwieriger als einen Stil zu spielen ist, einen zu besitzen! Für die aber nicht. Es ist ihr eigener.

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Quasimodo Live Jam – Mittwoch, 14.09.11 – Host: Ron Spielman (2/3) (via Youtube)

Es wird immer voller im Quasimodo. Das ist nun mal quasi der Modus. Und dieses „Norwegian Wood“: Mir war bei Ron Spielman, als ich früher Konzerte von ihm besuchte, die er (im Quasi) gab und die mich besonders interessierten, weil hinterm Schlagzeug „Zappelphilipp“ (anderes Wort für: Schlagzeuger) Benny Greb saß, eigentlich nie aufgefallen, wie wirklich wandlungsfähig, nuancenreich und vielfältig die Gesangsstimme von Ron Spielman ist. Da habe ich gestern sehr dazugelernt

Danny Schröteler (dr.) - Quasimodo Live Jam

Danny Schröteler (dr.) - Quasimodo Live Jam

Teilen seines Gesangs zufolge lief es mir eiskalt über den Rücken: sehr viel Sicherheit in der Intonierung, kurvenverliebte Rauf- und Runterläufe durch alle Tonarten und hier und da eine Erinnerung an die glockenhelle Stimme von Gordon Sumner oder sagen wir besser: Sting. Das halte ich bereits im ersten Entwurf dieses Artikels fest. In der Recherche zu diesem Artikel sagt übrigens eine zdf-interviewte Fanfrau vor Jahren schon dasselbe über die Stimme von Ron Spielman. Die sieht eben mit dem Zweiten besser. Aha! Ick bin wohl nicht blöde!

Das war´s dann bis zur Pause. In der Pause finden sich inzwischen diejenigen, die beabsichtigen, nach ihr die Bühne zu betreten. Da ist dann so ein Portugiese mit ner akustischen, recht eigenwilligen Gitarre und ein Trompeter. Die Band um Ron Spielman assistiert: Noch hat sich kein anderer Schlagzeuger gemeldet und „sich getraut“. Wenn das auch Gegenstand einer Lakonie von Spielman ist: „Wer also noch nie hier auf der Bühne stand, der ist jetzt herzlich eingeladen. Und hinterher stellen wir das sofort auf facebook.“  Fürs Gedichte vorlesen bietet er vorsorglich Hintergrundbegleitung mit der Gitarre an. Nun gibt es im zweiten Teil des Abends so eine Art „Zigeunerjazz“ (wat man so nicht mehr nennen darf) und dazu ´ne schmauchige, schrummige Gitarre á la Django Reinhardt, oder jedenfalls so ähnlich. Die Trompete stimmt dazu ihr wehmütiges Holladadihiti an!

Noch besser wird es, als ein aus Portugal vorübergehend hier anwesender Sänger „an sich arbeitet“ und fast meditierend so eine Art „portugalisischen“ Weißherbst zelebriert, der irgendwie nach Dancehall, Schlangenbeschwörung und Raggamuffin klingt, alles in einem. Super Typ, super Ausstrahlung, ganz großartige Bühnenpräsenz, alle sind begeistert, ausgiebig Applaus. Hier ein Eindruck!

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Quasimodo Live Jam – Mittwoch, 14.09.11 – Host: Ron Spielman (3/3) (via Youtube)

Niemand aus dem Publikum kommt heute Abend auf die Idee, aufzuspringen und los zu tanzen. Man sitzt, gewieft, kritisch, aber man applaudiert gern ausschweifend, wenn irgendetwas Fulminantes vom Zaun gebrochen wird. Es ist, als hätten wir Zuschauer mehr Respekt vor der beachtlichen Musikerleistung, die da performed wird. Erhöhte Aufmerksamkeit. Fokus.

Nach dem ich mich auf den Weg mache, die Stätte des Wirkens zu verlassen, kommt mir noch in den Sinn: „Der Spielman ist ein ganz vorzüglicher Musiker, deswegen heißt der so“ und ich recherchiere, dass eine neue CD des Ron-Spielman-Trios ins Haus steht, wieder mit dem Musiker Edward MacLean (b) und dem „Ausnahmeschlagzeuger“ Benny Greb. Das wird man sich mal genauer anschauen müssen. Wir wissen: Es sind Musiker einerseits und Schlagzeuger andererseits! So ist nun mal das Leben! Während ich noch „vernunfttrunken“ diesen Gedanken nachhänge, begegnet mir ein schwarzer Amerikaner oder Afrikaner und fragt mich „Ist noch Jam Session?“. Ja, genau, ist noch! Ach, wäre das Leben doch schwarz, noch schwärzer, back to black! Kein Ponyhof eben, Fleisch wär nicht mein Gemüse, Marmalade wäre keine Konfitüre! Und Musik wäre schwarz

Nee, Du! Mittwoch habe ich keine Zeit! Wieso denn das nicht? Ach weißte, da hab ich nen Gig im Quasimodo! #Musiker-Singsang – „Klaus, was für eine Art Musik bevorzugst du eigentlich?“ „Na ja, grooven muss sie schon!“ #Bekenntnisse

Michael Deak (b) - Quasimodo Live Jam

Michael Deak (b) - Quasimodo Live Jam

Wenn das so weitergeht, wird der Laden richtig voll. Es hat sich wohl noch nicht herumgesprochen, dass der Eintritt jetzt frei ist. Und das Gerücht, wonach man dort nicht spielen darf, wonach einem das Herz am Abend trachtet, ist wiederlegt. Was ich heute Abend alles gesehen habe, thunder weather nochmal, mich sieht das Quasimodo auf jeden ….wieder! Und wenn ich mal groß bin, werde ich da auch spielen und mich dabei fotografieren lassen: Har har! Dann kann ich damit angeben, wie ein Rohrspecht. Bzw. wie ein blackbird.

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