61/10: Teleprompter: Dirk Zöllner vergisst den Text – und wir den Ost-West-Überblick!

Dirk Zöllner sagt schreibt u.a.:

Zweite Strophe… Aussetzer. Na gut, kann vorkommen. Textfiasko im Refrain. Mir wird schwarz vor Augen. Absolute Textmisere in der dritten Strophe und nun fortfolgend! Anlass und Titel sind zu ernst, um in der üblichen Art und Weise Stehgreif-Reime zu verwenden. Der Albtraum. Ich will im Erdboden versinken, zumal es sich um eine DVD-Aufzeichnung handelt. Für einen Tonmitschnitt kann man ja noch Overdubs machen. Nur wie kriege ich Jörg Stempel dazu, meinen Auftritt noch mal nachzufilmen?! Aber nun mal ganz im Ernst. Vitaminmangel, facebook, Muttermuse, Hundewetter und Programmgemetzel ist nur das Eine. Das Wesentliche ist die Not des Älterwerdens, da kann man sich selbst und andere täuschen, soviel man will. Ich gehöre zu den jüngsten Protagonisten einer Szene, die sich über den Begriff Ostrock definiert. Zur letzten Generation, noch nicht mal ganz 50! Die Verluste häufen sich, die alte Ostgemeinschaft trifft sich immer öfter zum Abschiednehmen. Das schlägt auf die Seele, selbst wenn man darüber hinweg feiert!“ (Dirk Zöllner, Blog auf myspace – hier)

Lieber Dirk, das muss nicht sein. Denn es gibt, nicht nur im Westen, eine sinnvolle Strategie gegen das typisch deutsche Vergessen: Den Teleprompter. Denn: Vergesslichkeit ist keine Zier, besser lebt sich’s ohne ihr.

Stilrichtung? na Funk, nicht Nu Funk!

Erfunden hat den Prompter Irving B. Kahn im Jahre 1972, der Neffe des berühmten Komponisten Irving Berlin. Siehste, und damit, lieber Dirk, sind wir bereits wieder in Berlin!

Nicht auszudenken, du verlierst Texte, etwa aufgrund deines höheren Alters. Der Jahrgang 1962, so steht es jedenfalls in den hier intern gehandelten Erfahrungsberichten etwa gleichaltriger Rock- und Schunkelmusiker, war ein gutes Jahr. Während Wessis die Monate früher nach Wein (Goldener September) oder Terroristen (Roter Oktober) einteilten, teilten die späteren, jüngeren (Ost- wie West-)Menschen die Jahrgänge nach Jahreszahlen ein. 1942 bis 1944 zum Beispiel, obwohl im Zweiten Weltkrieg, waren sehr gute Jahre. In Liverpool wurden die späteren Beatles geboren. 1970 ein derber Verlust: Jimi Hendrix starb und die Beatles gaben ihre Trennung bekannt. Auch 2009 war folgenschwer: ich sage nur Michael Jackson. Es ist jetzt an der Zeit, nicht weiter schmutzige Wäsche zu waschen und in kleinem Grenzverkehr zu denken, das ist vorüber, die Wäsche wurde in Ludwigshafen gewaschen. 1962 war „a fu*king good year, wasn´t it“, trotz alledem. Wozu auch Herr Zöllner gehört, der nun als Jesus Christ Superstar vertritt, was zu vertreten sich lohnt und der kann sogar grooven. Nicht der Jesus, sondern sein Zöllner. Es lebe das Zöllnibat.

Lassen wir mal den ganzen Spartenscheiß weg von wegen Ostrock und so, den wir zwar aus marketingtechnischen Erwägungen verstehen. Allerdings wären wir für einen Gastbeitrag eines „authentischen“ Ostrockers dankbar, der uns erklärt, was denn das Trennende ist? Die Erinnerung? Nicht einmal die Erinnerungen trennen uns so richtig. Haben nicht die Wessis auch Ostrock gehört, und das nicht mal zu knapp? Richtig: Sie haben ihn nicht gemacht. Mit eigener Hände Arbeit. Helmut Kohl empfand angesichts von Hitlerdeutschland eine „Gnade der späten Geburt“ und duckte sich weg. Müssen wir deutschen Musikfans (Prozentverhältnis 20 zu 80, gerundet) die „Ungnade des falschen Geburtsorts“ empfinden? Ich für meinen Teil war ständig „drüben“ seinerzeit, habe regelmäßig Ostmusik gehört und im übrigen als das Trennende nicht anderes empfunden, als diese widernatürliche Stadtmauer um Berlin drum rum. Dazu gehörte bei ihrem Wegfall, dass ich in meinen Knopflöchern nachschaute und ein paar Tränen fand – Tränen des Glücks. Mehr als das konnte niemand von mir erwarten: endlich konnte ich umarmen, wen immer ich wollte, der mit mir gleichen Sinnes war. Ohne Passierschein, West- und Ostquote vom DJ, Gofferrauhmkontrolle, Unterbodenspiegel, geschmuggelte Bücher („1984, George Orwell) und mitgebrachten Cassetten unter runter geklappter Mittelstütze auf der Rückbank. 

Vieles kann man vergessen, auch Songtexte, aber manche Erinnerungen verblassen nie.  Das noch: Es war nicht alles schlecht. Z.B. die Musik, um beim Thema zu bleiben.

***

Musik bleibt doch Musik und auch die Ostrocker hatten nicht nur geringfügig Anleihen genommen bei „westlichen“ (alte Denkart) Vorbildern, zu Zeiten, als die Beatmusik entstand, dieses unsägliche „yeah, yeah, yeah“, das Walter Ulbricht beklagte. Oder die widerliche Beatmusik, die Genosse Erich H. nur zulassen mochte, wenn sie gepflegt sei. Was bitte anderes als „gepflegte Beatmusik“ hatte denn DT64 kurz zuvor noch ausgestrahlt? So einfach und so plattitüd ist das. Wenn man Plattitüden abpackt, kommen die dann in Plattitüten? Mit dem Tod der Kollegin Ines Paulke ist zu verbinden, was auch mit Herbert Dreilich bereits deutlich wurde, und was Toni Krahl formulierte: „Die Einschläge kommen näher.“ – Was wir aber brauchen, formulierte bereits 1980 die Westberliner Band IDEAL: einen Ost-West-Überblick (spreeblick, Kommentator dolce Nr. 51 vom 11.06.07), denn erst wenn wir den haben, können wir diese Art von Tunnelblick hinter uns lassen. Move it, groove it!

Twitter, facebook, myspace, alles unwichtig, sagt Dirk, und es regt zum Nachdenken an:

Zugegeben – ich leide nicht nur unter Vitaminmangel, sondern auch unter diesem schrecklichen Second-Life-Virus. F A C E B O O K! Nun zwitschere ich mit meinen ebenfalls infizierten Vogelfreunden um die Wette und habe kaum noch Zeit, meine brütende Muse zu beobachten. Sie hält mich zwar über chat vom Südflügel unserer Wohnung aus auf dem Laufenden, und wir treffen uns auch regelmäßig zum Essen im Speisesaal – vorzugsweise, wenn Besuch kommt oder ich selber am Herd stehe…“ (Quelle: Blog, siehe oben)

Zur Belohnung gibt’s hier noch was auf die Ohren. Und, Herr Zöllner, noch mehr Funkzeugsflug, oder auch Nachdenkliches wie das hier, bitte. Berlin ist dankbar für so’n Zeugs…und wir schätzen Herrn Zöllners sieben Todsünden sehr, und würden uns über etliche mehr recht herzlich freuen!

Dirk Zöllner – Nie mehr (via Youtube)

3 Gedanken zu „61/10: Teleprompter: Dirk Zöllner vergisst den Text – und wir den Ost-West-Überblick!

  1. Pingback: » Video: DJ Size ft. J. Lourenzo & Big Steve – In my eyes (Official Video) – No blood on the dance floor

  2. Pingback: » Video: Steve Vai und Felix Lehrmann (Berlin, drums) auf der Musikmesse 2008 – Beat It (MJ – R.I.P.)

  3. Pingback: xdrum.eu – pimp my drumming! » Twitter Wochenschau am 2010-03-14

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.