656/12: Gigs, Review: Lucky Peterson spielte seinen gut eingespielten Blues am 08.03.2012 im „55 Arts Club“

Bitte anstellen, zum "Kuhfladen werfen"

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LineUp: Lucky Peterson (voc., org, g.),  Shawn Kellerman (g), Tim Waites (b) und Raul Valdes (dr) – Und wie eine Karriere in Gang kam: „Peterson’s father, bluesman James Peterson, owned a nightclub in Buffalo called The Governor’s Inn. The club was a regular stop for fellow bluesmen such as Willie Dixon. Dixon saw a five-year-old Lucky Peterson performing at the club and, in Peterson’s words, „Took me under his wing.“ Months later, Peterson performed on The Tonight Show, The Ed Sullivan Show and What’s My Line?. Millions of people watched Peterson sing „1-2-3-4“, a cover version of „Please, Please, Please“ by James Brown.“ (engl. Wikipedia hier)

Apropos: So warf sozusagen der Vater von Lucky Peterson seinen ersten Kuhfladen. Und der Rest ist Geschichte. Ein Konzert mit Lucky Peterson und dessen äußerst könnerhafter, professioneller Begleitband muss man sich wie eine Superlative vorstellen, vielleicht so ungefähr so:

Erst kommt diese dreiköpfige Crew (Gitarre, Bass, Schlagzeug) wie eine neunschwänzige Katze auf die Bühne, stürmt die Bretter und wir denken an Loriot und „Früher war mehr Lametta“, die wärmen die Bretter an, machen sie und sich selbst heiß, richtig bereit für den großen Auftritt.  Gitarrist Shawn Kellermann ist da der große Hero des Augenblicks, bedankt sich im Voraus für die noch folgenden Salbungen und erzählt, er sei letztes Jahr hier gewesen: mit Wishbone Ash. „At the Quasimodo“, sagt er, he was. Und dann kommt der Bluesmaster himself auf die Bühne. Plötzlich ist er da und er ist tatsächlich „omnipräsent“. Er hat genug Körperfülle dafür, sofort sind Erinnerungen an B.B. King da, doch im Unterschied zu Lucky Peterson hat ja B.B. King immer nur die Lucille gequält. Seine Gitarre.


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Lucky Peterson & Band live @55 Arts Club Berlin(via youtube)

Gitarrist Shawn Kellerman hatte seine Not, rechtzeitig zum Konzert zu eilen, auf facebook sagt er: „Well we made it to Germany….Whew! After missing the first flight because of the horrible accident on the 401…got on a later flight which put us on the ground in Berlin 2 hours before the gig!!! Soundcheck, try not to look how I smell (haha) and as much deli tray food (from 8:28-830pm) as I could get in my mouth (cause Air Canada thought a muffin was a sufficient bfast)…. it is showtime!!! 27 more days…“

Lucky Peterson quält alles, was er kriegen kann und das einigermaßen fulminant. Den Anfang macht die alte B3-Hammondorgel, erst viel später, so gegen Konzertmitte, schnallt er sich erstmals die Gitarre um und dann, aber „Hallo“.

Ich kann übrigens mit Fug und Recht von mir sagen, dass ich den Blues überhaupt nicht mag. Schon reineweg deswegen ist eine Konzertkritik zu schreiben für mich ein mutiges Unterfangen, so wie früher die Raketenprotestgegner in Mutlangen. Und doch habe ich es jetzt getan, siehste. Zu lächerlich ist mir das Gehabe der Klischeeblueser, deren Attitüde und ihr Mann-/Frau-Weltbild, bzw. die Rollenverteilung derer „von Oertzen“, die sich dann im Keller erhängen, mit Vorhängeschloss. Das dämliche Gequatsche davon, er habe ihr einen neuen Caddillac gekauft, aber sie hätte ihn verlassen, tropsalledem. Bzw.  trops „new refrigerator“.

Tim Waites © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

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Ja, der klassische Blueser verschweigt seiner dahingeflossenen Verflossenen wohl, dass sie den Kühlschrank nur bekam, um sein Mütchen zu kühlen, bzw. sein Bier. Nicht ihr eigenes. Das ist, warum ich den Blues nämlich nicht mag. Alles am Blues, so lautet nun mal das gängige Vorurteil meinerseits, ist wie gottgegeben und immer dreht sich das thematische Textgerüst um die unfreiwillig zu früh entstandene Tonsur auf dem Kopf, nämlich die Tonsur des Kreises. Es geht immer nur ums Eine. So wie es im Hip Hop ist und in einigen anderen Musik-Unterarten. Yo man!

Lucky Peterson © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Lucky Peterson © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Von dieser blasphemischen, generalisierenden und stark verallgemeinernden Unterstellung gibt es allerdings sogar auch meinerseits Ausnahmen. Ich habe nichts (mehr) gegen den Blues, wenn diese ganzen Sackratten von einzelnen Vorurteilen nicht mehr richtig scharf zutreffen, weil eins hinzukommt, womit doch hier in Berlin und an der Spree erst mal niemand mehr automatisch rechnet. Nein, mit spielerischer Brillanz „on that one & only point“, mit Groove, Stilvielfalt und Mixture rechnet hier erst mal niemand. Jedenfalls nicht automatisch.

Shawn Kellermann © Gudrun Arndt http://aquilalux.com

Shawn Kellermann © Gudrun Arndt http://aquilalux.com

Mit Lucky Peterson hat (Neu-)Veranstalter Andreas Hommelsheim ganz ohne jeden Zweifel jemanden ganz Besonderen in seinen seit Januar an der Hauptstr. in Berlin-Schöneberg betriebenen „55 Arts Club“ geholt. Lucky Peterson ist der Blues schlechthin bzw. heißt es dann „guthin“. Um genau zu sein. Am Start sind aber auch drei weitere Koniferen an ihren Instrumenten, oder heißt das Koryphäen? Ist ja auch egal. Na ja, ich hab jedenfalls beim Zuschauen schnell all meine Deutschkenntnisse sicherheitshalber weggeworfen, einen chewing gum eingeworfen. Ansonsten stellte ich mir unvermittelt vor meinem geistigen Auge vor, dieser Frau, die Gudrun Arndt fotografisch so schön eingefangen hat, spontan einen pink cadillac zu spendieren, aber ich blieb unschlüssig, was ich dafür von ihr erwartete und ob das politisch korrekt wäre?

Später beschloss ich aber, beide als Gesamtkunstwerk zu lieben, also „Lucky plus Tamara“ als „rat pack unique“ und  unauflöslich als „göttliches Paar der U-Musik“. Denn Tamara Peterson wiederholte mehrmals, ganz mein Klischee, er -Lucky! ♪♫♫♪♪ ooohhhh, what a lucky man he was…. ♪♫♫♪ (Quelle: Emerson, Lake & Palmer, ohne Blues)- sei „the love of my life“, na bitte schön, wenn´s so ist, werde ich doch nicht mit abgelaufenen, ollen Amischlitten (aus Kuba, siehe weiter unten –> Drummer) versuchen zu bestechen. Und nun gebetsmühlenartig mitgegroovt, obere und untere Kauleiste im Takt bitte schön und „Lucky“, gib uns noch einen, aber gib uns bitte nicht fünf. Give me bloß nicht five, Alter! Nur ja nicht diese Klischees bitte.

Tamara Peterson © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Tamara Peterson © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Nein, das Konzert mit Lucky Peterson war jetzt am 08.03.2012 zweifelsohne schon mal mein persönliches Highlight und das Jahr selbst im März ja erst so leidlich angeschufflet, im Blues irgendwie eher ternär als binär. Der Schlagzeuger und der Gitarrist haben es mir besonders angetan. Ich erinnere überhaupt nur einen ähnlich brillanten Bluesschlagzeuger und es mag vielleicht 1984 gewesen sein, an einem anderen Orte: in der Deutschlandhalle gab seinerzeit ein gewisser Gary Moore inzwischen auch „den Blues“, den er gerade still got the. Vom Verstoß gegen das Urheberrecht in „Still got the Blues“ war damals noch nicht die Rede, aber dessen Schlagzeuger, der ist mir haften geblieben.

Raul Valdez © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Raul Valdez © Gudrun Arndt - http://aquilalux.com

Wirklich ein Meister an Töpfen und Deckeln seines Fachs: der kubanische Schlagzeuger Raul Valdez, präzise, originär, auf den Punkt und „Hummeln in den shuffelnden Fingern“. Und immer, wenn man es nicht erwartet: ein Stopp, ein Break – eine vorgezogene Pause! Boahhh eyyy, Stille kann so schön sein, wenn man sie zwischen zwei Töne an der richtigen Stelle platziert. So dass sich niemand mehr geniert…

Erst hieß es in meinen Vorurteilen, ein Blues-Schlagzeuger, das ist jemand der sich die grundlegenden Dinge draufschafft und dann aufhört zu lernen, fortan immer nur improvisiert „wie ein Iltis“. So ein Quatsch: inzwischen weiß ich, es muss eher heißen „wie ein Fuchs“, und eigentlich ein ziemlich schlauer. Da ist erstens ein brillantes Shufflespiel mit beiden Händen, an dem man es erkennt, das brillante Blues-Schlagzeugspiel. Da ist zweitens die große Schlagzeugschule plus, in der im Fach „Stockhaltung“ noch erlaubt ist, die traditional grip links zu halten oder rechts, wenn man links rum ist.

Eins ist aber am Ende jetzt klar: die noch so bemühteste Konzertkritik kann mit einem sauguten Konzert nicht mithalten. So ein saugutes Konzert kannst du dir hinterher nicht erlesen. Ein saugutes Konzert, das ist, wenn du selbst drinsteckst bis zum Hals und über beide Ohren, komplett drin. Du weißt es im Grunde erst, wenn du wieder rausgehst, so wie die Anderen: wippenden Ganges, ein klitzekleines Lächeln auf den Lippen und irgendwie ein bisschen betört. So war es an diesem Abend. Großartig.

(EP)

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