863/13: Positionen: „Wenn man sagt, die achtziger Jahre sind ein Reinfall gewesen, ist das noch ziemlich geschmeichelt.“

Von Laabs Kowalski

Header Legenden - Früher war´s  und besser...?

(Auszug aus dem Buch: „Rock Around The Clock – Die Wahrheit über 60 Jahre Pop & Rock und nichts als die Wahrheit“.)

Wenn man sagt, die achtziger Jahre sind ein Reinfall gewesen, ist das noch ziemlich geschmeichelt. Sie stellen vielmehr ein Jahrzehnt der Verfehlungen dar, gelenkt und ruiniert von Figuren wie Reagan, Thatcher und Kohl. Was zählte, war das Durchsetzen eigener Interessen, und das bedeutete: Geld machen, in möglichst kurzer Zeit so viel Kohle abgreifen wie möglich. Auf der anderen Seite waren die Achtziger rücksichtslos albern. Die Frauen staffierten sich wie Nutten aus und trugen Ohrgehänge aus grellfarbigem Plastik. Männer zwängten sich in Anzüge und Bundfaltenhosen und fielen in Ohnmacht, sobald ihre Bügelfalte an Schärfe verlor.

Kritik

Alles war glatt, gelackt, sauber und kalt. Prince und Madonna stiegen zu Superstars auf. Kein Tag, an dem es nicht irgendeine neue, noch kümmerlichere Dummbratze geschafft hätte, nach oben geschwemmt zu werden wie Scheiße im Strom. Im Radio liefen No-Class-Wonder von Erasure, Spandau Ballet oder Thompson Twins.
Als besonders enervierend erwies sich eine durchgeknallte Waldfee namens Cyndi Lauper. ›Girls Just Wanna Have Fun‹ hieß ihr dummes Schunkellied, und selbst das japanische Urschreiäffchen Yoko Ono wurde unruhig, weil ihr hier eine Sirene den Rang als oberste Erzeugerin von Ohrmuschelherpes streitig zu machen versuchte. Fröhlich und mit dem Unterhaltungswert einer Stinkbombe kapriolte sich die kleine Cyndi durch die Musiksendungen dieses Planeten, und alle fanden sie irgendwie dufte und toll.

Doch damit nicht genug. Ein eklig anzusehender, mit einer akustischen Gitarre bewehrter Zwerg führte die Folter wieder ein, quälte sich und uns durch Songs wie ›Don’t Pay The Ferryman‹ und ›Lady In Red‹ und heimste gigantische Erfolge damit ein. Sein Name lautete Chris de Burgh, und mit guter Musik hatten seine Nummern genauso viel zu tun wie König Herodes mit liebevoller Kinderbetreuung. Von nun an durften auch Filialleiter von Aldi oder Versicherungsvertreter Popstars werden. Chris de Burgh hatte ihnen gezeigt, dass Qualitätsstandards ganz einfach nicht mehr existierten. Typen mit Gesichtern wie Pissrinnenlieger bestimmten von nun an das Bild. Die Zeit für Verliererbands wie U2 oder BAP war gekommen.

Parallel dazu mutierte Bob Geldof, abgehalfterter Frontclown der britischen Überflüssigkeitsgruppe Boomtown Rats, urplötzlich zum Gutmenschen und plante die Rettung der Welt. Um armen Dritte-Welt-Menschen zu helfen, trat er einen popmusikalischen Spendenholocaust los. Klar, Benefiz-Konzerte hatte es schon seit den frühen siebziger Jahren gegeben, vorzugsweise zugunsten irgendwelcher asiatischen Staaten, die der Monsun unter Regenfluten begrub. Ab Mitte der Achtziger aber fand ein gnadenloser Ausverkauf statt.

Ob Dritte Welt, Kinder mit angewachsener Thermoskanne auf der Stirn oder gelangweilte Hollywoodmillionäre in Not – jeder, der im Musikgeschäft auch nur mal kurz ein Mikro eingestöpselt hatte, befand es für schick, ihnen zu helfen. Sting wollte den Regenwald retten, Bono die dazugehörigen Indianer, Paul McCartney das indonesische Baumwipfel-Gnu. Jeder legte es perfide darauf an, ein kleiner Mahatma Gandhi zu sein, und nahm mit seinen debilen Kollegen widerliche Popliedchen auf, von denen ›We Are The World‹ das bekannteste und exemplarischste war. Selbst Bob Dylan war sich nicht zu blöde, bei diesem Unfug mitzumachen. Nur P.J. Proby blieb geistig gesund und forderte: ‚Kann bitte endlich mal jemand den Regenwald abholzen, damit einem Sting und Konsorten nicht mehr auf die Eier gehen!‘

Das wirkliche Grauen aber trat hierzulande in Erscheinung, und damit ist nicht etwa Dieter Bohlen mit seinem gemischten Zweier Modern Talking gemeint. Nein, von schweren Evolutionsdefiziten gezeichnete Figuren wie Heinz-Rudolf Kunze, Herbert Grönemongo und Klaus Lage tauchten plötzlich auf und fanden tatsächlich Käufer für ihren Müll. Menschen, deren IQ wenigstens manchmal höher war als eine Teppichkante, wandten sich ab und einer Spielart zu, die nun „Independent“ hieß.

Bands wie die Bollock Brothers, The Jesus & Mary Chain, die Pixies und die frühen R.E.M. pressten – wohlgemerkt im Vergleich zu dem ganzen anderen Schrott – einigermaßen Hörbares in die schwarzen Rillen. Wirkliche Musikliebhaber jedoch schüttelten traurig den Kopf, hängten sich an Zimmerdecken auf oder fielen prophylaktisch ins Koma – aus dem sie erst 1987 das Album ‚Electric‘ von The Cult endlich erweckte.

_link Lotse

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