1034/14: Die Wunderbare Welt der Musiker-Kleinanzeigen: Erfahrungen aus der Zwischenwelt

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Meine Fresse, eine schwierige Geburt.

Schlagzeuger sucht standhafte Persönlichkeiten für verfestigte, gut funktionierende Bandstruktur. Ernsthaftigkeit, ein gewisses Quantum Erfolg in der Probearbeit und dergleichen sind wichtig.

Und nun melden sich Hinz und Kunz. Aber auch Müller-Lüdenscheid und Herr von Bodelschwingh, all ihre Namen sind frei erfunden. Ich tauche ein im Kontakttunnel mit vollkommen unbekannten Menschen, deren Erwartungen ich treffen kann. Oder die ich enttäusche, indem ich ihnen ihre Zeit stehle, für nicht erfüllbare Erwartungen.

In der Anzeige steht sinngemäß: „Bitte nimm, wenn Du Interesse hast, bevorzugt telefonisch Kontakt mit mir auf. Erfahrungsgemäß führen elektronische Nachrichten über das Kleinanzeigensystem zu unerfreulichen Pingpongs.

Und so ist es auch, nachweislich.

Die größte Unart: Fragen in der Art, wie „Hast Du einen Soundcloud-Player?“ (Ja, hab ich) oder „Was möchtest Du für Musik machen?“ (Gute, keine schlechte). „Wie ist Deine musikalische Vita?“ (Ruf an, netter Junge in Deiner Umgebung.)

Diese Art von Vorrecherchen ist unerfreulich und unergiebig zugleich. Nicht dass man nicht gewissenhaft jede Email beantworten könnte mit schriftlichen, sorgfältig abgewogenen Statements, Übertreibungen zur eigenen Person („Ich bin wirklich geil!“) oder mit Angaben wie „Habe in Berkley unterrichtet.“ (stimmt nicht).

Telefonate sind ergiebiger, direkter, ehrlicher und unverschlüsselt. Sie sind Gespräche eins zu eins. Antwort, Frage, Gegenfrage, Klärung. Nicht endloses Ping Pong mit Statements, deren einzelne Worte schwer wiegen, aber nichts bewirken, außer vielleicht Ablehnung zu erzeugen.

Helmut.Kohl

Der erstaunte Altbundeskanzler Kohl: „Meine Fresse, ist das schwierig, mit Kleinanzeigen für Musikersuchen umzugehen!“

Die Geschäftigen, die Abgeklärten. Die rasch nach vorne strebenden Karrieristen, von denen nie wieder jemand etwas hört.

Vor einer Woche ein paar Telefonate mit einigen „Jungs“. Vorgespräche, eine Verabredung für diese Woche. Da soll etwas laufen. „Ich melde mich bei dir, trag den Termin in den Kalender ein, ich schicke dir noch Anfahrtinformationen zum Raum.“ „Geht klar.“

Einer fackelt schon drei Tage vor dem Termin mit dem kategorischen Imperativ:

Kein Termin, kein Ort, keine Verabredung. Termin gelöscht. (Email über Anzeigensystem von ebay) Absender „Tobe“

Ich denke einen Moment nach: „Tobe?“ – Ich hatte niemand in meinen Kontakten mit diesem Namen, ich schaue nochmal nach, nein, Tobe ist nicht dabei. Ich antworte über das Emailsystem: „Sagst Du mir bitte noch schnell, unter welchem Namen Du mit mir Kontakt hattest? Ein Tobe war nicht dabei.“ – Schreibe ich ihm. Allerdings denke ich insgeheim auch:

Ich muss nämlich wissen, hinter welchen der notierten Namen ich das „Flag“ „Arschloch“ schreiben muss?

Vielleicht ist das das ganz große Kino der Erkenntnisse. Dass die Form dieser ersten rumpeligen Kontakte alles aussagt über die Menschen, mit denen wir es zu tun haben. Dass wir es zu tun haben mit den jungen, wilden Gestressten, die elektronisch ihre Termine mit Mails wie Lichtschwertern in die Welt streuen, um die Bande sodann sofort wieder zu zerschneiden, wenn sich der Andere nicht in diese Ordnung fügt.


SPLIFF – Jerusalem (live)

Man weiß es nicht genau. Es ist irgendwie krank, hat nichts mit gegenseitigem Gefühl für Persönlichkeit, Befindlichkeiten und Rücksichtnahmen zu tun.

Ein anderer wiederum erwidert bei nochmaligem Anruf, um nochmal die Details des verabredeten Treffens zu erörtern, sichtlich genervt: „Ja, ach so, ich habe jetzt schon einen anderen Schlagzeuger und mit dem mache ich was.“ „Ach so, na dann, dann mach das.“ Was ziehen wir denn daraus für Erkenntnisse? Richtig: Verabredungen sind nicht über eine Zeitstrecke von sieben Tagen Zeitdifferenz zu treffen, sondern gelten stets nur von Tag zu Tag. Tipp: Verabrede dich daher nie am selben Tag mit Musikern (Geht nicht, ich habe Bandprobe anderswo) und nicht in einer Woche (Ich hab inzwischen einen anderen gefunden.) Gut ist eine Verabredung mit anderen morgen, übermorgen oder spätestens überübermorgen. Wichtig: Es muss stets den Vorstellungen des Interessenten entsprechen und nicht deinen eigenen Vorstellungen.

Wieder ein anderer hat als Gitarrist sehr, sagen wir mal experimentelle Klangräume gebastelt, früher. Da gab es eine alte Homepage, die ist seit 2008 nicht gepflegt und da sind so Geräusche drauf, das sind sehr experimentelle Sachen. Das ist so ein „So bitte mit mir nicht“-Zeugs. Kracks, krssss, krisch….zack….ploff…., ich aber will Musik machen, nicht Klangcollagen, die niemand schon mal in der Musik eingepflanzt hatte.

Das nochmalige Kontaktieren führt auch bei diesem Experimentalisten und nach kurzer Konfrontation mit meinen Hörerfahrungen auf seiner Website in eine ganz unerfreuliche, sehr kurz angebundene Richtung. Meine Neugier ist eigentlich aufrichtig und sie ist grenzenlos: Ich weiß ja nicht, mit wem ich es zu tun habe, und was ich gehört habe, war ein interessantes Experiment. Aber hast du auch schon mal „so richtig“ Musik gemacht? So mit Verabredung, time, Akkorden undsoweiter.

Der Mann ist darüber so erbost, dass er vollkommen in eine psychosoziale Notlage kommt. Kurze Zeit später legt er unverabredet auf und beendet den Kontakt. Wir merken uns für solche Vögel: Frag nicht zu genau, bzw. sage bloß nicht, was du über das gedacht hast, was dir als Hörprobe präsentiert wurde.

Kleinanzeige 02.2010

Kleinanzeige 02.2010

Diese Schilderung bleibt unvollständig. Wie alle Kontakte es auch sein werden: Sie werden niemals zu erfolgreichen Verabredungen führen, die Hand und Fuß haben. Nachdem eine Fülle solcher Erkenntnisse bei fast jedem virtuellen Internetkontakt aufgetreten sind und man sich angesichts dieser Erfahrungen ein bisschen an die guten, alten Zeiten erinnert, bleibt noch nachzutragen, dass es wohl vor allem „die Zeichen der Zeit“ sind, die gegen positive Erfahrungen über diesen Zweig von Kontaktanbahnungen laufen.

Nun ist mir persönlich auch erklärlich, warum so viele Menschen heutzutage über Singlebörsen im Internet schier unerfolgreich sein müssen. Musiker sind bestimmt nicht anders als ganz normale Alleinstehende ohne feste Beziehungen im Leben: Allein, müssen sich ggü. einer feindlichen Außenwelt behaupten, wollen sich nicht die Zeit stehlen lassen und sind schwer vorbelastet. Niemand ist heute noch bereit, schlechte Erfahrungen zu wiederholen oder aus ihnen zu lernen.

Keine Zeit. Hat schon Spliff gesungen. Ist schon bisschen her .

 

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