1092/14: Sängerin gesucht: Es ist schwierig. Auch für die Sängerin!

SängerIn gesucht?


Wo ist eigentlich die Eins?

Am 14.06.14 diskutierten Musiker in Berlin-Moa-Beat eine wichtige Frage: Wo ist die Eins? – Sie kommt vor zwei, drei und vier. Im Ergebnis überraschend, wenn wir genau zuhören, stellen wir fest, dass es auf diese Frage mehr als eine richtige Antwort gibt. Denn wie der Keyboarder zum Drummer sagt: „Du hast überhaupt nicht zugehört!“. Die Eins kann bspw. auch da sein, wo der Rattenschwanz (an Akordik) ein Ende hätte. Oder so ähnlich. Am Ende führen beide Betrachtungen zum gleichen Ergebnis: Die Eins steht stets ganz vorn, unmittelbar am Anfang. Man muss also gar nicht genau zuhören. Diese Erkenntnis war es wert, der Öffentlichkeit erzählt zu werden. Künftig herrscht Klarheit. Auch über die gegenseitige Wertschätzung, worum es im Folgenden geht.

Der hier eingangs verwendete Banner ist ca. 4 Jahre alt. Ich werde ihn daher nicht kaufen, er ist zerkratzt. Das Luftkissenfahrzeug ist voller Aale.

Sänger gesucht. Sängerin gesucht. Wo sind sie? Sängerinnen suchen, in Singsing und anderswo. Manchmal kommt dabei heraus: Nur Singsang. Singsing, also der Wille, mehr als eine Probeprobe zu veranstalten, das hängt von vielem ab. Von der Sängerin, aber auch von den Macken der Mitmusiker, von ihrer Einstellung. Und von ihrer Unsensibelheit gegenüber leicht verletzbaren Seelen.

Popcouchcoaches allerorten unterwegs. Wichtige Miene zum verkniffenen Spiel. Die noch nichts erreicht haben, aber schon mal so tun, als wären sie wichtig. Unheimlich wichtig. Dabei ist Singen eine sensible Angelegenheit, es betrifft Sänger und Sängerin zutiefst. Es ist ein persönlicheres Instrument als die gekauften aus Japan, mit Chromfittingen und Markenemblem.

Es ist irgendwie „die eigene Seele“, die man verkauft.

Sänger/In noch nicht verkauft

Textauszug aus einer Mitteilung von eBay Kleinanzeigen

Dazu gehört sich feilzubieten. Anzubieten wie „sauer Bier“. Ich höre eine Geschichte von einer akademisch ausgebildeten Sängerin. Sie singt das Programm der Band „mit Bravour“ runter und bekommt zu hören: „Ja, super Stimme, aber das Gesamtpaket passt nicht.“ – So kann es laufen. Eine gute Ausbildung ist nicht alles. Hinzu kommen muss „menschliche, gute Ausstrahlung“ und „sie gefällt“ (anderenfalls: er).

Nora, Sängerin seit sie 14 war, sucht gerade eine Band. Jetzt ist sie über 30, „ü30“. Sie sagt ein paar Sachen zu mir. Ich geb es mal so ungefähr wieder, was sie sagt.

Es begann die Zeit zwischen Mehringdamm und der Gneisenaustraße, wir waren zu viert, Mirko, Laza, Andi und ich, wir waren gut, so gut, dass selbst der Knaak-Club wollte, dass wir dort spielen. Wir waren gut, weil wir voller Seele und Systemkritik waren, wir waren gut, weil wir uns miteinander identifizierten, wir waren gut, weil wir uns liebten , wie Freunde sich lieben, weil wir füreinander da waren. Wir spielten im Kalomi für die Biere, die wir für den Abend einplanten – wir spielten im Mistral und verloren uns in einer tanzenden Masse. (Nora, Sängerin)

Ja, hatte ich wohl zu ihr gesagt, sie solle sich mal nicht so festlegen auf den Rockbereich…. Sie sagt, jetzt wüsste sie, warum.

Ein paar Mal hat sie so Vorsingen gehabt. Sei viel Hochmut begegnet. Die meisten gäben Flexibilität und ein großes Arsenal an verfügbaren Musimodi vor. In Wirklichkeit seien sie aber gar nicht daran interessiert, Flexibilität zu gewähren. Vielleicht können sie es nicht?

Nora treibt vieles an, Auszüge aus unserem Schriftverkehr, sinngemäß:

Irgendwo sind sie, die Musikerinnen und Musiker, die ähnlich denken und fühlen. Mir sind die Entrückten mit Diagnose die liebsten, die Verrückten. Immer am Abgrund ihrer Existenz stehend, ganz nah an der Seele, und immer ehrlich. Ihre Konflikte, die sie mitbringen, sorgen für Irritationen, die Bewegung und Entwicklung bis hin zu Sublimation von Idee und kreativem Ausdruck.

Soulmates?

Wir Verrückten, die wir mit Meinesgleichen möglichst musizieren wollen dürfen, eine „Sprache der Seele“ (griech. Psyche) verwendend, die im täglichen Leben verborgen bleibt, diese Sprache irritiert, weckt auf, bringt Konflikte, hinterfragt und entwickelt sich weiter, sie ist dynamisch, drückt mehr Werte aus, als Alltagssprache es binär ausdifferenzieren kann als System von Gut/Böse-Mann/Frau-arm/reich-bestanden/nicht bestanden-wahr/unwahr. Die „Sprache der Seele“ kennt den Wert- sie erkennt und würdigt alle Menschen-, ganz besonders aber jene aus der dritten Position, die aus dem binären System herausfallen, für die es von den Binärfanatikern „integrative Sonderprogrammbehandlung“ gibt. – Wie viel davon bringt man im Sängerinnencasting unter, fragt sich Nora.

Viel zu viele wünschen sich eine klare, poppige Stimme, ein künftiges Goldkehlchen, verzerrte Rockröhren sind nicht mehr so gefragt.


„Ich will überhaupt nicht rocken!“ – Übungsraumschnitzel

Falsch programmiert: „Das ist jetzt überhaupt ganz falsch interpretiert. Ich will überhaupt nicht rocken. Ich finde das jetzt total gut, dass wir das jetzt jazzen!“ Schlagzeuger Tommy zu den beiden Mitspielern, um Klarstellung bemüht

Nora fragt: „Wo sind sie nur hin, die Musiker und Musikerinnen, von damals…..1999 am Mehringdamm – das gute alte Mistral….das Kalomi….das Kato…..alle weg oder was?“

Younger & Older: I Used To Play...

Younger & Older: I Used To Play…

Ja, es seien sehr, sehr viele Sängerinnen unterwegs, der Wahnsinn und so viele mit soviel Hoffnung auf Erfolg.

Das trifft auf die MusikerInnen zu, wie auf die SängerInnen. Es ist ein durch und durch kommerzialisiertes Ding geworden, dabei ist doch längst bewiesen, dass nur diejenigen eine Chance haben, die etwas besitzen, was diese leuchtenden Versagerleuchten allesamt nicht besitzen: Seele.

Ja, Herzblut, gute Instrumentenkenntnis, Vielfalt, und irgendso ein …..ALLEINSTELLUNGSMERKMAL. Etwas ganz besonderes, den Punkt, an dem Musiker aus der wabernden Masse der Musikwelt herausstechen. So wie mal Police so was war. Ist nur ein Beispiel.

Nora sagt: „Ich bin zugequatscht worden mit diversen Statements seitens der Musiker über ihre Bewerberinnen und das war nicht immer schön, wie wenig Wertschätzung für den Mut und die Offenheit entgegengebracht wird….dabei ist Gesang so eine sensible Angelegenheit.“

Genau das wird es sein:
Wie wenig Menschen wirklich liebevoll sind, wie wenige sich selbst genügend wertschätzen und wie viele gerade in der Musikwelt unterwegs sind und auf die fahrenden Züge aufspringen wollen, die äußerst schwierige, egomanische bzw. egozentrische Züge haben, und unfähig sind, sich in Liebe, mit Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme und – wie Nora es ausdrückt: gegenseitiger Wertschätzung – zu verhalten. Das geht auf keine Kuhhaut. Apropos Kuhhaut. Kennt Ihr dieses Video?


Im Außendienst: Zur großen Mitgliedernachwuchs-Rekrutierung in Zempow (aus Spezialistengruppe: Musikerwitze auf facebook)

Ab heute aber ist mit dem Mythos vom gesellschaftskritischen Selbstbewusstsein von Musikern Schluss: Viel zu viele sind „systemimmanent“ und gieren nach gesellschaftlich anerkannten, spießbürgerlichen Werten wie Verkäuflichkeit, Mainstream und Trendierbarkeit. Die Größten waren zu jeder Zeit jene, die genau in dieses billige Abziehbild bereits erlebter Eintagsfliegensuppen nicht ihr Brotbröckchen eintauchten. Sie kochten gleich eine ganz eigene Suppe und scherten sich um die Trends einen Dreck.

Ach ja, so war´s.

(Die hier aufgezeichneten Gedanken speisen sich aus einem repräsentativen Schriftverkehr und einer Art Brieffreundschaft mit Nora Ungenannt. Wir begegneten uns schon und haben auch schon mal Musik miteinander gemacht. Da hat sie u.a. gesungen: „Good Men Is Hard To Find“ und JA, ist teils aufgezeichnet, warum?)

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