1194/15: Positionen: Dürfen Proben mitgeschnitten werden? Vorsicht, Kamera! Paar Überlegungen zu ostentativem Digitalismus.

Icon Proberaum

Beuteschema_Gute.Aufnahmen

Melissa Etheridge (* Name geändert) betrat zum ersten Mal den Proberaum: Den Mantelkragen hochgeschlagen, eine große Mütze übers Gesicht, Sonnenbrille Marke Fliegenaugen: Als erstes scannte sie die Räumlichkeiten gewissenhaft ab. Wände und Decken. Irgendwo Aufzeichnungsgeräte? Dann legte sie entspannt ab: Nichts dergleichen. – So könnte künftig das Vorsingen beginnen. – Immer wieder im Streit: Wie stark ist das Recht des Einzelnen vorzuschreiben, ob wir in der musikalischen Probe digitale Aufzeichnungen anfertigen dürfen? Oder -vor allem dies- auf gar keinen Fall Aufnahmen erstellen zu dürfen? Ein paar Gedanken dazu. Durchaus absichtlich meinungsstark. Ich bitte um konstruktiven Widerspruch.

Dabei ist das Einführungswort des höflichen Hinzugewinns zuallererst: Vielen Dank für die Aufnahme. Mit Einführung digitaler Aufnahmegeräte ist das Aufzeichnen von Bandproben in recht guter Qualität viel leichter geworden. Aber auch schon in den Siebziger/Achtziger-Jahren liefen Cassettenrecorder mit, um auf Bandproben Kontrollmitschnitte anzufertigen. Selbst Demos wurden handgeschnitzt angefertigt, beispielsweise um an Gigs zu kommen. Kein neues Thema. Neu ist das Thema Digitalismus indes, seit es Internet gibt und im Web 2.0 kinderleicht Parallelveröffentlichung erfolgen kann.

Hier gibt es meinungsmäßig stark auseinander driftende Pro- und Contralager. Im Interesse der Versachlichung ein paar Gesichtspunkte, vielleicht ein Versuch, eine starke Meinung zu bilden und diese konsequent zu vertreten.

Ich persönlich kann die menschlichen Ängste und Befürchtungen verstehen, allzu schnell im Internet zu landen, mit musikalischem Probematerial, dessen Veröffentlichung man als „nicht reif“ bezeichnen könnte. Das Recht am eigenen Bild ist ein noch schwerwiegenderes Thema als das Recht am eigenen Ton, will man erst einmal meinen. Um diese Frage, um Veröffentlichungen im Internet, geht es mir gar nicht.


Paola geht rutschen – Bullshit: Alles wurde mit versteckter Kamera aufgezeichnet!

Je mehr Regeln Menschen schaffen, um sie anderen überzustülpen, desto weniger kann man dies künstlerische Freiheit nennen. Desto eher lauert eine Art künstlerischer Supergau. Denn um Regeln einzuhalten bzw. gegen sie zu verstoßen, ist es proportional zur Anzahl derselben ein leichtes, Regeln zu brechen. Es lauert der vorläufige, bzw. der hinausgezögerte oder der endgültige Erstickungstod. (Pro-These)

Es geht mir vor allem um die Frage, ob man Proben mitschneiden darf. Muss man das überhaupt fragen? Oder darf man die Billigung seiner Mitmusiker voraussetzen? Wie viele Bilder muss der Mensch malen, bis eins davon angeguckt werden darf?

Ich bin eindeutig dafür, Aufnahmen zuzulassen: Ja, man sollte Proben unbedingt mitschneiden. Ob mit Videos oder (nur) mit Audios ist dabei zweitrangig. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Selbst Videos anzufertigen, ist heutzutage schlicht einfach. Diese Klarstellung benötigt wohl der Artikel ziemlich weit oben: Eine Veröffentlichung von Proberaufnahmen ist damit (noch lange) nicht gemeint. Es geht um Privataufzeichnungen.

George, Berlin, sagt zu dieser Frage: „Nö, is normal. Mach ich auch immer und wem das nicht passt, der muss halt mit wem anders Mukke machen. Wenn das schon so anfängt, was soll das bitte später für ein Rumgezicke werden. Wenn ich Mukke mach, dann konzentrier ich mich auf das, was ich mache, normalerweise. Wenn da wer vorsingen will und die Band spielt, dann macht es doch Sinn, sich das Ganze mal zuhause in Ruhe reinzupfeifen.“

Klar wird, George T., Kaffeetrinker, trinkt den Kaffee auch gern mal lau, weil der ganz heiße schwarze Kaffee zu heiß ist, um sein Mütchen zu kühlen. Und wir sitzen zwischen all diesen denkbaren Stühlen von Freiheitsberaubung umgekehrt: Jemand will wirksame Kontrolle ausüben, Regeln setzen und sagen: Mess mich nur ja nicht, Du Messi. Oder ist es ganz anders?

Cora (1): …wenn die Sängerin auch eine Kopie bekommt, find ich das klasse. Schließlich muss sie ja auch entscheiden, ob ihr die musikalischen Ergüsse der Band überhaupt gefallen……wenn man konzentriert bei der Sache ist, überhört man schon mal das ein oder andere….und „Löschzusage“ und „Nichtveröffentlichung“ muß Ehrensache sein…….für die Band wie auch für die Sängerin, wenn ihr die Band zu schlecht ist“

Dass sich Menschen vor allzu eilig angefertigten Aufnahmen immens fürchten, lässt m.E. tief blicken. Gegen eine Aufnahme als Kontrollmittel, um einen Status Quo festzuhalten, ist nichts vernünftiges einzuwenden. Wer sich hiergegen – vielleicht sogar mit harschen Ellbogen – wehrt, hat Angst vor Kontrollverlust oder mangelndes Zutrauen. Erstens vielleicht in sich selbst und seine eigenen Fähigkeiten, zweitens eventuell aber auch Mitmusikern gegenüber.

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Vertrauen und Vertrauensbruch

Aufnahmen von gut gelungenen Proben schaffen Vertrauen.

„Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“ Dieser Satz umfasst mehrere Vertrauensdimensionen: 1. Vertrauen entsteht in Situationen, in denen der Vertrauende (der Vertrauensgeber) mehr verlieren als gewinnen kann – er riskiert einen Schaden bzw. eine Verletzung. 2. Vertrauen manifestiert sich in Handlungen, die die eigene Verletzlichkeit erhöhen. Man liefert sich dem Vertrauensnehmer aus, setzt zum Vertrauenssprung an. 3. Der Grund, warum man sich ausliefert, ist die positive Erwartung, dass der Vertrauensnehmer die Situation nicht zum Schaden des Vertrauensgebers verwendet. (Für die Suche nach mehr Vertrauen bitte hier entlang)

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Extrabreit – Polizisten

Aufzeichnungen von weniger gut gelungenen Versuchen, ein Stück zu spielen, sind demgegenüber keineswegs ein Vertrauensbruch.

Leon sagt: „Der Sinn ist der, dass man bei ner Probe manchmal zu übermotiviert ist und nicht so richtig anwesend und man so die Qualität nicht objektiv genug beurteilen kann es macht also schon Sinn grundsätzlich ab und zu proben mitzuschneiden und ich bin der Meinung dass man gerade als Sänger/ Sängerin nichts dagegen haben sollte, da alles andere ein Zeichen für fehlendes Selbstbewusstsein ist…“ (1)

Menschen, die sich einer wirksamen Hinterbandkontrolle durch gute Aufnahmen beim Musik machen entziehen und diese erst gar nicht zulassen, sind für mich daher in erster Linie erst einmal ganz schwierige Menschen. Ulla (1) mutmaßt, eventuell möge die Sängerin, die dies konterkariere, ihre eigene Stimme auf Aufnahmen nicht. Ja, nee, iss klar, oder? Und zwar nicht, weil sie diese Ängste haben oder gar ein (gesundes?) Misstrauen gegen ihre Umwelt, ihre Mitmusiker, sondern im Wesentlichen deswegen, weil sie anders Gesinnten (Bandmitgliedern) die Möglichkeit mit Gewalt abschneiden, von guten Aufnahmen profitieren zu können. Es drohe nämlich eine Art kompletter Kontrollverlust über die eigenen Ressourcen. Oder so ähnlich?

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Manch Sänger träumt gar von der Augsburger Puppenkiste: Er/sie als eine Art geschickter Strippenzieher,  eine Art heimlicher Machtintrige. Die Musiker benutzen, um persönlich voran zu kommen. Davon darf nichts an die Außenwelt dringen, niemand darf davon erfahren. Die Musiker werden geleitet, beherrscht und unterdrückt. Ich übertreibe bewusst etwas, um es deutlicher zu sagen…

Für Musiker gibt es nichts Wichtigeres beim Musik machen, als den persönlichen Erfolg bzw. Misserfolg reflektieren zu können. Wir wissen aus fast allen Lebensbereichen, dass Reflektion und Meditation über das eigene Fortkommen selten gut gelingt ohne jede innere und äußere Distanz zu sich selbst. Mit anderen Worten kann ich mich im Moment eines Auftritts kaum auf die Frage konzentrieren, ob ich gerade dufte rüberkomme. Ob ich groove, klasse spiele oder am Ende erbärmlich. Dazu brauche ich Distanz und Aufarbeitung. Ein paar Tage Zwischenraum. So finde ich wieder zu mir selbst.

Die Sache ist freiwillig: Niemand kann gezwungen werden, feste Regeln der Art ‚Es hat verboten zu sein‘ oder ‚Es ist absolute Freiheit aufzunehmen angeordnet‘ zu akzeptieren. Sind nicht klare Chef- und Angestelltenstrukturen da (Stichwort: Prince als Arbeitgeber seiner Mitmusiker, der sie bezahlt), muss es jedem Mitmusiker freigestellt sein, nach Herzenslust Aufnahmen anzufertigen. Natürlich darf er sie nicht ohne Genehmigung der Anderen veröffentlichen. Am Ende ist selbst das kein Problem, wenn man aus der Veröffentlichung weder den Namen noch das Gesicht des Mitmusikers schließen kann. Es ist schlicht wurst…..

Nun denn, ein paar Tage später gelingt es mir, mit halbwegs Ordnung im Kopf, auf diese Sache zurück zu kommen. Das muss sich natürlich lohnen. Niemand muss jeden Bullshit aufnehmen und stundenlang nachhören. Wozu? Im Durchsehen und Durchhören der letzten Probe gelingt es auf diese Art und Weise, die Dinge zu filtern und seine Fehler zu analysieren.

Mella, Hamburg (1): „Mitschneiden? Unsere potentiellen Musiker mussten immer etwas aufnehmen bei uns und wenn sie von vornherein nicht gewollt hätten: Alles klar; next! …

Vor allem aber einen Eindruck davon zu bekommen, was am eigenen oder am Spiel der Mitmusiker gewinnbringend war und was sogar störend wirkte. Es ist dieses, mit Abstand an einer, seiner eigenen Sache an sie heranzugehen. Als säße man auf einer Cloud im Himmel und schaue auf sich herab: Was man doch für ein grandioses Früchtchen ist?

Lisa (1) fürchtet eine unseriöse Handhabung des Materials und sagt: Ich denke prinzipiell, dass eine Aufnahme der Zustimmung bedarf. Ich würde mir als Sängerin-Aspirantin auch komisch vorkommen, wenn ein Mitschnitt läuft, von dem ich nichts weiss. wenn Ihr das später auf youtube stellt unter „Die doofsten Sängerinnen der Welt“ verletzt das meine Persönlichekeitsrechte. gleichzeitig hätte ich persönlich zum Beispiel jetzt kein problem, wenn klar erklärt wird, wofür der Mitschnitt dient und mir zugesichert würde, dass er gelöscht wird, wenn ich nicht einsteige.“

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Ich fasse nach einigem Nachdenken die Sache wie folgt zusammen:

1. In der Frage der Zulässigkeit von Audio- und/oder Videoaufnahmen kann kein vernünftiger Zweifel bestehen, dass eine Personen kenntliche Veröffentlichung gegen den Willen der Betroffenen oder ohne sie hierzu zu befragen, sich aus Gründen des Persönlichkeitsrechts verbietet. Punkt. Ohne Wenn und Aber.

2. Ob eine solche VÖ im Internet auf Diensten wie Youtube oder Soundcloud zulässig ist, bspw. in der Absicht, das Ergebnis einer Bandprobe mit den Bandmitgliedern zu teilen, ist jedenfalls zu Recht umstritten, wenn der Veröffentlicher solcher Inhalte die Personen namensmäßig nicht recherchierbar verlinkt oder benennt. Werden bspw. Videos von solchen Proben ins Netz gestellt, dürfte man die Gesichter der übenden Personen auf gar keinen Fall heimlich oder sogar gegen ihren Willen veröffentlichen.

Daneben lassen sich bspw. viele Einstellungen bei allen gängigen Dienstleistern treffen, um die Privatsphäre zu schützen. So können solche Dateien durchaus hochgeladen werden und auf „Privat“ gesetzt werden. Die Folge davon: Diese Dateien lassen sich nur noch abrufen, wenn man zu ihnen per privatem, geheimen Link eingeladen wird.

Derartiges ist auch äußerst sinnvoll, weil man bspw. dadurch in die Lage versetzt wird, neue Musiker zu rekrutieren, nach dem Motto: Du willst wissen, was wir machen? Nun, ich möchte davon absehen, allzu viel zu schwätzen. Lassen wir die Musik für sich reden, hier hast du mal ein paar Beispiele von Sachen, die wir gerade konkret machen.

Derartiges Vorgehen ist hochambitioniert, professionell und das Gegenteil von vorwerflich: Das Internet gibt einem wirklich tolle Möglichkeiten, zu kommunizieren und Ergebnisse, aber auch Zwischenergebnisse auszutauschen. Yeah. Rock´n Roll.

3. Für den privaten Erfahrungsaustausch bildet die Gruppe der Mitmusiker eine geschlossene Newsgroup in sich, die untereinander zum Dateienaustausch berechtigt sein muss. Dieses zu verbieten oder gar besonders streng zu reglementieren, ist so abwegig wie die Annahme, ein Flusspferd sei ein guter Bergsteiger. Ein solches Verbot ist niemand berechtigt auszusprechen. Richtiger wäre für jemanden, der dieses unterbinden will, der Band fern zu bleiben.

4. Wer heutzutage seine ernstgemeinten Bandproben nicht mitschneidet, verliert mehr als er gewinnen kann. Kein Zweifel. Die moderne Technik ist für den ambitionierten Musiker ein Segen. Nicht mehr und nicht weniger.

Alles andere ist schlechte Lebenserfahrung und schlichtweg Misstrauen in die Redlichkeit von Mitmenschen. Es kann gut sein, dass Menschen einwenden, würden sie aufgenommen, entstünde eine zu große Kontrolle und Fremdbestimmtheit über ihr Leben, die in die Hände von potenziellen Missbrauchstätern gelegt werden könnten. Von Selbstbewusstsein zeugen derartige Gedankengänge nicht, sondern von Verletzung, Misstrauen und dem Verdacht, die Welt bestünde nur aus Zwietracht.

Wie Menschen moderne Mittel anwenden, hängt auch mit Intelligenz zusammen und mit digitaler Klugheit und Besonnenheit und nicht zuletzt mit der Idee, die Konsequenzen eigenen Tuns gewissenhaft abschätzen zu können.

Ich gebe zu, das Thema ist mit diesen Gedanken nicht annähernd erschöpfend ausgeleuchtet. Man sollte trotzdem mal versuchen, mit dem Hinterleuchten dieser Zusammenhänge anzufangen. Das war die Absicht. Wird fortgesetzt irgendwann.

Vertrauen ist also eine perlende, frische Brause mit Waldmeister- oder Himbeergeschmack. Und nicht Perlen vor die Säue. Dennoch: Ein solcher Text wie dieser, das macht auch was mit einem.

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(1) Die Befragten sind Mitglieder der Spezialistengruppe:Musikerwitze auf facebook, die sich zu dieser Frage auf eine entsprechende Frage meinerseits geäußert haben. Die Gruppe hat mehr als 8.000 Mitglieder und bildet damit sicherlich einen repräsentativen Querschnitt durch alle musikalisch-gesellschaftlichen Schichten.

 

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