1788/19: Video: Neukölln, ist keine alte Crackhure. Sie ist eine Hure in ihrer puresten Form – Von Kalle Kalkowski

Video/Foto (Antonioni, Blow Up)


Kalle Kalkowski – Neukölln, Du alte Hure

Die Musik derjenigen Musiker, die aus einer bestimmten zeitgeschichtlich einzuordnenden Zeit Anfang der Achtziger im kalten Altbau-Westberlin kommen und heute noch leben, also ausnahmsweise, die klingt häufig ähnlich.  Man hört eine gewisse Metaphorik heraus. Die Wortwahl, Motive, verwendete Stilcluster: Alles wohlbekannt und gleich so wärmend: Aha, da isses wieder, das alte Westberlin. Ich liebte es. Ich liebe es.

Aus dieser Zeit kommt der nachdrücklichste und ungewöhnlichste Neuköllner Malermeister Kalle Kalkowski, dessen Auftritt ich immer mochte. Der gefühlt schon immer Musiker war. Mit meinem Freund Eddie Heidner (RIP) haben wir damals, ich erinnere ca. 1984, auf dem noch bracheleeren Moritzplatz in Kreuzberg Open-Hair-Konzerte der Langhaarigen veranstaltet und da war Kalle Kalkowski dabei und falls ich mich da nicht falsch erinnere, saß am Schlagzeug Ronnie Bosien (RIP). Oder war es Anja Kießling? Pofff: Anja hatte so einen unglaublichen Bumms. Ich werde sie mal fragen. Überhaupt hat offenbar bereits das Sterben teils eingesetzt. Ich find es bitterst. Neulich verwickelte ich jemand ins Gespräch übers neue Neukölln: Wie entwickelt sich eigentlich Neukölln? Wohin driftet es? Das gentrifizierte Neukölln: Ich mag das auch als Wort nicht. Und bekam Widerspruch, das wäre da nicht Fakt. Find ich nicht. Ich glaube, Neukölln ist inzwischen hip, noch hipper geworden als Hopp. Gangstas: Wie denkt Ihr darüber?

Der Alltag schleift den Menschen kerzengerade: Kalle Kalkowski hat immer nur Musik gemacht und lässt sich übers Kopfsteinpflaster schleifen. Machte bis heute Musik. Ich habe aktuell gar nicht nachgesehen. Ich hoffe, es geht ihm gut. Dies Video hier habe ich seit Jahren nicht vergessen, aber offenbar vergessen, hier als Lied des Tages vorzustellen. Ich finde es bedeutend.

Danke, Kalle. Falls Du noch Musik machst: Bleibt wie Du bist.

Ich widme diesen Artikel meinem 2019 verstorbenen Freund Edmund „Eddie“ Heidner und sende Eddie alle meinen guten Gedanken und meine Liebe hinterher.
Ruhe in Frieden.

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Edmund Heidner und Radio Wedding hier suchen
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186/10: Historische Schmachtfetzen: In Westberlin wurde 1983 ein neuer Radiosender gegründet!

Banner Legenden: Historische Schmachtfetzen

Textfetzen: Ich seh den Typen da im Werbeprogramm, der sieht gut aus, der macht mich an. Mir laufen keine 1000 Frauen hinterher, warum kann ich nicht so sein, wie der, yeah, yeah? – Kauf dir die Leidenschaft im Husten- und Orangensaft, tonight, den Duft der weiten Welt im Deospray für wenig Geld, geht high, ….sei frei, rauch Marlboro, kauf dir nen Sattel und keep cool… (Radio Wedding (1983), Song: Reklame)

Wie war das 1983? Richtig, ein vollkommen willkürliches Brainstorming in Stichworten:

  • (West)Berlin war eine der wenigen Städte der Welt, die lange nach dem Mittelalter noch von einer funktionierenden Stadtmauer umschlossen wurde. Wer raus wollte, wollte rein und musste Zwangsumtausch bezahlen und das Reiseziel genauer angeben. Wer weiter weg wollte, fühlte sich als „Transe“, Kurzform für „Transitreisender“. „Nach Helmstedt Kaffee trinken, war eine gern benutzte Redewendung.
  • Lummerland ist noch nicht gänzlich abgebrannt: Die Tage eines Innensenators und bekennenden Hardliners namens Heinrich Lummer (CDU) waren noch nicht verblasst. Er regierte mit streitigem Zepter von 1981 bis 1986 als Innensenator die aufgeheizte Westhälfte Berlins. Die Behauptung, ein gewisser Klaus-Jürgen Rattay sei Opfer eines inszenierten Busunfalls mit Todesfolge, hielt sich immer noch hartnäckig. Bewiesen wurde das nie.
  • Radio und Fernsehen, das waren einsame öffentlich-rechtliche Solitäre, noch war das Projekt „offener Kanal Berlin“ nicht am Start, indem später verschiedene Menschen versuchen sollten, „Radio und Fernsehen von unten“ zu inszenieren. Das war dann in Wedding, übrigens, in der Voltastr.. Es war also von vornherein nicht die abwegigste Idee von ein paar jüngeren Nachwuchsmusikern, einen neuen, weiteren Radiosender zu gründen. Dessen Befehlsstelle soll Gerüchten zufolge in Wedding gleich hinter der SPD-Zentrale (Mülllerstr.) in der Wildenowstr. gelegen haben. Die neue Band namens RADIO WEDDING wurde als „Exempel“ gegen die Medienoligarchie der Öffentlich-Rechtlichen statuiert, oder war’s am Ende ein ganz anderer Grund? Na ja, unwichtig.

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