Sa. Okt 1st, 2022

Es ist Deutschland in der Zeitenwende 1989/1990. Das Ehepaar Honecker kriegt nur noch Unterkunft, wenn eine evangelische Pastorenfamilie zur Aufnahme bereit ist, und das gegen einen ganz verbitterten Widerstand der gesamten Dorfanwohnerschaft. Pastor Holmer fragt die Honeckers auf einem Spaziergang: „Gibt es denn gar nichts zu bereuen?“ – Die Frage wird rasch abschließend geklärt. Darauf kommt man lieber nicht mehr zurück.

Die Geschichte erzählt Regisseur Jan-Josef Liefers (im Regiedebüt). Um es vorweg zu nehmen: Äußerst gekonnt. Aus dem Münsteraner Tatort nehmen wir Axel Prahl zur freundlichen Kenntnis. Er steht als Patient an der Dorfstraße, als Irrer, und schmokt (raucht). Rauchen ist so seins. Am nicht so supern Markt Konsum an der Dorfdurchgangsstraße geben sich Anna Loos und Kurt Krömer als überzeugte, gehässige Konsumisten (Konsum-Shop-VerkäuferIn) ein Stelldichein. Es lebe die konsumistische Weltrevolution.

Misheart Lyrics: Anna Loos und Kurt Krömer feixen sich eins. Kurt Krömer ist wie Anna Loos Konsumverkäufer(in), Typ Kittelschürze und nennt Margot H. die fünffache Missbildung. Pardon, Miss Bildung. #HoneckerundderPastor #zdfMediathek

9.8.1976 Erich Honecker (Foto: Bundesarchiv)
Erich Honecker (Foto: Bundesarchiv)
Generalsekretär der ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrates, Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR.
Aufnahmedatum: 9.8.1976

Running Gag Achtziger Jahre (West): Wer sich an die Achtziger erinnert, hat sie nicht miterlebt. Wir wissen das Meiste aus eigenem Erinnern. Wer es nicht erinnert, hat damals noch nicht gelebt. Jan-Josef Liefers selbst hat kurze Zeit vor der Handlung dieses Films in Ostberlin eine Rede qua Bürgerrechte auf dem Berliner Alexanderplatz gehalten. 2022 ist ein gutes Jahr, an diese Zeit der Honeckers in Lobetal zu erinnern, diese Zeit, kurz bevor das alte Ehepaar Richtung Südamerika aufbrach. Überhaupt: Hätte ich mir früher erträumt, einmal das Bild des Genossen Staatsratsvorsitzenden auf diese Website zu setzen, um über seine letzten Lebensjahre einen Filmverriss zu schreiben. Am Ende wird es gar keiner, befürchte ich schon. Vergeben, vergessen, verzeihen. Das zieht sich als roter Faden durch den Film.

Wie immer, wenn solche historischen Prosciutti e Prosciutti kredenzt werden, fragt sich der Zuschauer: Isses Vitello Tonnato mit Kapern? Oder Labskaus ganz ohne? – Doch das ist nur ein Teil der Antwort. Die jetzt so genannte frei Presse steht Spalier auf der Dorfdurchfahrtsstraße und schaut auf Volkes Fresse. „Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks“, erweist sich Erich, der Letzte, als später Philosoph. Die Spaziergänge Honeckers mit Pastor Uwe Holmer finden nicht nur an der frischen Luft statt, sondern widerspiegeln unerhörtes Gedankengut. Es ist die Sichtweise gläubiger Christen und stählerner Sozialisten auf die Zeit des deutschen Nachkriegssozialismus und wie immer, wenn Gläubige und stahline Glaubenskommunisten aufeinandertreffen, wird wenig gemeinsame Schnittmenge filetiert. Schnittgut bleibt Schnittgut: Es gilt, den filmischen Rapport über jene Tage in Lobetal 2022 auch cineastisch richtig einzuordnen. Ins Gewicht fällt als Wucher mit kinematographischen Pfunden jene DEFA Verfilmung, die ich (als) Wessi 1988 in Ostberlin gesehen und niemals vergessen habe: Der Film Einer trage des Anderen Last baut auf einer ähnlich problematisch, tödlichen Zweiheit von Kirche und Sozialismus auf. Der Film kassierte internationale Filmawards. Zum Sozialismus, bis der Doktor kommt: Ich begann damals, die Genesis der DDR zu verstehen und das auf eine leichte, nicht doktrinäre Weise. Bravo.

An Pastors Gartenzaun entlädt sich bürgerliche Wut, es zündeln sogar bengalische Feuer und der Mob wünscht, die Honeckers zu sehen. Hinter der Gardine hat sich was bewegt. Sie werden sie nicht zu sehen bekommen, diese alternden Helden einer untergegangenen Demokratur des Proletariats. Im Film sind die Haare von Margot noch nicht lila, aber das kann ja wegbleiben und ist historisch nur von untergeordneter Bedeutung. Von Bedeutung ist die Wirkung des Films auf seine Zuschauer*innen. Was macht so ein Film mit uns, wenn wir uns genauer auf die Spurensuche in unseren Erinnerungen begeben? Werden wir wütend sein? War es so gewesen? Wie war es denn wirklich? – Einen Moment bilden wir uns ein und hoffen, JJL war als Regisseur nichts zu schwör, kein Zeitzeugengespräch, weder Kosten noch Mühe hat er gescheut, hoffen wir und hat Pastor Uwe Holmer auf den Zahn gefühlt? Das Ergebnis ist wie Lieferando-Kunde zu sein: Jan Josef lieferts.

Ein Pastor predigt Nächstenliebe und lebt sie vor. Frei vom Schisma gesellschaftlicher Wutbürgerlichkeit nimmt Pastor Holmer das Rentner-Ehepaar auf, verpflegt sie gern mit Essen und Getränken, arbeitet Einkaufslisten ab und geht auf brandenburgische Waldspaziergänge. Vorbei ist jetzt die Zeit der Wasserpredigten und des Wein trinkens und die Zeit in Wandlitz, als Genosse Erich dänische und schwedische Pornofilme guckte (ficktive Darstellung hier), während Margot vom Chauffeur nach Berlin gefahren wurde, um gefährlich Liebschaften auszuleben. So promiskuitiv verhielt sich in jenen Lobetaler Tagen nur noch die Erinnerung an eine historisch gewordene Vergangenheit. Dafür lebt Erich jetzt besonders gesund: Er trinkt jeden Morgen den ausgepressten Saft einer Zitrone. Nur mit Druck gibt die Zitrone Saft. Sic!

Der alte Hund Honecker weiß die Unterkunft zu würdigen und Margot weiß die Dankbarkeit wortkarg einzuordnen, zwischen Höflichkeit, Dankbarkeit und Diplomatie mit Gastgebern. Man legt sich nicht wirklich an. Hier prallt immer wieder die Linientreue bibeltreuer Christen aufeinander mit Glaubensmaximen der Eheleute Honecker, die noch in Südamerika immer wieder aufs Neue ihre geschichtliche Deutung der ersten wesentlichen Zeitenwende 1945/46 nach dem II. deutschen Weltkrieg und Hitlerdeutschland hochhalten. Was sollen sie denn auch sonst tun? Überhaupt passt der Film Honecker und der Pastor in diese historische Gliederungsschema wie Arsch auf Eimer: Die Zeitenwende 2022 hat gerade erst angefangen.

Die Filmmusik springt mich nur bedingt an, hier fehlt mir das Kulturerbe jener Tätera, die Manfred Krug einst beschwor. Dessen jazzhaftes Liedgut wäre hier von Vorteil gewesen, wenigstens einmal wäre ein vergessener Farbfilm vom Strand von Hiddensee nur folgerichtig gewesen, Pannach & Kunert hätten ohne weiteres „Fluche, Seele fluche“ geben können, Renft einen Apfelbaum-Traum, und Gundermann den Baggerfahrerblues. Auch ein Stück Westkultur wäre aus „Das süße Leben“ (Interzone, weiter hier) denkbar, wegen der oben angesprochenen Wohnkultur hinter einer Gardine, die sich bewegt. So hätte ich es mir dringend gewünscht. Man kennt ja schließlich auch die eigene Herkunft. Ich mach mal nen Punkt: Ich hätte den Film in Sequenzen musikalisch anders unterlegt, bin aber bereit mich dem Regisseur und seinen Entscheidungen zu fügen. Ich kann ja nicht alles allein machen.

Wenn jemand stirbt, ist es zu Ende, sagt Margot Honecker. Wie recht sie hat.

#Chapeau #CharlieChaplin - Eine Ehrerweisung von blackbirds.tv
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JJL: Es gibt ein Chapeau von mir, meinen Segen hast Du, also bitte weiterdrehen…Börne!

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