1993/21 Filmabend im Ersten – Es wird Mitternacht, Luis Trenker – Vom schmallippigen Konformismus, Ziegenficken und dem schmalen Grat totaler Wahrheit

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Märchenonkel Luis Trenker ist auch Geschichtenerzähler – „Es wird Mitternacht, Luis Trenker“ – Er erzählt in auf Schreibmaschine getippten Tagebuchseiten der Eva Braun, versucht den Stoff nach Hollywood zu verkaufen und scheitert an seiner Belanglosigkeit, weil große Filmstoffe nicht vom warmen Fußbad des Führers handeln. Rund sechs Millionen Opfer eines unbegreiflichen Verbrechens entlarven den Tagebuchschwindler, Märchenonkel und ölige Ziegen fickenden, mittelmäßigen Bergsteiger Luis Trenker bis hin zu seinem Gesamtverfall als alpines Gesamtkunstwerk. – Fakteneinschub: Im Frühjahr 1925 besucht sie in Berlin eine Vorstellung des Stummfilms Der Berg des Schicksals (1924)  des Regisseurs und Bergfilm-Pioniers Arnold Fanck. In einem Hotel in den Dolomiten trifft sie auf Luis Trenker, der in Der Berg des Schicksals mitgespielt hatte. Er vermittelte ihr den Kontakt zu Fanck, der sich begeistert von Riefenstahl zeigt: „Als ich Leni Riefenstahl sah, war mein erster Eindruck: Naturkind. Keine Schauspielerin, keine ‚Darstellerin‘. Diese Frau tanzt sich selbst. Man musste ihr also eine Rolle schreiben, die aus ihrem Wesen geboren ward.“ Und so verfasste Fanck das Drehbuch zu dem Film Der heilige Berg, der von einer Tänzerin handelt, in die sich zwei junge Bergsteiger, gespielt von Trenker und Ernst Petersen, verlieben. Im wirklichen Leben hatte Riefenstahl eine kurze Affäre mit Trenker. (Fakteneinschub, Ende)

Von Tobias Moretti sehr schön dicht gewebte, ganz große Geschichte vom Karriere machen, mit Leni Riefenstahl vögeln, von Goebbels Gnaden und auf Parties von Nazis abhängen, Film, Karriere, Krieg und anschließendem Frieden, gefälschten Eva-Braun-Tagebüchern … „Es wird Mitternacht, Luis Trenker“ (Otto W., Emden).

War Luis Trenker ein gnadenloser Konformist wie viele, die in jener nicht ganz 1.000jährigen Zeitepoche dazu gehören mussten und es am Ende doch nicht konnten? Beispielsweise wg. inhaltlicher Verderbtheit und weil die Leibstandarte Adolf Hitler filmisch nicht vor einem vatikanischen Popen auf die Knie der Anbetung fällt. Inhaltlich vermuteten ja nicht wenige, es sei genau anders herum gewesen, damals: Der Papst habe der Naziclique gehuldigt. Tobias Moretti sagt zum Plan der Verfilmung des Trenkerschern Bergwegs: „Das hätte auch ein Grenzgang von Peinlichkeiten werden können, mit diversen Münchhausiaden, in Wirklichkeit aber war Trenker eine starke Persönlichkeit, beseelt von der Hybris dieser Zeit, nämlich: dass man die ganze Welt erobern kann, mit Ausklammern alles Negativen.“

Am Ende ist mir persönlich nur der Märchenonkel außen Fernsehen geblieben, richtig: Es überwiegen die Außenaufnahmen.

Dass er omnipräsent war als Bergsteiger und Märchenerzähler, das ist fester Bestandteil meiner Kindheit.

Ich zeige einen Link zur ARDmediathek, wo man einen kurzen Trailer ansehen kann. Und den Deeplink zum ganzen Film, der zeitbefristet via ARDmediathek abrufbar/verfügbar ist. Der ganze Film ist gewissenhaft durchgesehen meins. Sehr sehr gut gemacht, große Freude, cineastisches Vergnügen im Homeoffice Tulip. „Der schmale Grat der Wahrheit“ ist in dieser kurzen Zusammenfassung nicht verlassen. Die ölige Ziege ist nebenbei bemerkt die Kollegin Leni Riefenstahl, ein weiteres, fragwürdiges großdeutsches Filmwunder, dessen Demontage uns im Grunde genommen heute nicht mehr sonderlich mühen muss.

Weiterführend

1980/21 #Kritik – Tatort Stuttgart: Ein schrecklich nette Patchworkfamilie – Das ist unser Haus

der Kritiker: MRR in jungen Jahren!

#Tatort #TTT #Tulipstagram

#Tatort #TTT #Tulipstagram


Theodor Shitstorm – Tanz die soziale Distanz – Official Video: Dietrich Brüggemann – M+T: Theodor Shitstorm. (p) und (c) staatsakt 2020.

Vor vier Wochen sind die Mitglieder der Baugemeinschaft Oase Ostfildern in ihr Gebäude eingezogen und schon muss wegen eines Abdichtungsproblems das Fundament wieder aufgebaggert werden. Zum Vorschein kommt ein noch größeres Problem: eine nicht identifizierbare weibliche Leiche. – schreibt die ARDmediathek (Link unten) – »Menschen an sich sind halt schwierig und nervtötend und fehlerhaft. Aber wer das nicht will, der kann ja in so ein Reihenhaus ziehen – und sich dann am Ende wundern, wenn er stirbt und keiner vermisst ihn. Hier hat man halt die ständige Auseinandersetzung mit Leuten, die sich die Hälfte der Zeit aufführen wie egozentrische Kleinkinder. Aber die finden einen wenigstens, wenn man tot ist.« sagt die Protagonistin Christiane Rösinger gegen Ende des Tatorts Stuttgart, erklärend.

Unter Regie von Dietrich Brüggemann strahlt die ARD die Folge „Das ist unser Haus“ aus. Ein Schelm, wer an Ton, Steine, Scherben denkt. Vielleicht ist die Assoziation von Gott gewollt.  Sischer dat. Ein Dutzend ähnlich interessierter Bauherren stellt einen Neubau hin, um den Altbau nebenan. „Den haben wir gleich mitsaniert“, erklärt Ulrike, Kommune 2020-Bewohner*innen älteren Semesters. Alles ist hier genderneutral, ausführlich detailliert und jeder Moment findet ein gerechtes, ausreichendes ausuferndes Betrachten aller denkbaren Gedanken – nur stets aus allen sämtlichen denkbaren Perspektiven. Sind die Gedanken auch frei, nehmen wir sie als krude wahr. Das Regiespiel gelingt: Christiane Rösinger aka Ulrike wird Fernsehpublikum und Kommissar Leinöl-Richy Müller (aka Thorsten Lannert) die Pole zwischen selbstbestimmt ausgefüllten Leben erzählen und jenem in einer Community of Housemartins, wo jeder von jedem verlangt, jeden Kleinstgedanken denken zu dürfen und diesen aber auch zu gerechtfertigen. Wir verstehen inzwischen, warum in Berlin weit über 50% der Menschen lieber als Singles leben. Schaut auf dies Ostfildern. Wo nie gutes Karma regnet. Am Fundament dringt bei Regen immer Wasser ein. Brüggemann erzählt ergebnistief von fiesen Verwerfungen durchgeknallter Menschen, die spirituell glauben,  hinzugewonnen zu haben. Den Sinn des Lebens sowieso. Baumängel und eine unbekannte Leiche. Und das Vorleben abgelehnter Mitwohnkandidaten*innen.

Fronleichnam als Happy Kadaver in der wiedergeöffneten Baugrube, weil die Bauherren den Rat zum Trotz alternative Abdichtungstechniken am Keller-Außenmauerwerk anwenden. Nun läuft die braune Plörre in die Keller und man steht vor einem Sanierungsproblem. Hier ist die Kritik beißend fassbar: Das ist unser Haus, es ist unser erstes Haus und wir haben ein Recht auf Anfängerfehler. Auf diese Weise verbeißen sich die Bewohner erstmal in der Suche nach Schuldigen. Das gilt für die Baumängelhistorie ausufernder Sitzungsprotokolle genau so wie für die Leiche, und es betrifft die Suche nach dem vermeintlichen Täter. Ein Lehrstück der klassischen Psychologie, mit Projektionen und Schuldzuweisungen der allerbesten Art.

In erster Line war der Stuttgarter Tatort am Sonntag mal eine herausragende Sozialstudie über das Wesen von gemeinschaftlichen Wohnprojekten mit esoterischem Grund-Handwerkszeug, in denen Spekulationen über ein Kapitalverbrechen Tür und Tor geöffnet wird. Mit allen Verwerfungen, Glaubensrichtungen und intersexuellen Neigungen. Am Ende bricht jede Tätertheorie in sich zusammen und der nachweisliche Sexual-Triebtäter Heinz Rudolf (Kunze) wird öffentlichkeitswirksam freigesprochen, indem er nicht mehr zu Wort kommt. Summa summarum sehr gelungen.

Man kann den Tatort im Zugriff der ARD-Mediathek sehr wohl empfehlen. Viel Spaß beim Nachsehen. Die Musik zum Tatort fertigte Regisseur Dietrich Brüggemann selbst an. Wer in dieser Art von Welt leben möchte, muss sich diesen Tatort bitte unbedingt ansehen. Gnade Euch Gott, denn er hat „Hurtz“ gesagt.

Weiterführend

871/13: Linktipp: „Deutschland, Deine Künstler“ – Ein gutgemachtes Porträt über Xavier Naidoo

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„Da war einfach jemand, der hatte von Gott so ein Geschenk bekommen.“ Nena über die Stimme von Xavier Naidoo

Ein paar seiner persönlichen Vorurteile kann jeder abbauen, der keinen Bock auf den Schmacht- und Gurkensänger Xavier Naidoo hat. „Der jammert immer nur“, ist eine oft gehörte Redewendung über diesen souligsten aller souligen, deutschen Sänger.

Die – in der Tat – kannst du an einer Hand abzählen, in Deutschland. Xavier Naidoo gehört vielleicht ganz oben auf dieser kurzen Rankingliste, ob man seine Musik nun mag oder nicht. Gegen seine Musik kann man eigentlich nichts Vernünftiges einwenden, seine Stimme aber flasht auch Bülent Ceylan, den überzeugten Heavy-Metal-Fan. Was nun die Texte angeht, so macht sich jeder seine eigenen Gedanken über Sinn oder Unsinn.

In jedem Fall ist der ARD mit dieser Ausgabe von „Deutschland, Deine Künstler“ eine einigermaßen kenntnisreiche, nahe Porträtierung dieses besten, bzw. erfolgreichsten aller Söhne Mannheims gelungen. Sehenswert.

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