613/11: Gigs, Review: Liebesgrüße aus der Lederhose, Starnberger See, brennende Schlagzeuger & open stage

Das kleine vierteilige Grundset des Schlagzeugs der Firma Rodgers hat seine besten Tage schon überlebt. Die Felle sind so alt, dass man sie mit Jazzbesen nicht einmal mehr wischen könnte, so glatt sind sie. An der Snare ist das Resonanzfell durch, ein großes Loch klafft drin. Das untere Becken der Hihat hat einen Riss und wie Herbstlaub hängt das untere Becken am Hihatständer herunter. Dem Schlagzeuger nach mir werden neue Felle gebracht: es sind alte, gebrauchte aus einer Kiste, die sich von den Fellen auf dem Schlagzeug dadurch unterscheiden, dass sie noch weniger oft gespielt wurden. Der Clubchef sagt, sein Drumfellvorrat wird immer von Pete York zur Verfügung gestellt, der „umme Ecke“ am Starnberger See wohnt.

Bayern liegt im nichtsozialistischen Ausland, von Berlin aus gesehen. Mit Bayern verbindet uns in Sachen Kulturbindung mehr, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Und das geht so. Unser Weg führte uns -sagen wir nicht ganz zufällig- in das „Village“ in der Obermühle in Habach, das liegt südlich von München, nördlich von Murnau (Staffelsee) und ist für Ortsunkundige gar nicht mal so leicht zu finden. Abends um 8 Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Es ist auch noch nichts los.

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Performed Live: Da Blues Is In Da House – at Kulturmühle Village, Habach (via Youtube)

Jede Menge auch bekannterer Leute haben hier schon gespielt, es passen vielleicht maximal 200 Leute rein, dann stehen die Leute schon wie Zylinderstifte. Die Band „Iron Butterfly“ (In a Gadda da Vida) war schon da. Ten Years After tourten hier. Die Hamburg Blues Band kommt regelmäßig hier herein. Manche Bands dürfen nach den Vorgaben ihres Musikmanagements in so kleinen Clubs nicht spielen. Dann wird eben eine Geburtstagstorte kredenzt und das ganze als Privatfeier deklariert: Humor hat, wer darüber lacht…..

Das liegt allerdings daran, dass die Musiker, die am Donnerstagabend auf dem Weg dorthin sind, erstens von weiter her hierher strömen. Zweitens sind Rockmusiker Nachtaffen und Jazzmusiker erst recht. So ähnlich geht jedenfalls die Behauptung derer, die es hier wissen müssen. Da wir bereits um 8 Uhr hingekommen sind, habe ich allerdings auch das Primat der Erstgekommenen, ich werde von Anfang an auf eine Art Besetzungscouch gehievt, auf der eine Band zusammengestellt wird. Jede Band spielt dann sessionartig ungefähr drei Stücke und präsentiert „das instrumentale Gewehr“.

Der Chef vom Club ist ein eloquenter Gitarrenbauer, der nicht vom Clubleiten lebt, das sei sein Hobby, sagt er. In Wirklichkeit baut er vorzügliche „hand made“-Gitarren, etwas ähnlich den Modellen der Fa. Fender namens Stratocaster und Telecaster. Nur es sind eben hand-made-Gitarren. Du musst ungefähr 2.500,- bis 3.500,- EUR und bei Sonderwünschen auch bisschen mehr rechnen, um so eine Einzelanfertigung für dich anfertigen lassen. Dafür sind sie ganz vorzüglich. Die Pickups beispielsweise sind nicht mainstream-Ware aus Asien oder Übersee, sondern handgewickelt. Wow. Im Video seht Ihr den Herrn Gitarrenbauer links auf dem Stuhl sitzen.

Das Stück, das gezeigt wird, ist eins von dreien und der obligatorische „zum Schluss-Blues“ im Sechs/Achtel.

Der Club ist wirklich total irre und es lohnt ein Besuch dort, wenn ihr in der Nähe seid, unbedingt mal einen Besuch mit einplanen.

Nicht wenige meiner Gesprächspartner an diesem Abend sind Ortsansässige. Nicht viel weniger von denen sind welche mit Berliner in der näheren Umgebung und es ist kein Problem, die Straßennamen in Berlin-Zehlendorf, Wilmersdorf, Friedrichshain oder anderswo herunterzubeten und miteinander abzugleichen. Da wohnt mein Onkel, ja ich hab selbst dort gelebt. Mehrere meiner Gesprächspartner fragen als aktive Musiker nach, ob ich das Berliner Quasimodo kenne. Yes, I kenn!

Der Abend war toll und nachdem ich längst selbst die Bühne geräumt habe, um für meinen 21-jährigen Nachfolger aus Berg/Starnberger See den Drumhocker zu räumen und noch etwas später, stand dieser jugendliche 21-jährige wirklich in Flammen. Er hatte auf einem Barhocker gelehnt und irgendeine unwichtige Textnachricht in sein Handy getippt, eine SMS. Hinter ihm stieg plötzlich schwadenartig dicker, weißer Qualm auf. Er selbst fand es jetzt gemütlich warm. In Wirklichkeit hatte sich sein Sweatshirt hinterrücks an einem dort stehenden Teelicht entzündet und der ganze Mann drohte zu verbrennen. Sehr coole Liveshow, allerdings eilten einige herbei und klopften ihm nun auf den Rücken. Das Feuer wurde gelöscht, der Abend wurde gerettet.

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Performed Live: Da Blues Is In Da House – at Kulturmühle Village, Habach (Teil2) (via Youtube)

In einem Laden, in dem Schlagzeuger in Feuer aufgehen, muss es gut sein, oder?

Später am Abend stellte ich mich noch an ein LP-Timbales-Twin mit etlichen Kuhglocken, Woodblocks und einem Cymbal und heizte vier Münchener Musikstudenten ein, die jazzrock-/fusionartig schräges Zeug boten. Ich begradigte ihre musikwissenschaftlich interessanten und vielschichtigen zwei, drei Stücke und zusammen groovte es ordentlich. Selbst als der Schlagzeuger zunächst angestrengt wegschaute, führte dann meine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten bei ihm zu einem begeisterten Drumsolo, indem wir uns beide artig die Bälle zuspielten und abwechselten.

Wirklich, ganz großartiger Club und ich kann einen Besuch dort wirklich nur wärmstens empfehlen. Beste Grüße an die musikalischen Freunde dort in Drunten-Deutschland (Bayern).

(EP)

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