Schulhofjazz für den Frieden - den Nachbarn zuliebe

1329/16: Positionen: Zur Bandsoziologie, Filesharing, Dropbox, Jazzband sein, dem Notenwart und Copy & Paste á la Guttemberg

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Schulhofjazz für den Frieden - den Nachbarn zuliebe

Schulhofjazz für den Frieden – den Nachbarn zuliebe

Die folgende Kurzgeschichte basiert auf wahren Vorkommnissen und wurde erinnerungshalber für die Spezialistengruppe:Musikerwitze auf facebook aufgeschrieben.

‚Siri Leaks‘ oder „The Stolen Jazzfiles“ – vom 20.02.16

In einer Jazzband ist gewissermaßen die Arbeit unter älteren, rundlichen Herren stets sauber aufgeteilt. Sie bilden das BackOffice der zu hübschen, großartigen Jazzsängerin-Perle, denn sie ist der Eyecatcher auf den Brettern der Bühne. Der Veranstalter fragt zuerst nach Videos und Fotos, nicht weil er das BackOffice bestaunen möchte. Er möchte wissen, ob die Sängerin was hermacht.

Das BackOffice besteht aus bereits mindestens etwas angegrauten, etwas übergewichtigen Herren, die daneben Lebenserfahrung und auskömmlich Instrumentenübung mit sich herumtragen. Überhaupt nur deswegen hört sich die Sängerin gut an, abgesehen davon, dass sie sich gut anfühlt, aus den bereits dargetanen Gründen.

Einer im Orchester ist zum Organisator verdonnert. Eine nicht zu unterschätzende Rolle ist die des Notenwarts. Er muss die Noten zusammentragen, lässt sie sich von den guten Notenkundigen anfertigen oder reißt sie aus einem virtuellen Realbook raus. Die Ton- und Mundart der Sängerin ist zu berücksichtigen. Das macht es aufwändig.

Jazzpianist (gif)

Heutzutage wird viel filesharing betrieben. Die Anforderungen an den gewöhnlichen Musiker sind für gewöhnlich kein Problem. Jeder hat schon einen PC oder einen Apple und wie die unterste Ebene von Computernutzung funktioniert, wissen wir seit Theodor zu Guttenberg genau: Copy & Paste. Das mag so banal aussehen, dass es keiner besonderen Erwähnung bedürfte. In Wirklichkeit aber sind wir mit diesen beiden Banalwörtern schon bei der gefühlten Musikindustrievernichtung angelangt. Heute wird alles kopiert, ganze Musikstile, Interpreten, und alles wird beliebig.

Im Grunde ist Musik machen überholt und hat keine Zukunft. Die besten Lieder wurden bereits geschrieben. Es gibt keinen Neuschnee mehr und wozu ewig rezitieren was war? Aber ich schweife ab.

Die Dropbox spielt eine wichtige Rolle. Der Notenwart besorgt das spielbare Material in Noten, wandelt Seiten in pdf-Files um und packt sie in die Dropbox.

Das war am Mittwochabend rechtzeitig fertig.

Dann verschickt er eine Email an die Bandmitglieder und lädt diese zur neuen Dropbox ein. Darauf reagieren niemals alle Musiker. Manche haben datenschutztechnische Bedenken, andere sagen, Dropbox, das sei gar nicht so leicht und wieder andere lesen ihre Emails nie früher als vier Wochen später. Communication rocks.

Mittwochabend war alles rechtzeitig fertig. Für Freitag. Freitag ist Probe.

Unsere Sängerin ist zuverlässig. Sie arbeitet an ihrer neuen Band redlich mit. Sie ist immer eine der ersten, auch zwischen den Proben. Nun freut sie sich, dass der Notenwart (der Drummer) die 30 Songs hübsch aufgearbeitet und zur Verfügung gestellt hat. Sie holt die Dateien aus der Dropbox und packt alle 30 Songs auf ihren eigenen Desktop auf ihrem Computer.

Donnerstag früh weiß der Notenwart (der Drummer), dass niemals alle Musiker rechtzeitig ihre Emails lesen und sich auf Proben am Freitag vorbereiten. Deswegen gibt es ja den Notenwart. Das Notenmaterial muss hochexklusiv sein, solitär, einzigartig, richtig, einschließlich Tonart. Besonders wichtig: Jedes Bandmitglied braucht exakt dieselben Sheets, Noten, Abläufe, damit nicht jeder aus unterschiedlichen Quellen schöpft. Die Band ist kein Free Jazz-Ensemble, wo das ja interessant sein könnte.

Skelettorchester (gif)

Donnerstag früh aber hat der Notenwart ein Problem.

Sämtliche 30 Songs sind aus der dropbox verschwunden. Ein Fall von widerlichem Cyberhacking? Mitnichten. Die Sängerin, wir nennen sie fiktiv Siri, wie das Apple-Sprachsystem, hat sich die Noten auf den eigenen Desktop gespeichert.

Nur hat sie nicht Copy + Paste gemacht. Sie hat die Dateien ausgeschnitten und eingefügt, also die Dateien selbst verschoben. Von der gemeinsamen Dropbox auf ihren eigenen Desktop-Computer. Bassist Randy (* Name geändert) hat auch schon nachgeschaut, am Freitag sagt er: „Ja, ich habe nachgeschaut, aber keine Songs gefunden.“

Wir merken uns:
Eine private Sicherheitskopie ist unerlässlich, wenn man es mit Menschen zu tun hat.
Ein Vorgang, den man „The Stolen Files“ nennen könnte, wird sich nicht wiederholen. Die Dateien waren allerdings für Freitag nicht verfügbar, sodass die Jazzband improvisieren können musste. Das liegt im Bereich des Möglichen, für Jazzbands.

Es ist nicht unmöglich, Wissen zu teilen, man muss nur wissen, wie es geht. Und sich auf gemeinsame Standards einigen.

Siri Leaks wird in die Jazzgeschichte eingehen, die Sängerin allerdings nicht jahrelang in der Londoner Botschaft von Papua Neuguinea festgehalten werden, wegen Jazzismusvorwürfen gegen die Schweden. Die Sache wird von keinem europäischen Jazzgerichtshof prozessual überprüft werden.

Nächsten Freitag ist auch noch ein Tag. Bzw. eine Probe.

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