194/10: MSP: Vom Umgang unter Musikern und miteinander, von Chemie und offenen Antennen

MSP - Meinungen, Statements, Positionen!

Hör ma Rudi hör ma, lass es sein mit der Gitarre. Du haust hier wieder Dinge raus….Da kam mal einer an und sagte: Alter, biste nicht, ich sagte nein!“ (Herwig Mitteregger, Rudi)

Das erste Kennenlernen von Musikern miteinander ist ein zartes Pflänzlein und muss äußerst vorsichtig gehegt und gepflegt werden. Zu unterscheiden ist zunächst und auf der „obersten Ebene“, ob das Kennenlernen einer Profession dient, oder ob das gemeinsame Musizieren als „Funfaktor“ geplant ist. Denn die Profis unterscheidet von den Nichtprofis, dass sie ihre eigenen Einstellungen, Wertungen und Scheugrenzen im Zaun halten (müssen). Es geht um etwas Professionelles: um Geld verdienen. Alles andere ordnet sich dem unter.

Allerdings ist der größte aller Profis, der Rock-, Pop- oder Schlagerstar oder der aus Funk und Fernsehen bekannte Comedian in gewisser Weise auch unprofessionell, nicht so sehr darauf angewiesen, dass es jemand bestimmtes für ihn tut. Der Star kann es sich leisten, Personal nach „eigenem gusto“ auszuwählen und mehr (oder minder) Einfluss auf Form, Mitwirkungsrechte und Individualität seiner MitspielerInnen zu nehmen.


Rudi – Smudo (basierend auf Herwig Mitteregger – Rudi) via Youtube

Wahrscheinlich finden sie es funky, obwohl das gar nicht funky ist“ (Herwig Mitteregger, Rudi)

Ganz anders Herwig Mitteregger in der Achtzigern. Herwig Mitteregger (ex-Spliff) war der erste Schlagzeuger, der seine Stocktechnik in dem Song „Rudi“ eingehend unter Tonstudiobedingungen übte, public rehearsing! Die Unkundigen hielten es für einen Tischtennisball auf einer Tischtennisplatte, aber Rudi Herwig hatte in den Spliff-Tonstudios in der Moabiter Huttenstr. lediglich nur seine Stocktechnik demonstriert. Und ansonsten schnell den Rest der Instrumente selbst eingespielt für ein Album, das sich sehr gut verkaufte. Begnadeter Musiker Herwig Mitteregger! Ein Vorbild in jeder Hinsicht, hat einen Fehler: inzwischen Hamburger.

Musiker im semiprofessionellen oder Amateurbereich haben demgegenüber stärke „menschliche Anteile“ zu berücksichtigen. Der Umgang miteinander ist nicht professionell, er soll es vielleicht mal werden, noch aber ist er es definitiv nicht. Effjott Krüger (R.I.P, Effjott), Gitarrist und gelegentlicher Sänger der Band IDEAL sang folgerichtig:

Ich rede, was du gerne hörst, und du fällst gerne darauf rein! (Schwein, IDEAL)

In einer musikalisch emotionalen und auskömmlichen Atmosphäre miteinander müssen Menschen die Grenzen, Einstellungen, Wertungen und „Paradigmen“ ihrer Mitmusiker zunächst einmal so schnell als möglich kennenzulernen trachten. Das setzt ein gesundes Selbstbewusstsein, Teamfähigkeit und vor allem Neugier voraus. Ein neuer Mitmusiker, den muss ich sofort „ganzheitlich erfassen“. Dies gelingt kaum mit Sicherheit und ganz einfach. Wie in anderen Zusammenhängen, liegen Naturelle von Menschen nur selten offen zutage, ist mancher Mensch sogar geheimnisumwittert oder wird am Anfang von vornherein vollkommen falsch verstanden. Manche Menschen führen einen regelrecht auf psychologisches Glatteis. Hinzu kommt, dass gerade in künstlerisch umspülten „emotionalen Feuchtgebieten“ wie Fotografie, Bildende Kunst, Musik, Schauspielerei und dergleichen jede Menge mehr oder minder großartige Selbstdarsteller unterwegs sind.

Genau das erschwert den unkomplizierten und geradewegs verlaufenden, direkten menschlichen und offenporigen Kontakt. Alle Antennen müssen ausgefahren sein, und die Chemie muss stimmen, beides sind Plattitüden, Binsenweisheiten, aber es ist wichtig, sich das klar zu machen. Nichts, gar nichts, kann einen menschlichen, direkten Kontakt übertrumpfen: kein facebook, myspace, keine Emails, Websites und jede noch anders oder ähnlich geartete Zwischenbarriere guter Zwei- bzw. Mehrsamkeit. Ob einer tatsächlich ein Schwein ist oder sogar liebenswert, lässt sich nicht auf Statuszeilen oder „macht gerade“-Sofortmeldungen im Twitter-Style von 140 Zeichen verständig unterbringen. Dies Zeugs alles ist „eine gute, amüsante“ und kurzweilige Form von Kontaktanbahnung, den „kompletten Zugriff“ auf zwischenmenschliche Beziehungen können diese „Tools großartiger Unterhaltungskunst“ nicht ersetzen.

Auf diesen Plattformen kann man Meinungen zur Schau stellen und darauf hoffen, für sie geliebt oder anerkannt zu werden. Das kann man aber auch lassen.

Musiker müssen empfindsam sein. Plattformen, wie die hier zuvor Genannten, sind manchmal als  „Vorfilter“ geeignet. Es spricht ja Bände, wenn jemand ein Musikerinserat aufgibt und bei Anfragen darauf nicht einmal antwortet, oder stark zeitverzögert und ohne erkennbaren „Kommunikationsstrang“. So jemand hat möglicherweise einen Traum, den zu verwirklichen ihn aber abhält, lediglich nur ein Träumer zu sein. Und aufgebauschte Selbstdarstellungen im Netz können hilfreich sein, den „spirit“ einer Sache zu erahnen und für sich selbst zu entscheiden, ob dieser einem passt.

Fassen wir zusammen:

Nichts und niemand kann seine menschlichen Kontakte funktionierend über Ersatzbefriedigungsplattformen extrahieren und zu etwas Wesentlichem machen. Das Wesentliche eines Menschen drückt sich nicht auf standardisierten Benutzerprofilen, Pinnwänden oder in vorgestanzten Lebensschemata aus, sondern in selbst erschaffendem „Gesamtkunstwerk“ außerhalb jeder festen Form und daher ätherisch im Nebel persönlicher Eindrücke.

Entscheidend für das Funktionieren jeder Art von Beziehung ist der direkte, ehrliche und komplett unausweichliche Kontakt. Stimmt der Geruch eines Menschen, passt seine ganze Gestik, die Haptik und das Erscheinungsbild zu einem selbst? Und könnte man sich vorstellen, mit diesem Menschen ein Stück eines wesentlichen Weges gemeinsam zu gehen? Lippenbekenntnisse, die manche gern in PC-Tastaturen hauen, um sich von anderen abzugrenzen, eine bestimmte „besonders coole“ Einstellung vorzuspielen oder gar „state of the art“ zu sein, müssen einen eher vorsichtig und aufmerksam werden lassen. Vorsichtig vor Bekenntnismenschen! Der Gedankengang insgesamt ist mit dieser heutigen Abhandlung noch keineswegs inhaltlich abgeschlossen. Allein es fehlt die Kraft, einen „bedeuten Schinken der Gegenwartsliteratur“ zu früher Stunde zu schreiben und wozu auch?

…spricht der Gesangslehrer zu seinen Eleven:“Was glaubt Ihr gehört alles zum guten Ton?“- „Mit guter Stütze singen“-„Kopf nicht zu weit in den Nacken drücken“-“ Mund weit auf“-„nicht knödeln“-„Chakren bewußt nutzen“-„Kopf als Resonanzkörper einsetzen“- Da antwortet der Gesangslehrer: „Ja alles ganz gut und schön, abe…r das mitunter wichtigste habt Ihr vergessen- und zwar das: SCHNAUZE HALTEN !!!“ (Witz, eingesandt von Joe Carrera, Spezialistengruppe:Musikerwitze auf facebook)


Dumm, dumm, du bist dumm – Babes on Orgel (via Youtube)

 

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Weiterführend

Ein Gedanke zu „194/10: MSP: Vom Umgang unter Musikern und miteinander, von Chemie und offenen Antennen

  1. Pingback: xdrum.eu – pimp my drumming! » 149/10: Twitter Wochenschau am 2010-06-13

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