612/11: Gigs, Review: Erste vollkommen unmusikalische Konzertkritik der Welt #Musiker-Stammtisch

Der erste Musiker-Stammtisch war ein voller Erfolg, recht gut besucht und kurz gesagt noch ausbaufähig. Ob er sich zu einer festen Institution ausbaut, hängt von den nächsten, weiteren Terminen ab. Die lustigste Frage im Rahmen der persönlichen Vorprüfung stellte Tommi Stumpff, er fragte via facebook: „Gibt´s WLAN im Yorkschlösschen?“ Auf die Antwort „JA“ bemerkte er dann: „Gut. Dann komme ich vielleicht doch mal vorbei.“ – Kam allerdings dann nicht.

Vorab nur soviel: Es ist nicht richtig, dass Musiker eigentlich nichts zu sagen haben, denn sie machen ja Musik. Das war gestern Abend im Yorkschlösschen zu erfahren. Der erste Musiker-Stammtisch, wir hatten ihn angekündigt. Aus Gründen der journalistischen Sorgfaltspflicht haben wir den ersten Stammtisch besucht, um ein paar eigene Eindrücke zu gewinnen. Hier ein nicht repräsentativer, subjektiver Bericht. Und die Empfehlung, am nächsten Musiker-Stammtisch (am 07.11.11) teilzunehmen!

Am Musiker-Stammtisch gab es keine Musikerwitze. Der Gesprächsfokus war auf „ernst“ geschaltet. Hintergründig. Was machst Du? Seit wann machst Du das? Was hat sich eigentlich verändert? Bzw. wofür stehst Du eigentlich? Komische Anekdoten gab´s auch, das sind jene Geschichten, die vom Spaßniveau eher etwas unterhalb der Gürtellinie von Musikerwitzen angesiedelt sind. Über die man lachen kann, obwohl sie einem passiert sind. Realität.

Ich führte mehrere Hintergrundgespräche.

Joe Kucera (© Gudrun Arndt, 2010)

Joe Kucera (© Gudrun Arndt, 2010)

Mit Joe Kucera (homepage), mit dem ich übrigens immer sehr gern spreche. Joe ist in Berlin sicherlich „eine Institution“ in Sachen „gutes Blasen“, er setzt seine hohe Kunst sehr zielgerichtet ein. Mir ist er immer als der „Blasemann“ vom guten, alten Pete Wyoming Bender aufgefallen. Ich mag seinen Ton. Auch wenn er nicht bläst. Sondern redet. Rund, weich, manchmal elegisch, nachdenklich, nie überheblich, ein ganz netter Mensch. Im Moment engagiert sich Joe Kucera. Er hat das, was man „einen guten Lauf“ nennt. Auch wenn Pete W. Bender im Moment nicht mit ihm spielt. Pete spielt jetzt momentan mit „großem Orchester“, sagt Joe. Und Joey Albrecht (hier, Gitarre).

Francis Serafini ist gestorben. Es ging ganz schnell. Serafini hatte eine Menge musikalische und persönliche Freunde im Umfeld der Hagelberger Str. 14. Die Hagelberger 14, das ist sozusagen die einzig wahre „Komune 1“ in Sachen Musikkomune, die jetzt noch existiert. Wer denkt dabei schon an Rainer Langhans und Fritz Teufel? Die waren nie so musikalisch.

Ihm zu Ehren wird es ein „memorial“ geben, am Freitag, den 04. November 2011 ab 20:00 Uhr im Brauhaus Südstern, Hasenheide 69. Alle werden sich beteiligen, musikalisch und in Wort und Ton kleine Erinnerungsstücke feilbieten, angekündigt sind z.Zt.: John Vaughan, Wayne Grajeda, Ron Randolf, Tom Cunningham, Tommy Goldschmidt, Robert Williams….und eben Joe Kucera.

♪♫♫♪ When I was just a little girl, I asked my mother, what will I be – Will I be pretty, will I be rich? Here’s what she said to me: ♪♫♫♪ Kucera, cera, whatever will be, will be, ♪♫♫♪ the future’s not ours to see, Kucera, cera.

Joe sagte über Francis Serafini, wo es nachzulesen ist: „“Unsterblichkeit ist nicht jedermann Sache“ hat Kurt Schwitters schon in 1921 gesagt. Er hat bestimmt recht, aber was MEINEN Francis Serafini betrifft ….“.

Wir selbst hatten es in furchtbarem Englisch so gesagt:

And they´ve had eyes full with water, like a pipi wonderland! And, ladies & gentlemen, would You please attend this special concert to the honour of Francis Serafini!

Wir begreifen nun erstens, dass das Leben endlich ist. Toni Krahl (City) hat es am Grab von Herbert Dreilich (Karat) gesagt: „Die Einschläge kommen immer näher.“ Ja, so ist es. Der 04. November 2011, das wird ein ganz besonderer Tag und es darf natürlich auch geweint werden.

Unbelievable: Tommy Tulip (by Gudrun Arndt © 2010)

Unbelievable: Tommy Tulip (by Gudrun Arndt © 2010)

Was Joe Kucera mit Anderen als Europe Blues Train Festival 2011 auf die Beine gestellt hat, in deutsch und tschechisch, das ist schon was. Chapeau. Fotos von sich und anderen möchte er, so sagt er uns, nur von Gudrun Arndt haben, die mit uns am Tisch sitzt. Er sagt: „Das war schon immer so,“ und lacht, „ich habe einen Blick dafür, wenn etwas gut ist.“ Er meint die Fotoarbeit der Berliner Fotografin. Recht hat er. Gudrun hat ihn nämlich ebenfalls, für das Objekt, das Objektive, die richtigen Objektive und für musikalische Objekte der Begierde. Kaum Fotos von Berliner Livemusik-Geschichten, die sich ähnlich begeistert ansehen lassen, wie die von Gudrun Arndt, sie hat sich längst einen Namen gemacht. Sie hat die Kamera eigentlich immer dabei. Gestern auch. Ich hatte sie gefragt.

Schaut euch doch mal Arbeitsbeispiele von Gudrun Arndt an, hier ist einiges zu sehen

Eddie Dejean ist ein Drummer aus New Orleans. Er hat den Funk, nein, den Soul, nein den Blues, nein den Groove. Wir reden ein bisschen über dies und das. Darüber, wie man in Berlin vom Musik machen lebt. Eddie tut viel, ist umtriebig. Neulich dachte ich, er hätte in diesem Film mitgespielt, in dem es um das Leben von Udo Jürgens ging, der irgendwann in New York war und dort in einer Bar den Jazz geben musste. Aber das war nicht Eddie Dejean. Gary Wiggins hat da mitgespielt, Detroit Gary Wiggins. Berlin, so habe ich in den letzten Tagen irgendwo gelesen, das sei jetzt musikalisch das New York von Deutschland, in musikalischer Hinsicht. Wo es so ähnlich viele Musiker wie in New York gibt, aber vielleicht auch ähnlich viele, die davon nicht leben können? Egal, diesen Gedanken verfolge ich nicht weiter. Hauptsache Musik. Stilistisch will sich Eddie Dejean nicht festlegen lassen, von mir nicht und vom Leben erst recht nicht. Das kann ich gut verstehen. Für mich gibt es nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. So sieht er es auch. Herr Kollege. So ist das nämlich mit der Musik. Aha.

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Eddie Dejean Band (via Youtube)

Prix Europa – Award Show Berlin 2009: Die Eddie Dejean-Band

Unser Gespräch führt uns einmal rund um die Welt. Sinngemäß. Wir werden es an einem anderen Tag weiter fortsetzen, nehmen wir uns vor. Freut mich, das vorzuhaben.

Am Außentisch im Raucherbereich sitzt Dirk Blues-Rolle aus Wittenberg. Er ist zum Musiker-Stammtisch hierhergekommen. Seit einem gesundheitlichen down vor etlichen Jahren hat er sein Leben neu ordnen müssen. Irgendwann 2000 oder 2001 hat er eine Grunderfahrung gemacht, die wie eine Reinkarnation war. Er wurde musikalisch wiedergeboren. Da hat er in eine Mundharmonika geblasen und „diesen Ton gehört“, dieser Ton tat es ihm an. Seit dem ist Dirk Mundharmonika-Spieler, hat seine Kunst ziemlich trefflich ausgebaut. Inzwischen ist er ein Mundharmonika-Profi, spielt Bluesharp und gibt Mundharmonika-Unterricht.

Dirk Blues-Rolle hat die Liebe seines Lebens zweimal gefunden: erstens ist er Mundharmonika-Spieler aus Passion. Zweitens ist er seit ca. zwei Jahren mit seiner Freundin zusammen, die er bald heiraten wird. Er ist der „Junge mit der Mundharmonika“. Sie übt es jetzt auf Gitarre ein. Wird er dann das Solo dazu spielen? Na klar. Dirk Blues-Rolle ist vielbeschäftigt. Er hat sogar schon mal im Vorprogramm der Puhdys gespielt kürzlich. Hallelujah, der Osten lebt!

Er ist eben kein Berliner, wenn auch Berlin nicht so weit weg liegt, als dass es sich für ihn doch lohnt, gelegentlich hier vorbeizuschauen. Nicht aus finanziellen Gründen, denn wiederholt betont er, die Wertschöpfung seines Musizierens finde eher im Umland statt. Wer kann in Berlin von Musik noch leben? Dort hat er so viele Schüler, dass ich die Nullen hinter der führenden Eins mit zwei beziffern möchte, genauer geht es jetzt erinnerungshalber nicht.

Dieser Musiker-Stammtisch im Yorkschlösschen, das war ohne Frage eine ziemlich schräge, durchgeknallte Mischung von verschiedenen Persönlichkeiten, Musikstilen, Nationalitäten. Die Mischung macht´s.

Ich hab kein Interesse dran, dass wir hier an diesen Abenden auch Musik machen. Mir geht es darum, den Musikern, mit denen ich ja auch immer wieder zu tun habe, mal was zurückzugeben. Und das wir auch quatschen können. #Olaf Dähmlow, O-Ton

Da dürft Ihr auch mal hingehen, einzige Voraussetzung: Ihr fasst Euch als Musiker auf. Oder als Schlagzeuger.

(EP)

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