618/11: Global Village: Berlin hat mehrere direkte Drähte nach Huglfing, das liegt in Bayern

The famous, xtraordinary blackbirds.tv (Live, 2008)

The famous, xtraordinary blackbirds.tv (Live, 2008)

Auf unseren Wanderungen durch Deutschland treffen wir nicht ganz zufällig auch auf Huglfing. Dorthin schon seit vielen Jahren. Huglfing, das war für uns ganz früher, so 1996, Obereglfing. Aber Obereglfing respektive Untereglfing, da sind für uns jetzt nur noch die Kühe. Wir stiegen als Besucher dieser Gegend in der Nähe von Murnau (am Staffelsee) auf und alles verlagerte sich mit den Jahren nach Huglfing. In Huglfing in der Waldstr. 4 steht ein im Untergeschoss des Hauses gelegenes Kneipenlokal selben Namens: „Waldstr. 4“.


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Sparks – This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us (via Youtube)  

Global Village: In Zeiten des Internets ist die Welt kleiner geworden, vernetzter. Vernetzungen bestehen zwar auch ohne das Internet. Durch das Internet aber werden sie sichtbarer. Wer käme schon auf die Idee, dass in der bayerischen Enklave Huglfing Musiker sitzen, die eine feste Vorgeschichte mit Berliner Handlungssträngen besitzen? Also ich erst einmal nicht. Ich sollte mich irren. In der „Waldstr. 4“ besaß ich am Ende des Abends diese Erkenntnis noch nicht. Im „Village“ in Habach, ein paar Kilometer weiter, war mir das am selben Abend schon klargeworden. This world ain´t big enough for all of us! Klasse alter Song und die Kultband „Sparks“ (Funken)

Diese Kneipe „Waldstr. 4“ besuchen wir an einem Samstag, letzte Woche.

Am Donnerstag zuvor waren wir in der Kulturmühle „Village“ in Habach. Das liegt ein paar km weg, querfeldein, eine ausführliche Nachbetrachtung von diesem Abend kannst du bei Bedarf hier nachlesen. Während Donnerstag im „Village“ in Habach „open stage“ stattfindet, also die Möglichkeit, an Sessions teilzunehmen, hat sich die Kneipe „Waldstr. 4“ dies für den Wochentag Samstag auf die gastronomischen Fahnen geschrieben.

Im Vergleich mit dem „Village“, so ist meine persönliche, nachträgliche Meinung, ist die „Waldstr. 4“ kein Vergleich mit dem „Village“. Das „Village“ ist mir in Erinnerung geblieben als eine überaus ambitionierte Spielstätte für Livemusik mit einer inhaltlich liebevollen, detaillierten Betreuung dieser Absicht. Lest vielleicht auch mal die hier verlinkte Rezension des Abends. Dort gibt es auch zwei Livevideos von dem Abend.

Um es vorweg zu nehmen: Im Village gehen Schlagzeuger ereignisreich in Flammen auf. Hoher Unterhaltungswert. In der „Waldstr. 4“ kann es demgegenüber eher schon mal so sein, dass Schlagzeuger am Biertisch einschlafen. Alles einen Schritt gemächlicher und mehr auf´s Gast sein festgelegt. Musik ankündigen, um Gäste ins Haus zu bringen. Zahlende Gäste. Die Musik selbst spielt nicht die Hauptrolle dieses Abends. Jedenfalls nicht an diesem Abend, finde ich. Leider.

Was nun die „Waldstr. 4“ in Huglfing angeht, so erscheinen uns der Ort und das Event am jeweiligen Samstag eher als eine Art „Gästebringer“, ohne sich mit den Folgen eines solchen Rufens heraus in den Wald angemessen beschäftigt zu haben. Das Ganze scheint eher unmotiviert und zufällig zu laufen, also führungslos; es fehlt eine helfende Hand, ein „host“, jemand der die Initiativen ergreift. Eine open stage benötigt auch immer eine „gute, ambitionierte Seele“.

Eingangs des Abends frage ich bei der Bedienung nach und lege meine Drumsticks gut sichtbar auf den Tisch vor mir: „Wie ist das hier mit Session?“. Sie sagt schnell, irgendwie gehetzt: „Nein, die Musiker sind noch hier!“ Aha. Dann setzt sie nach: „Ihr müsst das alles aber noch aufbauen“, und sie zeigt dabei auf die „müde Bühne“, es steht ein bisschen Zeugs herum, alte Verstärker, ein Schlagzeug mit Bassdrumbeschriftung „Dixon“, schwarz.

Ja, hier wurde wohl früher mal Musik gemacht. Doch dann bauen sich ein paar gemischte Jugendliche, teils mit Dreadlocks, teils mit glatten, langen Haaren, die schwarz eingefärbt sind, die Instrumente so zusammen, dass man sie sogar benutzen kann. Sie sind es wohl gewohnt, sich selbst zu helfen. Eigeninitiative.

Diese erste, die Bühne stürmende Band war als Teamverabredung vorher nicht erkennbar. Es gibt also keine Liste und Session ist das nicht. Sondern die Verabredung von einigen Jungendlichen, sie würden auch gern einmal zusammenspielen. Ich habe sie  aufgenommen, videotisch. Ich stellte mir die Frage: „Wann darf eine Band auf die Bühne?“ Wenn sie dazu Lust hat? Oder wenn sie eingespielt ist, also einigermaßen fehlerfrei spielen kann? Der Beitrag dazu ist hier nachzulesen bei Interesse.

Okay, das war jetzt keine Session, wenn es auch teils so klang. Nun ist die Bühne wieder leer. Wie geht es weiter? Nach einigem Leerlauf stürmt ein unbekannter Nebentisch-Nachbar die Bühne, geht entschlossen auf das verhüllte Piano zu und nimmt auch die Front ab. Nun klingt das Ding ganz offen. Er spielt irgendwas an wie einen Blues. Das ist meine Gelegenheit. Ich frage ihn, ob er eine Begleitung braucht?  – Yes we can. Ich zücke die Jazzbesen, das reicht. Das Dixon-Schlagzeug ist wirklich eine Grotte. Während der ersten einminütigen Bühnenshow animiert der Herr mich nun, ein Schlagzeugsolo zu geben. Zu früh, finde ich, ich bin noch gar nicht warm, und vor allem: nicht auf einer Grotta della Catastropha.

Wir wechseln in einen Song, dessen erste Akkorde mir bereits viel bedeuten: „You´ve got A friend“ von Carole King. Er erwähnt noch beiläufig: „Und treib mich nicht!“ Na, selbstverständlich. Eine Sängerin kommt ebenfalls spontan auf die Bühne, nun sind wir zu dritt. Da entwickelt sich was. Allerdings hat er danach nun auch wieder nicht so viel Lust, weiter zu machen. Er will wieder zu seinem Bier und zu seiner Tisch-Abendpartnerin zurück. Wir kommen ins Gespräch.

Es ist Andreas Baum von der Baum & Baum GmbH in Hugfling. Baum & Baum, das sind „Vater & Sohn“, Vater Andreas Baum, aus Hamburg, hat mit Sohn Tobias Baum, „im Studio aufgewachsen“, diese kleine, feine GmbH gegründet. Sie machen Rundfunkwerbung und Musikproduktion. Er hat viele Spots gemacht, u.a. für Möbel Kraft, Bad Segeberg. Welche weiteren Referenzen er hat, mag man der Website entnehmen.

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Sascha Grammel & Frederic Freiherr vom Furchensumpf „Hetz mich nicht!“  (via Youtube) 

Was Andreas Baum angeht, so hat er nach kurzem Spiel an den Schlagzeuger, also mich, die Bitte: „Und treib mich nicht!“ Das ist der fromme Wunsch eines gestandenen Musikers an den Tasten an den Schlagzeuger, er möge bitte nicht treiben. Also „hetz mich nicht“. So wie bei Sascha Grammel, dessen „Hetz mich nicht“ sein Protagonist Frederic Freiherr vom Furchensumpf regelmäßig mit Nachdruck erwähnt. Nie hätte ich vorgehabt, „meinen Pianisten“ vor mir her zu treiben.

Von musikalischem Interesse ist auszugsweise aus der Vita

Als Pianist oder Keyboarder war er mit allen möglichen Größen auf der Bühne oder im Studio: Gerry Brooker, Hazel O´Connor, Freddy Mercury, Jack Bruce, Joe Cocker, Meat Loaf, Uriah Heep, Mother´s Finest, David Hasselhoff, Wolfgang Fierek, Konstantin Wecker u.v.a.

Später bin ich wieder in Berlin und „facebooke“ zum Spaß in die Spezialistengruppe:Musikerwitze. Ich stelle meinen Livemitschnitt aus der „Waldstr. 4“ in diese Spezialistengruppe, weil ich das Videoergebnis witzig finde. Das ist eben meine Art von Humor. Ina ist dort auch Mitglied, die Gruppe hat inzwischen mehr als 1.000 Mitglieder. Ina ist Saxophonistin in Berlin, sie schreibt auf die Pinnwand: „Ich war auch schon mal in Huglfing!“. Das halte ich für interessant, was war der Anlass?

Sie schreibt, ihr ehemaliger Mitmusiker Tobias Baum lebt da. Aha: Global Village, und jetzt sind wir bei der Überschrift dieses Artikels angekommen und der Erkenntnis: Huglfing und Berlin verbindet viel viel mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Es gibt tatsächlich weltweite Vernetzungen, zwischen Huglfing und Berlin und mit San Francisco, New York, Sydney, Ohio, Brisbane und Obereglfing, bzw. Untereglfing. „This town ain´t big enough for the both of us“, sangen die Sparks in den Siebzigern. Aber die Welt insgesamt schon, oder?

 (EP)

 

 

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