297/10: Personen & Porträts: Roger Radatz arbeitet zeitlebens an seiner eigenen Evolution, mit Erfolg!

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Bye And Bye – A New Orleans Gospel Night – Franzoesischer Dom Berlin, Dezember 2009 – Roger & The Evolution with Lillian Boutté and Denise Gordon (via Youtube)

Karl Johannes Schindler

Karl Johannes Schindler

„Natürlich war früher immer alles besser. Ein Gesetz. Die Tomaten schmeckten auf jeden Fall besser.“ (Roger Radatz aka Bootsie Nightingale, Jazzschlagzeuger & Sänger, im Gespräch mit Karl Johannes Schindler)

Es war einmal, in Berliner Musikszene-Zusammenhang! und machen wir uns nichts vor, so beginnt eigentlich fast jedes Berliner Märchen, ein Jazzmusiker namens Roger Radatz, der sich selbst gern Bootsie nennt, aber das ist eine andere Geschichte. Ein gewohnt routinierter Interviewer namens Karl Johannes Schindler nahm Herrn Radatz gesprächsweise in die Zange und das Ergebnis bilden wir hier ab. Denn es ist ein Gerücht, das in der Berliner Musikszene aufhört zu leben, wer die 30 überschritten habe. Besonders viel, lebenslange Erfahrung, davon kann Roger Radatz u.a. ein Lied singen, und sogar rhythmisch dazu zucken mit, sagen wir: Extremitäten! Über verschiedene Trommeln verteilt. Ein Interview mit einem Berliner Szene-Urgestein!

Harzkurier 19.01.09 - Meiterhaftes begeistert beklatscht!

Harzkurier 19.01.09 – Meiterhaftes begeistert beklatscht!

Das Interview führte Karl Johannes Schindler, dafür herzlichen Dank!

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K.J.S.: Du hast dir deinen unverwechselbaren Drum-Stil direkt an der Basis, in New Orleans, angeeignet. Was treibt einen Berliner zur Vorliebe für diese Art Musik?
Bootsie: Ja, auch direkt. Angefangen hat alles mit Gerd Tenzer. Den hab‘ ich …damals mit White Eagle Jazz Band im Leierkasten gesehen und gehört. Tenzer hat völlig anders gespielt als alle anderen Schlagzeuger. Ich bin total drauf abgefahren und habe gesagt: „So muss man dit spielen“. Danach habe ich mich dann mal ernsthaft bemüht, einige alte Drummer aus N.O. auf Schallplatte zu hören und bin zu dem Schluss gekommen: Da Musik hin!
K.J.S.: Von welchen Musikern würdest du sagen, dass sie dich am stärksten geprägt haben?

Bootsie: Die Antwort wird dich vielleicht überraschen: Roger Chapman, Jimi Hendrix, Gilbert Becaud, Shirley Bassey. Wenn Du aber Schlagzeuger meinst, dann ist es mit Sicherheit Freddie Kohlman aus N.O.(*), mit dem ich sehr lange zusammen mit den White Eagles auf Tournee war. So konnte ich alles von ihm klauen. Nun ja, fast alles.

Hinweis der Redaktion: Freddie Kohlmann war in den 40er Jahren der Drummer von Louis Armstrong.

Freddie Kohlmann (rechts), Quelle: http://jazzmeblues.it

Freddie Kohlmann (rechts), Quelle: http://jazzmeblues.it

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K.J.S.: War früher wirklich alles besser, oder ist Berlin auch heute noch eine gute Adresse für Musiker und Künstler aller Art?

Bootsie: Natürlich war früher immer alles besser. Ein Gesetz. Die Tomaten schmeckten auf jeden Fall besser. Berlin ist heute eine viel, viel bessere Adresse für Musiker als früher. Allerdings nur für den Mainstream oder ganz abgefahrene, neue Ideen. Für Musik, wie ich sie mache, ist Berlin ein Desaster. In Berlin findet das „Neue“ statt. Die alte Jazz- und Rockmusik fristet meiner Meinung nach ein Nischendasein.

K.J.S.: In wie vielen Formationen spielst du aktuell?

Bootsie: Sidney’s Blues und White Eagle Jazz Band. Das langt.

K.J.S.: Wer oder was fällt dir auf in der Berliner Szene?

Bootsie: … dass ich mich ‚raushalte.

K.J.S.: Was wäre die hiesige Jazz-, Blues- und R&B-Kultur ohne das Yorckschlösschen?

Bootsie: Da komme ich zurück auf die Nische. Das Yorckschlösschen selbst würde ich zwar nicht als Nische bezeichnen, aber es bietet sie. Hier ist sowohl Platz für alte Knacker wie mich und das dazugehörige Publikum, als auch für jüngere Gruppen und Künstler, die dieser Musik frönen. Natürlich gibt es auch andere Clubs in Berlin, aber das Yorckschlösschen ist nun mal der renommierteste. So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch größere Namen hier gern gastieren. Außerdem gibt’s da wunderbare Steaks.

K.J.S.: Um das Yorckschlösschen ranken sich die verrücktesten Sagen und Legenden. Was ist deine Lieblingsstory?

Bootsie: Als Olaf Hausverbot hatte. Zum Totlachen.


The Storm Is Passing Over -A New Orleans Gospel Night – Franzoesischer Dom Berlin, Dezember 2009 – Roger & The Evolution with Lillian Boutté and Denise Gordon (via Youtube)

K.J.S.: Welche Bedeutung hat der Tisch des Grauens für den Fortbestand der freiheitlichen Demokratie – möglicherweise sogar weltweit?

Bootsie: Gar keine. Die Demokratie hat sich schon längst selbst betrogen. Weltweit. Da hilft nur noch der Garten des Schreckens.

K.J.S.: Du gibst im Herbst Exklusiv-Konzerte im Schlösschen. Darf das als ganz besondere Liebeserklärung an diese Stätte verstanden werden?

Bootsie: Selbstverständlich! Aber auch, weil es einfach unerträglich ist, sich ständig mit schwachsinnigen Veranstaltern und Promotern herumzuschlagen. Ich möchte für Leute musizieren, die ich schätze und die mich schätzen. Alles andere ist Käse und von mir lange genug ertragen worden. Basta! Hier im Yorckschlösschen ist alles da, was man als Künstler braucht. Ein Wirt, der die Musik liebt und zu allem Überfluss auch noch etwas davon versteht, ein Piano, eine Anlage und klasse Publikum. Na also.

K.J.S.: Wo treibst du dich musikalisch mittelfristig sonst noch so ‚rum?

Bootsie: Och – mal hier, mal da und natürlich auch dort. Ich trete kürzer und fange an, das Leben zu genießen.

K.J.S.: Was möchtest Du noch los werden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?

Bootsie: Ich würde gerne mal mit deiner Tochter ein Beatles-Medley im YS singen

K.J.S.: Ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals!

Bootsie: Dito!

Roger Radatz © Gudrun Arndt, http://aquilalux.com (mit Dank)

Roger Radatz © Gudrun Arndt, http://aquilalux.com (mit Dank)

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OK, tatsächlich bleiben noch einige Fragen, die wir Roger Radatz bei Gelegenheit stellen werden, wenn es sich ergibt. Sonst nicht.