

Schlagertherapie – Es geht besser, besser, besser (live @ Bühne im Hof, St. Pölten)
Die Schlagerhymne „Es geht besser, besser, besser“ interpretiert von der Schlagertherapie mit Thomas Gansch, Leonhard Paul, Sebastian Fuchsberger & Michael Hornek – gefilmt am 14. Dezember 2024 in der Bühne im Hof in St. Pölten.
Ich bin weniger auf Konzertereignissen in Berlin in den letzten Jahren. Konzerte in Berlin zu besuchen, verlangt ein ausgedehntes Zeit- und Organisationsmanagement. Klavierspieler und Keyboarder Michael Hornek tourte allerdings im besten therapeutischen Sinne „feat. Tobias Moretti“ auch ins Berliner Tipi am Kanzleramt, also musste ich hin. Michael ist mir als Wahnsinnsmusiker im besten Sinne gut bekannt seit ein paar Jahren. Besonders erwähnenswert finde ich nicht nur sein wiederum therapeutisches Zusammenspiegel mit einer ziemlichen großen Handvoll ausgesuchter Schlagzeuger aus der ganzen Republik. Michael Hornek war mehr als 10 Jahre musikalischer Begleiter des deutschen Übervaters Klaus Doldinger (Passport). Wenn jährlich im Februar das Drumweekend Regensberg von Gerwin Eisenhauer stattfindet, trifft auch Michael Hornek ein. Immer wieder haben Michael und ich und viele viele Andere im Hotelfoyer des besten Hotels Orphée in Regensburg (Untere Bachgasse) jejammt. Ein paar MusikerInnen (SeminarteilnehmerInnen) und Hoteljazz am Abend im Anschluss an die Workshops von Gerwin Eisenhauer, Ralf Gustke, Benny Greb, Jost Nickel, Felix Lehrmann und vielen großen Drumstars der internationalen Musikszene. Im Februar beselte und wischte Jojo Mayer (Schweiz/USA) in der Hotellounge sich die Seele aus dem Leib.
Am Abend den 07. Juni 2026 liegt der Fokus nicht auf dem fehlenden Instrument Schlagzeug. Vielmehr ist die Schlagertherapie dieses Namens ein konzertantes Quartett aus vier SängerInnen, MusikerInnen und einem Orchester aus mehr als 88 Musikern, wie Grand Master Thomas Gansch eingangs des Abends erklärt. Soviel Tasten hat ein Klavier, der musikalische Direktor ist Michael Hornek. Alle drei, die nicht in die Tasten hauen, singen mehrstimmig, im gekonnten Satzgesang, sie bedienen ein paar Blech- und Holzblasinstrumente. Einige der Fa. Schagerl aus Österreich, die ich 2019 besuchte, um die ausgezeichneten Drumsets von Schagerl eingehend zu besichtigen, aber auch andere Firmen. Es ist ein betreuter Abend: Betreutes Schwelgen. In Erinnerungen. Gekonnt durchmoderiert, gekonnt gesungen und mit Finesse geblasen. Bis auf das Stück Musik, indem die Holzflöte herausgeholt wird. Doch auch darauf kann nicht verzichtet werden. Wer sich einmal so richtig schlecht fühlt, dem kann geholfen werden – trotz Blockflöte.
Schlagertherapie & Tobias Moretti – Trailer (Live @ Bühne im Hof, St. Pölten)
Der Projekt-Trailer zur Schlagertherapie mit Thomas Gansch, Leonhard Paul, Sebastian Fuchsberger & Michael Hornek, sowie dem Gasttherapeuten Tobias Moretti – gefilmt am 14. Dezember 2024 in der Bühne im Hof in St. Pölten.
Glaube mir, glaube mir, meine ganze Liebe gab ich Dir. Warum wendet sich Dein Herz von mir? – Fast so fragt sich das Publikum, was das jetzt sein soll. Das Programm ist ein Parforceritt durch ein ganzes Stückchen Musikgeschichte. Mit Bewusstsein blenden die Herren an diesem Abend allzu sehr in die Gegenwert hinübergeretteten Schlager-Sufragetten Cindy & Bert, Jürgen Marcus, Christian Anders und dergleichen Siebziger-Schabernack aus dem Programm aus. Es geht weiter zurück. Wie bemerkt doch Thomas ziemlich eingangs seiner Abendmoderation. Das ist das glauben, das Gegenteil davon ist Wissen. Ein größerer Teil des Publikums habe die Gnade der frühen Geburt empfangen. Das bedeutet nichts anderes als Vorsprung im Wissen. Gelächter.
Dann gibt es Freddy Quinn, einen der Götter zum Vorhof des Gartens. Laternenanzünder. So wie die ausgewählten Stücke. Zum Freuen. Zum den Mief des Alltags draußen lassen. Man nimmt die Blasinstrumente in den Gesang und kleine Keyboards zum Mundblasen, die quäken. Und fällt dann in den tiefen Bass, um als nächstes in ziemlich hohes Falsett zu wechseln. Stimmen haben sie, singen können sie. Die ersten Stücke des Abends ohne Tobias Moretti, der allerdings dem ersten Stück gleich anfangs beiwohnt, um zu rechtfertigen, was Thomas Gansch dazu hinreißt, den Gast als Publikumjoker zu präsentieren. Im Unterschied zu Jauchs Wer wird Millionär ist der Joker das Lockvögeli. Das Tipi (550 Sitzplätze) ist an diesem Abend gut gefüllt. Es geht besser, besser, besser (Catharina Valente) und am Ende das Erkennungsmerkmal der Analogzeit: Das Ritardando bis zum Ausklang. Beifall.
Thomas Gansch – Trompete, Flügelhorn, Gesang
Sebastian Fuchsberger – Gesang, Posaune
Leonhard Paul – Posaune, Basstrompete, Gesang
Michael Hornek – Klavier, Gesang
#LineUp
Der deutsche Text von Blue Bayou (Roy Orbinson), eine tschechische Polka und Ihnen viel Vergnügen und uns viel Erfolg kalauert der Conferencier Thomas Gansch, Gelächter.
Auffällig stimmstark ist Sebastian Fuchsberger, the Voice, während Thomas Gansch und Leonard Paul durch eine große Range stimmlicher Vielfältigkeiten brillieren. Michael Hornek ordnet das chaotische Treiben der drei MitmusikerInnen (das Gendern wird immer so eingestreut, das welche im Publikum lachen müssen). Leise, schalkhaftige Amouren und Spielereien mit der deutschen Sprache. Nun erinnern uns die Bläsersätze durchaus an ein merkwürdiges südlich von Bayern wohnhaftes Bergvolk, die Alpenkulisse brennt. Höchstes Stimmfalsett, Bläser, Tusch – bums, aus. Sie sind Flaschenkinder. Als nächstes bläst das Orchester aus ÖsterreicherInnen (sic!) halbgefüllte, stimmlich gefüllte Flaschen. Auch das Flaschenblasen scheint ihnen nicht fremd. Italienisches Andiamo. Oder wie das heißt. Überhaupt. Es gab mal eine Phase im Schlager, da kamen die nicht deutschsprachigen Schlagersänger in den deutschen Sprachraum und sangen sich die Seele aus dem Leib. Wie das phonetisch klingt und wie deutsch auf Italienisch klingt, erfahren wir ausgiebig. Schenkelklopfer.

Dass Musik etwas Großes innewohnt, kann man erahnen, wenn man sich den Lebensweisheiten von Satchmo Louis Armstrong genauer zuwendet, der einmal gesagt hat: „Es gibt nur Sorten Musik. Gute und schlechte. Ich bevorzuge die gute.“ Und so ist einer bekannten italienischen Melodie. Das Lied „Gina“
Meine Gina und ein fremder Mann
schauten sich ein kleines bisschen an
meine Gina dachte nicht daran
dass für mich ein böses Lied begann
Wo ist er ba ba ba ba-ba-ba-ba
der Fremde Mann
was hat er mit dir getan
sag es mir
ich rate dir
weil ich sonst
sehr bös sein kann
Auszug Text
Pause. Sag mir Quando, wann? Sag mir Quando Quando Quando (um die Frage zu beantworten: Die Pause dauerte geschätzte 20 min). Um mit Quando Quando zu eröffnen. Wieder Sebastian Fuchsberger in Bestform. Ich finde seine Stimme eindeutig am besten, obwohl das Urteil natürlich bescheuert ist. Wie kann man drei ausgewiesene Vokalisten, die Blazern (Achtung, Wortspiel, gemeint ist bläsern), zu Guten und weniger Guten küren, Quatsch, entscheidend hier der Gesamtzusangenhang (Achtung, Wortspiel). Das Trio Infernale mit 88stimmigen Orchester am Klavier brilliert und man empfiehlt: Heftiges Mitsingen. Genau.
Schlagertherapie – Quando, quando (live @ Bühne im Hof, St. Pölten)
Im zweiten Teil zieht die Kreise um weitere bedeutsame Musikstücke der Schlagerwelt. Aber auch Kaiserschmarrn und Serviettenknödel, a Mehlspeis stehen auf dem Spielprogramm.
Tobias Moretti wirkt den Abend hindurch als immer wieder hinzugefügte Kolorit. Und als Mischmasch verschiedener Rollenspiele, wie es Schauspielern zuweilen zueigen ist. Mal als wortverliebter Musikkritiker, der die Musik an und für sich und die Lyrics im Besonderen auseinandernimmt und sie dann inhaltlich zusammenfaltet. Lachen im Publikum.
Geben*s dem Mann noch ein Bier singt zur Abwechslung Michael Horneck. Dazu müssen die Anderen zum Klavier kriechen, was sie wörtlich nehmen, um dann ein Trio Infernale als Klavierbeseitigung zu bringen. Das ganze Zelt schunkelt mit. – Ich wiederhole an dieser Stelle die Geschichte mit der Flöte von oben nicht nochmal. Hier findet sie dann statt, und das durchaus virtuos. Leider nicht nur virtuell. – Tobias Moretti gibt den süddeutschen Kritiker Anselm Weber aus der gleichnamigen, zuständig für das lyrische Ich des deutschen Schlagers und noch viel mehr. Es ist aus, und es gibt kein Wiedersehen, niemals mehr ein Wiedersehen. Es ist aus. – Es gibt Millionen von Sternen, unsere Stadt hat 1000 Laternen. Aber Dich gibt’s nur einmal für mich. Schalla la. ♪♫♪ Schon der Gedanke, dass ich Dich einmal verlieren könnt. Schalla la. – Nein, es ist aus! Aus! Aus! – Bis auf den Zugabenteil. Alle fordern sie lautstark ein.
Der Abend ist den Eintrittspreis wert. Man muss allerdings bereit sein, sich auf gänzlich unerwarteten Wendungen und Räubergeschichten, höchstvernügliche allzumal, einzulassen. Wer die Scheuklappen zuhaus gelassen hat, ist hier bestens aufgehoben. Hingehempfehlung. Und nicht nur, wenn Du bereits die Gnade der frühen Geburt hinter Dir hast. Versprochen.
Und am Ende könnte man heulen wie ein Zelthund:
Dass es schon vorbei gewesen ist.
Heimgefahren

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