181/10: Concert Review: Julia Oschewsky & Band am 31.05.10 im B-Flat in Berlin – Nachbetrachtungen

Julia Oschewsky: „Wir waren nicht untätig, es sind einige neue Stücke entstanden. Man muss wohl fest mit einer neuen CD rechnen“

Das ist keine Frage: Julia Oschewsky, wohnhaft in Amsterdam, einen Koffer in Berlin, steht eine große Karriere bevor. Alles eine Frage der Zähigkeit, des dran Bleibens, des weiter Spielens. Sie hat gute, sehr gute Musiker um sich geschart und das zweite von zwei bisher hier bekanntgewordenen Konzerten (beide im B-Flat) ist besser gewesen.  Schon das erste (2009) erregte uns, oder war es unsere Aufmerksamkeit?

Jetzt trat Julia Oschewsky am 31.05.2010 ein weiteres Mal im Berliner Jazzclub B-Flat in der Rosenthaler Str., Berlin-Mitte auf. Und wie die Sache vonstattenging, kann eigentlich kein Zweifel bestehen, dass wir so noch weitere sehen und hören werden. Der Club war viel besser als beim ersten Mal gefüllt. Daraus darf geschlossen werden, dass eine intensive Berichterstattung „Langfristfrüchtchen“ trägt tragen muss; ein Fragebogen „warum kamst du her?“ wurde nicht verteilt, gegangen sind hinterher viele mit glücklichem Gesicht. Auch die Künstlerin selbst war zufrieden

Klingt wie: Julia Oschewsky – Escape forward (Album „Inner game“ – mit freundl. Genehmigung der Künstlerin)

Julia Oschewsky & Band - 31.05.10 - B-Flat Berlin

Julia Oschewsky & Band – 31.05.10 – B-Flat Berlin

Wir wissen seit langem, dass der Jazz, wenn er moderner ist, zeitgenössisch genannt zu werden pflegt. So könnte man es auch hinsichtlich der Musik von Julia Oschewsky und -not to forget- einer „fulminanten“ Band von „jungen Kerlen“ aus „aller Herren Länder“ nennen. Eigentlich ist kein Konzert, wie ein anderes und jedes weitere ist kaum mit einem Vorgänger vergleichbar. Ähnlich ist es schon: instrumental sind die „vier Jungs“, mit denen sich Oschewsky umgibt, nichts anderes als großartig. Das kann erraten, wer sich zuvor kleine Tonträgerchen, Silberlinge, angehört hat, wie z.B. den Debüterstling „Inner Game“, den Julia Oschewsky letztes Jahr (2009) veröffentlichte.

Das Band-Lineup:

Julia Oschewsky (vocals) Folkert Oosterbeek (piano) Guillermo Celano (guitar) Peter Nitsch (doublebass) Felix Schlarmann (drums) – fester Wohnsitz: Amsterdam, Niederlande (umgangssprachlich „de Niederlandse Platlande“…, da wo Frollein Antje regiert oder heißt sie Bintje?)

Felix Schlarmann

Felix Schlarmann

Ein paar Frauen sagen übereinstimmend, Felix Schlarmann, das sei ein außergewöhnlicher Drummer. Er habe so eine bestechende Lockerheit. Locker vom Hocker. Lockerheit, ist das ein Fach von mehreren im Schlagzeugstudium? Den Gedanken verwerfen wir wieder. Aus der facebook-Spezialistengruppe:Musikerwitze:

Ein Schlagzeughocker, das ist was mit drei Beinen und einem Arschloch obendrauf.

Für diesen Witz sind wir nicht verantwortlich.

Schlagzeuger Felix Schlarmann ist ein „auffällig gewordener“ Drummer. Er spielt so Büschelsticks von MarkPro, aber erhältlich sind die nirgendwo. Er spielt Jazzbesen. Er spielt gewöhnliche Sticks. Er hat zwei Becken, lediglich nur zwei Becken und beide sind als Ridebecken und als Abschlagbecken (Crash) zu gebrauchen. Er spielt auch ohne Sticks. Mit den Fingern. Er klopft uns einen. Manchmal auch einen mehr. Niemand kann so viel spielen und gleichzeitig so leise, atemberaubend wie ein flüsterndes Schlagzeug und hat schon mal jemand ein flüsterndes Schlagzeug gehört?

Gitarrist Guillermo Celano ist aus Argentinien. Er sagt, niemand in Argentinien kommt wirklich von da. Er hat italienische Vorfahren. Das erklärt seinen italienisch klingenden Familiennamen. Er spielt ein „schräges Brett“, das ist eine Halbakustikgitarre (rot) mit so „Effbögen“ drauf und in seinem Reisegepäck ist ein „kackebrauner“, verranzter Reisekoffer, so eine Art Packtasche, da ist alles drin. Das kann er aufklappen und da drin sind seine „Fußtreter“, so Pedale mit Effekten, Verzerrung und allem möglichen. Celano spielt selten die Töne nur „auf Eins“. Celano ist ein Zampano der Lautmalerei und tritt gerne unfassbare (Sound-)Gemälde los.

Frollein Antje

Frollein Antje

Jazzig, dann kurz verzerrt dreckig, dann ein paar Punktierungen, eine leichte Bassline, um dann von „hinten durch die kalte Küche“ seine gesamten Schwellkörper zu aktivieren. Gitarristen mit Schwellkörpern treten dazu meist auf Fußtreter, die man vor sich ausbreitet, auf Volumepedale oder Wah-Wah-Controller. Wer einen Ton langsam von der sauber gedachten Eins zur Zweieinhalb von Vieren anschwellen lässt, löst damit Wellenbewegungen aus, die bei richtigem Timimg wohlige Gefühle auslösen. Guillermos Schwellkörper sind so gesehen heiß begehrt heut Abend. Sein Anteil am gesamtholländischen Wohlklang der Band ist nicht zu unterschätzen und niemand darf sich vorstellen, wie es wäre, wäre er nicht….doch lassen wir das! Einen, der so klingt, wie Celano, muss man erst mal finden.

Julia Oschewsky & Band - 31.05.10 - B-Flat Berlin

Julia Oschewsky & Band – 31.05.10 – B-Flat Berlin

Manchmal quietscht er ein Juchei ins Auditorium, dass es einem schwindlig wird, dann zieht er die Saiten schief, als wäre es ein großer Bohei, und schließt man die Augen, denkt man an den Schmachtfetzen „Blue Hotel“ mit Wimmer- und Jammerhaken oder an Pulp Fiction. Solierende Läufe von Celano sind eigentlich niemals tonal, sondern ein außerhalb der üblich gespielten argentinischen Tangos ohne festen Tangorhythmus. Sie kommen eher so atonal daher, man erwartet diese Töne nicht, und doch kommen sie. Mit Sicherheit, aber verzerrtem, konzentrierten Gesicht, da ist der Meister nur bei sich.

(Stimme aus dem Off) Zur argentinischen Polizei: „Männer, verhaften sie den Mann! Auf ihn kann nicht verzichtet werden.“ (Fiktiver Kurzfilm über die Band von Julia Oschewsky, unvollendetes Drehbuch, Ausstrahlung never ever) – ein schwarzer Stier rennt von links nach rechts durch das Szenenbild – im Hintergrund: Wabergitarre

Schnappschuss Peter Nitsch

Schnappschuss Peter Nitsch

Bassist Peter Nitsch ist ein gesamtdeutscher Meister am Kontrabass mit Wohnsitz in Amsterdam. Er gehört zu den Leuten, die man auf der Bühne sieht, erst einmal gründlich unterschätzt, er sieht jünger aus, und man sagt, ach Gott, und wenn so jemand spielt, dann gibt es Gesichts- und Körpermimik. Ein ganzer Mann, oder ist es ein Junge noch, verbiegt sich über einem Rieseninstrument. Huscht von hier nach da und hoppsassa!

Zwei Typen mit Gitarrenkoffern kommen ins Gespräch. Sagt der eine: Zeig mal. Macht der andere den Koffer auf. Sagt der andere: Uuhhh, ein Bass, hattest du einen Schlaganfall? (Quelle: facebook -Spezialistengruppe:Musikerwitze)

Peter Nitsch ist ein Unscheinbarer, der sehr schüchtern wirkt, fast in sich zurückgezogen. Und dann liegt und lungert er da rum, an auf seinem Instrument, nein, eigentlich steht er da, an einem Riesendings! Riesig. So ein Instrument kann man nur mit Greifhand nach oben im 90° rechtswinklig nach oben, spielen. Manchmal fällt er fast nach vorn über sein Instrument, dann rutscht er den Hals in einer Affengeschwindigkeit runter, so als sei da Flüssigseife dran geschmiert gewesen. War übrigens nicht. Das gehört zum Spiel, wenn Nitsch uns seine vier Saiten zeigt.

Am ehesten noch zu begreifen ist die Klavierarbeit von Folkert Oosterbeek. Nennen wir ihn den „Fliegenden Holländer“, und das auf diesen Tasten. Großer Flügel, den ein Klavierstimmer noch exakt fünf Minuten vor dem Gig in Stimmung gebracht hat. Was auch schon den Unterschied erklärt. Ein Pianist bringt sein Klavier mit einem Riesenschlüssel in Stimmung, indem er an ihm schraubt so lange, als bis bei Drücken jeder Taste der richtige Ton erklinge.

Er klingt. Und wie. Die Abteilung für musikalischen Sachverstand der Website blackbirds.tv muss an dieser Stelle aus Umfangsgründen leider mal zurückschrauben. Die musikalischen Weltreisen der Band von Julia Oschewsky allein wären einen Fortsetzungsroman, zusammengesetzt aus Musikbeschreibungen, wert. In einem Concert Review geht es jedoch ums Ganze, und auf dem Paket stand auch noch „Julia Oschewsky“ drauf. Fassen wir also Julia, „die Chefin“, mal direkt an.

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Tatsächlich klingen die Songs wie aus einer anderen Zeit – oder nur zeitlos? In „Inner games“ jubelt sie wie ein Kind, und wie in allen Songs bauen ihr ihre Musiker, angeführt von Folkert Oosterbeek, Piano, ein Fundament, das groß und stabil genug ist, um sich frei und jenseits aller Konventionen zu bewegen – gesanglich, textlich, melodisch, harmonisch. (Rainer Bratfisch, JazzPodium)

Schlussendlich Julia Oschewsky. Sie ist keine Sängerin, sie ist eher eine Art Multiinstrumentarium. Wir haben hier mal über die Jazzgitarre eines Pat Metheny was geschrieben. Eine ganz andere Wiedergeburt von Ideen des Jazz steht hier heute Abend an. Julia O., das sind die „Geschichten der O.“, und rechts neben ihr, auf einem Barhocker, ist ihr neuer Freund. Er hat so ein bisschen ein Vintagegesicht. Julias neuer Freund, das ist ein Livesampler, eine Art späteres Schleifenecho. Dazu nimmt sie dann ein anderes Mikrofon und „nimmt sich selbst“ auf, in wiederkehrenden Schleifen. Man könnte da rein rülpsen, furzen, pfeifen, ächzen und stöhnen, oder Töne wie kurz vor einer Entbindung herausschreien, Genosse Gerät nimmt alles auf. Von vorstehenden Gebrauchsvorschlägen sind nachweislich die ersten zwei nicht Gegenstand dieser Clusterei gewesen, während aber alle folgenden durchaus gehört wurden. Speziell dieses Stück „Soundmalerei“, eine Spielerei mit der eigenen Stimme, ist so unbändig, emotional und herausragend, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.

„Julia Oschewsky? Hat mich berührt, ohne mich je angefasst zu haben! (Zuschauerreaktion)

Pat Metheny, über dessen Konzert wie hier schrieben, hat das bis zur Perfektion getrieben und eine One-Man-Show mit Orchesterersetzung betrieben. Das wäre, was Julia Oschewsky anbetrifft, nicht gerade zielführend. Julia Oschewsky kann auf gar keinen Fall auf ihre großartigen Mitmusiker verzichten.

Wiederholung eines solchen Konzerts? Nicht denkbar. Jedes anders, das sagten wir schon. Aber ein Weltkulturtipp für einen „Road to Europe-Trip“, den können wir bedenkenlos ausbringen: Leute, fahrt alle nach Amsterdam, macht euch ein paar schöne Tage dort, und am Donnerstag, den 03. Juni 2010 ab 20.30 Uhr, da treffen sich alle blackbirdianisch Gesinnten in Piet Heinkade 3, dort ist das Bimhuis, in Amsterdam: Julia Oschewsky tritt da aus Anlass des „Semi Final Dutch Jazz Competition“ auf und alle Berliner Fans rufen der Jury als Entscheidungshilfe entgegen, was auf sie auf mitgebrachten Plakaten auch hochhalten: „Julia – ich will ein Kind von dir – ein Musikalisches!“ Womit man seiner Einstellung Ausdruck verleiht: die eingangs geschilderte Planung einer weiteren CD wäre sicherlich „in Förderung begriffen“ mit dem Gewinn eines Preises wie diesem. Jazzmusik wie diese verdient Unterstützung, hier gilt folgender Witz aus dem Musikerwitze-Forum:

Der Unterschied zwischen einem Jazz- und einem Rockmusiker? Der Rockmusiker spielt 3 Akkorde vor 4.000 Leuten, der Jazzmusiker… – blackbirds.tv ergänzt diesen Witz noch um folgende Forderung: Rettet die 4.000 verschiedenen Akkorde!

31.05.10 - Julia Oschewsky & Band - Abschlussknicks

31.05.10 – Julia Oschewsky & Band – Abschlussknicks

Kein Zweifel, das könnte sich bald ändern.

Weiterführend

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Gesamtbewertung von blackbirds.tv