858/13: Positionen: Wem ich die besten Jahre meines Lebens gab? Vielleicht dem Rock´n Roll? Eine Standortbestimmung

Header Legenden - Früher war´s  und besser...?

„I Gave You The Best Years of My Life“ – Von Laabs Kowalski

Laabs Kowalski, Jahrgang 1963, lebt als freier Autor in Köln und fällt uns auf mit starken Texten. Einer davon erzählt von früher und was davon noch übrig blieb. Wie geschaffen für einen Blick durch die historische Brille. Chapeau!

Leute, die früher von Musik besessen waren und nach Fehmarn fuhren, um Jimi Hendrix live zu erleben, fahren heute einen Fiat Loser und verbringen ihr Dasein damit, Alimente zu zahlen. Das Leben war nicht gut zu ihnen, und manchmal fragen sie sich heimlich, warum. Etwas später in ihrer bereits ausklingenden Jugend trugen sie Platten von Tangerine Dream und Ash Ra Tempel mit sich herum und gaben sich intellektuell und verwegen. Hin und wieder trifft man sie heute, und sie wähnen sich lässig, weil sie das Haar um ihre Glatze herum langwachsen lassen und zu einem dünnen Pferdeschwanz binden.

Laabs Kowalski (mit freundlicher Genehmigung)

Laabs Kowalski (mit freundlicher Genehmigung)

Andere hörten Thin Lizzy und Foghat und fuhren zum Schüttdorf Open Air, um Rory Gallagher im strömenden Regen seine Gitarre necken zu sehen. Heute jedoch spielen sie in Matthias-Reim-Coverrockbands oder leben von Hartz IV. Früher dagegen, da wären sie mal tolle Hechte gewesen, erklären sie dir. Da hätten sie fast mal in Flünxe im Vorprogramm von Grobschnitt gespielt. Auch zu ihnen war das Leben nicht gut.

So oder so: Musik hat unser Leben geprägt und uns in die Irre geführt. Sie verhieß uns eine Illusion von Glück, die sich auflöste wie Zucker in heißem Kaffee, und erweckte ein Lebensgefühl, das uns vorgaukelte, wir würden auch später noch unbezwingbar und großartig sein – Enttäuschungen, die in der ersten LP oder CD, die wir uns kauften, ihren Ausgangspunkt hatten. Damals, als wir uns bei Karstadt oder Radio Breuer die erste Blue Öyster Cult holten, „Blue For You“ von Status Quo oder „Hair Of The Dog“ von Nazareth, dachten wir noch, damit wären die Weichen richtig gestellt. Waren sie nicht. Denn dazu hätte unsere erste Scheibe von Captain Beefheart oder John Cage sein müssen, von Bix Beiderbecke, Dean Martin oder Richard Wagner. Wir dachten, wir wären born to be wild, aber wir waren es nicht, und so ist es geblieben. Unsere Tätowierungen und Ohrringe sehen lächerlich aus.

Rockfan bleibt Rockfan! Blackbirds.tv-Bühnentransparent

Rockfan bleibt Rockfan! Blackbirds.tv-Bühnentransparent

Auf AC/DC-Konzerten verbringen wir die eine Hälfte der Show am Bierstand, die andere zumeist auf dem Klo. Nur die Kerle auf der Bühne wirken noch älter und verlorener als wir. Sie arbeiten. Sie rocken. Aber sie geben weder uns noch sich selbst den Glanz vergangener Tage zurück. Verregnete Urnenbegräbnisse könnten nicht trauriger sein.

Melancholisch entsinnen wir uns der ersten eigenen Band, erinnern uns an den ersten Live-Gig im Jugendheim von Dortmund-Eving oder im Gemeindesaal der evangelischen Kirche in Konstanz, zu dem außer unseren engsten Freunden bloß noch die Mutter des Bassisten erschien, die zugleich auch die Managerin war. Die Band hieß Banshee Wail, Coyote Springs oder Alien Buttlickers On Speed, und unser Traum war es, in drei Jahren in der Westfalenhalle zu spielen. Musik war echt wichtig für uns. Jetzt zappen wir im Fernsehen weiter, wenn wir auf eine Band stoßen, die wir nicht kennen – was fast immer häufiger der Fall ist, denn irgendwann sind wir in unserer Entwicklung stehen geblieben.

Rock’n’Roll, I gave you the best years of my live – weil du Träume verkauft hast, Hoffnungen nährtest und Sehnsüchte wecktest.

Seit jenen lang vergangenen Tagen sind wir auf der vergeblichen Suche, das Gefühl wiederzufinden, das uns glücklich durchfloss, als wir unsere spätere Lieblingsplatte zum allerersten Mal abspielten und ein neues Universum vermeintlich seine Pforten für uns öffnete. Der erste Kuss, das erste Mal „Sticky Fingers“ anhören, das erste Mal Monster Magnet live auf der Bühne erleben – alles vorbei und unwiederbringlich verloren!


Blue Öyster Cult in studio with Bruce Dickinson

Außer Rand und Band: Blue Öyster Cult nehmen im Studio „Don´t fear the reaper“ auf. Im Einsatz auch der der gnadenlose Cowbell-Spieler Will Ferell. Auf dem Weg zum Smashhit der Siebziger gelingen der Band großartige Aufnahmen. Will Ferell wird unsterblich als Musikerlegende. (mehr dazu hier)

Und plötzlich, in einem kleinen Club in Flensburg oder München, in Aachen oder Frankfurt an der Oder, stürmt eine unbekannte Band auf die Bühne und bringt für anderthalb Stunden den alten Zauber zurück. Unsere verwaschenen T-Shirts von der Iron-Maiden-World-Tour 1987, unser Bierbauch und unsere Tattoos wirken nun nicht mehr lächerlich, sondern weisen uns als Veteranen der Rockmusik aus. Nach der Show hängen junge Konzertbesucher an unseren Lippen und lauschen staunend, wir hätten Rainbow noch live auf der Bühne erlebt und fast mal als Vorband der Bernd-Geserich-Band im Kolpingsaal von Flünxe gespielt.

„Oh, Mann, Flünxe!“, raunt uns der Nachwuchsrockstar voller Ehrfurcht nun zu. „Da möchten wir mit unserer Truppe auch einmal giggen!“

aus:“ Rock around the clock“ (Laabs Kowalski)

_link Lotse

2 Gedanken zu „858/13: Positionen: Wem ich die besten Jahre meines Lebens gab? Vielleicht dem Rock´n Roll? Eine Standortbestimmung

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.