Fr. Okt 7th, 2022

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Banner Der BandSoziologe

Der Band-Soziologe spricht.

Die Gruppe orientiert sich. Man steckt Plätze ab. Wo steht man selbst? Alles ist in der Findusphase. Sich finden, die Anderen finden. Vorpreschen, zurückstecken. Alles zumachen, sich selbst wieder zurücknehmen. Kommt dabei das raus, was wir gemeinsam wollen? Ein „Roter Faden“ – Wie man eine Band gründet kursiert als Thesenpapier, so wie Godesberger Thesen, die die SPD Ende der Fünfziger umtrieb. Alle wesentlichen Grundsätze einer Bandgründung entwerfen, sie aufschreiben und damit unverrückbar festzurren? Unsinn, das kommt alles aus dem Bauch. Theoriekritiker machen die Praxis geltend. Let´s do it in a Rasta Style, with Tommy, Tommy & The Blackbirds….

Eine Band neu zu gründen, die all die negativen Erfahrungen positiv bewerkstelligt, die du in der Vergangenheit eingefahren hast, wird -schlicht und einfach- nicht klappen. Das sind Befindlichkeiten. Nickeligkeiten, die man hatte und hinter sich zurückgelassen hatte. Jede neue Band ist neues, unbekanntes, weites Land.

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Du willst die „bürgerlichen Spießer“ hinter dir lassen, hast du gemeint. Mit Leuten Musik machen, die freier sind. Frei von „spießbürgerlichen Attitüden“, Angst vor zu harter Wirklichkeit im Band- und Musikeralltag, in direkte Rede und Gegenrede, wo das Gemeinsame zählt und das heißt „Musik“ und nicht „Bandleader“ und „beherrschen“, sondern sich gemeinsam zu verstehen, wohl wissend, es gibt etwas wichtigeres als die Angst davor, von Anderen dominiert zu werden. Nicht wie diese Angst vor der Direktheit des aus freien Stücken gesprochenen, ehrlich gemeinten Worts. Diese Angst vorm Anschiss, der überall lauert, gerade auch beim miteinander Musik machen.

Hast du genug geübt? Wer sagt, dass man genug üben muss? Hast du deinen Part drauf? Warum kann ich ihn nicht anders spielen? So, dass er mir gemäß ist? – Willst du ein Stück nachspielen, das schon mal ein Hit war? Was war das Wesentliche dieses Stücks? Warum wurde es ein Hit? Bist du eine schlechtere Kopie des Originals? Oder liegt genügend Kraft und Können in deinem musikalischen Ausdruck, dass deine Überarbeitung dem Original nahe kommt?

Dem Original nahe kommen in einem meditativen Sinne, also nicht als detailgetreue Replik der Vorlage, mit albernem Nachgeäffe. – Wie weit muss ich mich auf das Original einlassen, es genauer nachspielen, um überhaupt erst einmal zu begreifen, dass ich das Original von einem gewissenhaft erarbeiteten Bearbeitungsstand aus vollkommen neu interpretieren darf?

Albernes Nachgeäffe? Michael Jackson nachmachen, seine Geeks und „hihiiihhh“, ja, das ist großartig. Ein Gimmick. Ein Effekt. Kommt es darauf an? Ist es bewunderungswürdig, wenn man als Zuschauer vor der Bühne steht und die Augen schließen kann und denkt: „Ja, das ist Joe Cocker, wie er leibt und lebt?“ Oder Udo Lindenberg? Ne ne ne, Mädchen aus Ostberlin, ♪♫♪, das scheint´s mir nicht zu sein.

Sind wir gute Musiker, finden wir eine eigene Sprache, etwas ganz neues, das Andere nicht an „Jukebox“, „Top 40“ und „Coverband“ erinnert, sondern Musikstücke bedeutender Komponisten in einen ganz neuen Kontext stellt: den eigenen.

Wir können auch „eigene Stücke“ bedeutet, eigene Songs zu schreiben, die die Welt brauchen soll. Keine Versatzstücke. Keine festen Regeln, sondern eigene. Eins müssen sie besitzen: einen hohen Wiedererkennungswert. Schaffst du das nicht, kannst du gleich als Coverband versauern. Und immer schön werkgetreu.

Bei der Neugründung der Band fließt viel Persönliches mit ein. Unterschiedliche Kenntnis- und Könnensstände zum Beispiel. Vom Gitarristen zu sagen, er beherrsche sein Instrument, heißt doch nichts anderes, als „unique“ zu sein. Unheimlich „banddienlich“ spielen zu können, ist wichtiger, als unheimlich schnelle Leiterbahnen in dorisch, mixolydisch oder kosmopolitisch abspulen zu können. Je schneller dein Solotune, desto schneller ist es auch wieder zu Ende, und was dann?

Ich selbst mache im Schlagzeugunterricht, den ich seit 2008 wieder regelmäßig nehme, die Erfahrung, dass das Üben an den „wirklichen Basics“ mich besser macht, mir mehr Freiheit gibt, die Welt der Rhythmik (besser) zu beherrschen, weil es mir um Verstetigung, Ruhe, Beherrschen geht und nicht um den „final beat“, der alles bis dahin Gewesene in den Schatten stellt.

Das wäre was gewesen, oder? Es gab konkrete Pläne, eine Supergruppe zu bilden. Dazu nahm Jimi Hendrix Kontakt mit Paul McCartney auf. Jimi und Miles Davis zusammen mit Paul McCartney, über die Pläne, eine derartige Superband Ende der Sechziger zu formen, berichtet interessant und detailreich die amerikanische Ausgabe von YahooBlogs hier (Lesetipp)

So ficht mich auch die Frage an, ob Musiker mir zuhören können und ich ihnen und ob aus diesem Vorgang des „Herausfilterns“ anderer Eindrücke etwas entsteht, das solistisch gesehen keine Rolle mehr spielt. Ob sich deswegen alles zusammenfügt zu einem harmonischen Ganzen? Zu einer Band, die dasteht wie ein Establishment.

Wenn jetzt die neugegründete Band so weiter macht, ist sie auf einem guten Weg. Auf einem besseren als die letzte, die zu etwas vollkommen Bedeutungslosen geworden ist, die nur noch insofern Bedeutung hat, als dass man genau weiß: So etwas passiert mir nie wieder. Mit solchen Beziehungen ist es ähnlich, wie mit der Liebe, mit Partnerschaft und Zweisamkeit. Geht man aus einer solchen Beziehung in die Phase der Trennung, so erfolgt, wenn man kein menschliches Schwein ist, eine Phase der Rückbesinnung, der Trauer und des Verarbeitens. Man ist ein Stück älter geworden, gereift. Eine Trennung macht dich auch stark. Du musst aufpassen, dass du das jenige, das du als so trennend wie hundsgemein gefunden hast, nun nicht als „Ballast deiner eigenen Vergangenheit“ auf andere abwälzt. Jeden neuen Menschen, mit dem du zu tun bekommst, in das „Rasta“ deiner eigenen, unbewältigten Vergangenheit presst.

Die sollen sich was schämen, Scham, sich schämen, ist ein richtiger Begriff für das, was unsere letzten Erfahrungen an die letzte, gescheiterte Band betrifft. Du aber hast neue Möglichkeiten entdeckt und arbeitest, gewissenhaft, behutsam aber stetig an diesem neuen, blühenden Pflänzchen. Jede neue Band wird definitiv besser als die vorherige. Ein Trost.

_link Lotse

(EP)

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