So.. Feb. 1st, 2026

Berlin zwischen Rock’n-Roll-Realschule und Funkgymnasium

An der Treppe, die zum Quasimodo herunter führt, gibt es kein Vertun. Wer dort steht, den trifft man. Georgio und Klaus stehen an der Treppe. Georgio, das ist quasi der Mann, der das Modo erschuf. Klaus ist sein Nachfolger. Irgendein moosgrauer Rock’n-Roll-Veteran stiefelt die Treppe runter, sieht Georgio und spricht ihm seinen persönlichen Glückwunsch aus. „Eine Superband“, meint er. Allerdings: Georgio ist es nicht gewesen. Ich wende noch ein, ein Wort des Dankes an Hr. (Klaus) Spiessberger sei den Umständen angemessen, denn er hat die Funklegende Fred Wesley ins Quasimodo geholt. Ehre, wem Ehre gebührt.

Fred Wesley, Mr. Funk - Live Quasimodo Berlin - 24.04.10
Fred Wesley, Mr. Funk - Live Quasimodo Berlin - 24.04.10

Zu anderen Zeiten war Georgio hier der Mann, der „alles gedreht“ hat. Damit es ein Club sei, den wieder zu besuchen eine lohnende Erinnerung im Gedächtnis bliebe. Von den ganz alten Zeiten, vermutet Georgio, gibt es nicht mehr so viel. Die alten Sachen, Erinnerungsstücke in Sachen musikalischer Weltkultur, sind bei einem Brand des Büros abhanden gekommen. Das ist bedauerlich, findet der Berichterstatter. Würde wer die Geschichte des Quasimodo einmal vernünftig aufstrippen wollen, er käme in Verlegenheit.

Dafür ist die Vergangenheit heute livehaftig ins Quasimodo gekommen, und das mit „großem Besteck“. Es ist eine Band mit acht Mann, angeführt vom „Daddy himself“; Fred Wesley nennt sich gern Papa und das Publikum stimmt ihm frohlockend zu. Es ist nicht die Rock’n-Roll-Realschule der Ärzte, die zelebriert wird, sondern irgendwie „the story of Funk“, die Frage, wie man Funk spielt und wodurch Funk zum Tanzen einlädt.

Fred Wesley live 24.04.10 Quasimodo Berlin (Collage)
Fred Wesley live 24.04.10 Quasimodo Berlin (Collage)

Es geht um Groove, aber irgendwie auch irgendwo um Jazz und zumindest um Elemente aus dem Jazz, denn Fred Wesley kommt vom Jazz, das lässt sich nicht verleugnen. Und so ist der Spielstil der Band einerseits der eines großen, schwarzen Bigband-Oktetts, angeführt von Big Papa. Papas Sohn, Victor Wesley (tb) spielt hier nicht Sohn und deswegen „1. Reihe“, Bandleader in spe, nein, Sporen, bzw. Meriten, die muss man sich in der harten Schule von Daddy erst einmal verdienen.

Deutlich besseren Rang hat sich bereits Philip Wack (sax) erspielt, der erstens oft gebeten wird, das Sax solierend zu blasen, zweitens hat Wack mehr für die Condition getan. Der regelmäßige Besuch des Fitness-Studios ist nicht zu leugnen. Wahrscheinlich ist daher Philip Wack derjenige der Herren auf der Bühne, der noch am allermeisten auf Groupieschau ist. Diesen Mann interessieren heute Abend zwei Dinge: Starke Saxophonpassagen fürs Leben und schöne Frauen, direkt am Bühnenrand. Dumm nur, dass im Publikum „30plus“ vorherrscht und offenbar zur Lebensmitte oft auch ein mitgebrachter Ehemann gehört. Tja, dumm gelaufen, was das betrifft, aber zumindest einer guten, zielführenden musikalischen Hingabe tut dieses Konzentrieren wieder zurück auf die Musik nicht schlecht. Es wird ausgiebig beklatscht, wenn Whack anstatt zu flirten Kernkompetenzen am Sax geltend macht.

Fred Wesley hat für viele ganz Großen des Musikgeschäfts Auftragsarbeiten verrichtet, als so genannter Sideman. Er begann seine Karriere als Teenager und Posaunist bei Ike & Tina Turner, und bereits deren Bläsersatz war gefürchtet. Als Musikdirektor, Arrangeur, Posaunist und Hauptkomponist von James Brown (1968-1975), bei Parliament und Bootsy’S Rubber Band erspielte er sich weitere Stücke musikalischer Unsterblichkeit und heuer ist beispielsweise ein funky-eskes Klezmern durchaus im Repertoire des Herrn. Interessierte besuchen dazu beispielsweise mal diese Website.

Dwayne Dolphin (b), Reggie Ward (g) - 24.04.10 Quasimodo
Dwayne Dolphin (b), Reggie Ward (g) - 24.04.10 Quasimodo

Der Bassist Dwayne Dolphin ist beeindruckend, auch an Leibesfülle. Pumpender Bass. Zusammengefasst: ein äußerst tanzbarer Abend mit Klasse-Bläsersätzen. Bitte, Quasimodo, mehr davon, Daumen hoch. Auf facebook gleichbedeutend mit: Gefällt mir!

Später auf dem Heimweg ein denkwürdiges Naturspektakel: Der berühmte Berliner „Funk“-Tower (Berlins Tower of Power) in unmittelbarer Mondanziehungskraft fotografiert. Wie man sieht, rüttelt und schüttelt sich der Funk-Tower, hält einfach nicht still. Es ist der Beat, der noch in den Knochen steckt in Berlins älterem von zwei Funk- und Fernsehtürmchen, und wir halten als Erinnerung fest: es kommt nicht immer nur auf die Körpergröße an, sondern manchmal auch auf die Leibesfülle. Uhhh, that’s funky.

Berlin´s Tower of Power - The Funk-Tower & the Moon
Berlin´s Tower of Power - The Funk-Tower & the Moon

Rätsel, die zu lösen bleiben

  • Was haben Achim Heppelmann und Tommy Tulip gemeinsam, wenn’s ums Berichterstatten geht?
  • Hat Achim Heppelmann ein alter ego namens Laf Überland?
  • Was passiert, wenn Fred Wesley einen halben Liter gutgekühltes Mineralwasser aufmacht? – Auflösung: Ein Zug, die Flasche leer…kein Wunder, wer so bläst, der kann auch saugen wie ein durstiges Baby
  • Ist Philip Whack (sax) eigentlich noch zu haben? Und was würde er gerne bekommen?
  • Hat Bruce Cox (drums) Schlagzeug studiert oder Apfelsorten?
  • Wäre Peter Madsen (piano, Rhodes) manchmal gern verrückt?

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