1887/19 #Positionen „Vom Sockel“ – Vom Ende am Legende-Gelände. Man lebt ja nicht vom Moos allein. #Erinnerungen

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Dirk Zöllner im Glück - Schwalbe (Foto: Privatarchiv)

Dirk Zöllner im Glück – Schwalbe (Foto: Privatarchiv)

„Sie nimmt mich mit, in ihrem roten Kadett. Raus aus der Bar und weg: Wir sind aufm Schnellweg.“ (Spliff, Duett komplett, 1982) – Die ostdeutsche Variante: Die gelbe Schwalbe. Dirk Zöllner ist hier als rasender Essayist am Werkschaffen: Es geht um die Legende von Kaulsdorf und Aula, der großen Empfangshalle an der Polytechnischen Oberschule Wilhelm Pieck. Im Ernst: Es geht um eine der ganz großen Legenden der Leidenschaft (Ost): Die Puhdys – Der Gastautor ist Jahrgang 1962 und mochte früher auch The Sweet.

 

VOM SOCKEL
Gastautor: Dirk Zöllner, Die Zöllner·Freitag, 6. Dezember 2019·3 Minuten
Dirk Zöllner über das Ende der Legende

Es gibt Figuren des öffentlichen Lebens, die so eng mit der eigenen Biografie verbunden sind, dass ich sie als vollwertige Familienmitglieder empfinde. Obwohl die mich gar nicht kennen oder vielleicht nur am Rande Notiz von mir nehmen. Gojko Mitic, Udo Lindenberg, Chris Doerk und Frank Schöbel, Gregor Gysi, die Digedags und Ritter Runkel, Boris Becker, Angela Merkel… um nur einige von ihnen zu nennen. Diese Lichtgestalten stehen für mich irgendwie über den Dingen, ich freue mich, wenn es ihnen gut geht und ich leide, wenn es mal nicht so läuft. Die PUHDYS gehören auch dazu. Alle die jemals dabei waren: Gunther Wosylus, Harry Jeske, Peter Meyer, Klaus Scharfschwerdt, Peter Rasym (Akronym: BIMBO, „Bin im Moment bassmässig orientiert“) und vor allen die beiden Dieters – „Quaster“ Hertrampf und „Maschine Birr“. Im schönsten DEFA – Film der Welt „Die Legende von Paul & Paula“, spielen die Puhdys – neben Angelika Domröse und Winfried Glatzeder – die Hauptrolle und haben sich mit ihrer Darbietung von „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ für immer in mein Herz gebrannt.

Geh zu ihr und lass Deinen Drache steigen. Auf Lebenszeit. #TTT #Tulipstagram #Puhdys #blackbirdsTV

Geh zu ihr und lass Deinen Drache steigen. Auf Lebenszeit. #TTT #Tulipstagram #Puhdys #blackbirdsTV (Für größere Ansicht aufs Bild klicken)

Augen zu, dann siehst Du nur diese Eine. Geh zu ihr und lass Deinen Drachen steigen! (Lyricsausriss aus „Geh zu ihr“)

Nun führen die Puhdys einen Rosenkrieg, der von BILD & Co genüsslich ausgeschlachtet wird und alle, die diese Band im Herzen tragen, winden sich vor Pein. In einem seriösen Interview mit der Berliner Zeitung offenbart Maschine nun den Ursprung der Familienfehde: eine Verletzung, die ihm 2013 von seinen Kollegen und dem Management zugefügt wurde. Ein Alleingang, ohne den Frontmann. Er kann diese Illoyalität nicht verwinden, es gärt immer weiter und der Kapitän verlässt den immer noch flotten Kahn. Die Puhdys befinden sich mittlerweile fast alle im 8. Lebensjahrzehnt, aber ein echter Musiker kann natürlich nicht in Rente gehen. Jeden Einzelnen zieht es weiterhin auf die Bühnen, die sind nun allerdings kleiner als gewohnt.

Selbst Maschine kann alleine nicht mehr die ganz großen Arenen bespielen und das lässt ihn nicht kalt. Da ich selbst an der Front einer Musikerbande stehe und berufsbedingt mit einem großen Ego ausgestattet bin, ist das für mich auch alles nachvollziehbar. Aber je größer der Erfolg, desto größer wahrscheinlich auch das Ego der Galionsfigur. Maschine kann sich mit den besten Musikartisten umgeben – der strahlende Gitarrenheld Uwe Hassbecker steht an seiner Seite – aber der knorrige Quaster und die anderen markanten Comicfiguren stehen ihm einfach besser. Sie sind der lange geschnitzte Rahmen, der das Kunstwerk zur Geltung bringt. Maschine weiß das, kann aber nicht mehr zurück. Die Verletzung muss in Verzweiflung umgeschlagen sein, nur so ist die Selbstdemontage der Legende erklärbar.


Puhdys – Lebenszeit 1977

Fahren zwei durch alle Meere,
fahren zwei in einem Boot.
Der eine kennt die Sterne,
der andre misst das Lot.

Sind nicht zu trennen, bleiben vereint,
ob Nacht heranzieht, Morgen erscheint.
Sie finden zueinander – auf LEBENSZEIT.

Steigen zwei auf hohe Berge,
Steigen zwei zum Himmel dicht.
Der eine blickt die Welt an,
der andre sieht das Licht.

Noch liegt die Erde flach auf der Hand,
Sind sie den Wolken nah und verwandt.
Und halten zueinander – auf LEBENSZEIT.

Gehen zwei durch laute Strassen,
Gehen zwei durch Stein und Rauch.
Den einen ruft die Arbeit,
den andren Mühe auf.

Schon kommen Tage, die man nicht zaehlt.
Schon ist entschieden, schon ist gewählt.
Doch haben sie einander – auf LEBENSZEIT.

Sitzen zwei schon im Schatten, sitzen da auf einer Bank.
Der eine fühlt sich müde, der andre fühlt sich krank.
Schon ist im Leben alles gesagt
schon ist im Leben alles gewagt.
Sie hielten zueinander – auf LEBENSZEIT.

(Lyrics: Lebenszeit, Die Puhdys)

Die gerichtliche Anfechtung gemeinschaftlicher Urheberrechte kann nur im Affekt passiert sein. Alle wissen doch, dass Du die Hauptfigur bist, großer Mann! Jetzt hast auch Du verletzt, jetzt kannst Du verzeihen. Macht es bitte noch mal zusammen, wir wollen ein Happy End! In den ganz großen Stadien. Vielleicht auch hier bei mir, in Köpenick, in der Alten Försterei.

(Ende: Dirk Zöllner)

Ich merkte dazu noch an:

Du bis genau so bekloppt wie ich, und ich bin auch Bj. 1962, und deswegen trifft mich dieser Halbsatz so genau: „…haben sich mit ihrer Darbietung von „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ für immer in mein Herz gebrannt.“ So issus, Missus. Die machten ihr Ding, egal was die Anderen labern. Und was sie sich alles ausgedacht haben, die die sie kleinzureden versuchten, die Hater, aber das war egal: Es konnte ihrem Heldenstatus nichts anhaben. Nein, ich habe sie ebenso unumkehrbar für IMMER in meinem Herz, so lange ich nun noch lebe. Steige Ikarus, fliege uns voraus (Backings von Uriah Heep – Satzgesang…) – Holla, die Waldfee.

Gut. Vernünftig hierauf entgegnen kann man nicht. Es ist auch ein Generationending. Auf jeden Fall schließe ich mich der Meinung von Dirk Zöllner komplett an. Ich habe große Herzenswärme und Zuneigung zur Band Die Puhdys, die ich immer als Ausnahmeband wahrgenommen habe. In früheren Jahren jener Zeit war ich selbst häufig als Ordner im Konzertveranstaltungsbereich tätig und habe xmal die Puhdys, Karat und viele andere zuverlässig bewacht. Im Westen nichts Neues.

Weiter leben…

Weiterführend

* Christian Reder (Deutsche Mugge) über das Album 85555 von Spliff

(Wir bedanken uns bei unserem Gastautor Dirk Zöllner von Die Zöllner. Weitere Gastbeiträge des Autoren mit „Suchen“)

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