499/11: Legenden: Paul Kuhn ist eine lebende Legende, ein „all lifetime favourite“ meinerseits und Berliner, nach alledem!

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„Musik kannst du später immer noch machen – lern erst einmal einen gescheiten Beruf!“ #Paul Kuhn und 1.000.000 (oder mehr) andere Musiker über ihre Kindheitserinnerungen, ihre Musikerlaufbahn betreffend….

Alle halten Paul „Paulchen“ Kuhn für einen Berliner. Paul Kuhn aber kommt aus Wiesbaden im Hessischen. Damit das schon mal klar ist. Der Mann ist Jahrgang 1928 und als Beruf nennt die deutsche Wikipedia „Pianist“, obwohl das wohl die Untertreibung des Jahrhunderts sein dürfte. Fragt man Paul Kuhn danach, was ihm so richtig zu Herzen geht, wird er einsilbig, einsilbiger, übrig bleibt am Ende einer gewissen Wartestellung vielleicht noch „Frank Sinatra“ oder „Ella Fitzgerald“, aber, so fügt er entschuldigend hinzu: „Sowas gibt es ja heute nicht mehr.“ Die heutige Musik weiß er kenntnisreich einzuordnen: Im Grunde genommen gibt es kaum noch erträgliche Musik. Der Mann am Klavier wird er genannt, heutzutage trägt er gern orangefarben eingetönte Brillengläser, eher klobiger Zuschnitt, am Ohr prangt ein Hörgerät. Ist am Ende die Einfärbung der Gläser eine Art „ertragbarer Zustand“ der Gegenwart, weil die Musik beschissen und die Texte zu flach geworden sind?

Ich behaupte mal, der Jazz hat sich nicht mehr grundlegend geändert seit Charlie Parkers Zeiten. Das ist stilistisch ein abgeschlossenes Kapitel. Jedenfalls weiß ich nicht, was sich da noch sinnvoll ändern soll. Für mich gibt es auch keinen deutschen, französischen oder holländischen Jazz. Es gibt nur Jazz. Und der hat seinen Ursprung in Amerika und ist schwarz-weiß gescheckt. (Paul Kuhn, FAZ Interview, Link unten)

Nicht dass Paul Kuhn nicht wüsste, wie die Musikindustrie tickt. In der NDR-Talkshow vom 06.05.11 gibt Paulchen Kuhn spontan eine Art gescatteten Gesang, und man merkt seinem „Soundbeispiel“, wie moderne Musik zu klingen hat, an, dass es sich um eine Schablone handelt. Um eine Plattitüde, ein stakkatoartiges Gerapptes wie z.B.: „Oh yeah, You made me feel like dancing, baby!“ und es ist Scat. Scat, aber anders, als Ella Fitzgerald gescattet hätte. Ella wäre nicht eingefallen, zu flach daher zu scatten, ihre Musik musste Hüllkurven besitzen, ups und downs, downs and unders, oder wie das heißt. Filigrantechnik, nicht glatte Küchen-Arbeitsplatte, Soundwerkstatt und Werkstatt-Libary, Büchereien der Beliebigkeit. Für Paulchen Kuhn galt immer der „volle Ton“, ein Hammerschlag in Intensität, Tiefe, Nachklang, fußgesteuert vom Fußpedal und dann der Diskant. Bzw. der „chromatische Abgang“.

Paul Kuhn dient heute so verschiedenen Musikern wie Roger Cicero, Till Brönner und Andrej Hermlin als geistiger Großvater. Der schimpft: „Ich werde verrückt, wenn im Fernsehen volkstümliche Musik oder irgend so etwas läuft. Egal, was es ist, es wird sofort drauflos geklatscht, damit es schön schwer und stampfig wird.“ Auch wer zivil marschiert, hat keinen Swing. (Welt Online, Link unten)

Das war vielen anderen später zu „intellektuell“ und alsbald verflachte die Musik und ging bald unter im „Meer der Beliebigkeit“. Apropos Beliebigkeit: Paul Kuhn hatte, nein hat Bandbreite. Bereits eingangs der Fünfziger Jahre übte er sich im Schlager und schuf unvergessene Evergreens, die teils um Bier kreisten („Es gibt kein Bier auf Hawai“, 1963) und wenn der Mann heute auf dem Talkshow-Sofa sitzt, dann blickt einem eine Art großzügig gefülltes Gesichtskissen entgegen, das grundgütige Gesicht eines gealterten Paulchen Kuhn, obendrauf eine orange Brille, siehe oben, und das parliert wie „Schwammkopf“ (sponge bob) über Jazz, Bebop, die vergangene Zeit eines wirklich großen Jazz und die Tatsache, dass fast alle großen Musikerereignisse im Grunde genommen schon viel zu weit zurückliegen. Jammer. Paulchen Kuhn hat durchweg liebenswerte Züge.

Sie spielten ein Stück, das ich manchmal noch heute im Programm habe, wenn ich mit der Big Band auftrete: den „Anvil Chorus“, Verdis berühmten „Coro di zingari“ aus „Il Trovatore“ als Swing-Nummer. Das hat mich umgehauen! Da wusste ich plötzlich, was ich werden wollte. (Paul Kuhn über die Glen Miller Band im Interview mi der FAZ, Link unten)

Blümeranz ist sein Stil nicht, sondern eher das Wortkarge, besser Bescheidenheit. Wer Paul Kuhn ausfragt über sein Lebenswerk, erntet kurze, unbestechliche, klare Antworten eines Mannes, der jenseits der achtzig Lebensjahre angekommen ist, viele Krankheiten hinter sich hat und der immer nur „Musik machen“ wollte. Ein Vorbild. Paul Kuhn ist ein Vorbild für jeden nachwachsenden Musiker. Aber viele haben das noch gar nicht so richtig verstanden. Macht nichts. Es gibt Schlimmeres.

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