505/11: Trendbarometer: Der Eurovision Song Contest (ESC) und das Käseigel-Prinzip!

Lege ich auf meiner Geburtstagsparty ein Stück Käse hin, bleibt es liegen. Schneide ich es in Würfel, wird alles aufgegessen. Obwohl der Käse genau der gleiche ist. Bequemlichkeit erklärt’s zum Teil. Aber nicht nur das: An sich weiß im Wellness-Zeitalter jeder, dass größere Mengen cholesterinhaltiger Lebensmittel am späten Abend nicht gerade gesund sind. Doch die Grenze zwischen „dick werden“ und „nicht dick werden“ verschwimmt mit den offerierten Häppchen. Einer solchen Salamitaktik des Schrittchen-für-Schrittchen halten auch gute Vorsätze kaum stand. (Süddeutsche Zeitung, Jetzt, hier)

Im Prinzip ist der Käseigel aber auch und vor allem Ausdruck unserer deutschen Partykultur, mit Basis in den Mittfünfzigern, geschätzt. Noch immer gilt der Käseigel, auch für heute Abend. Verbindet man das deutsche Partyprinzip mit rechtfertigenden Anlässen wie Fußball-WM oder eben ESC (jetzt: 2011), dann gilt der zuvor sorgsam gesteckte Käseigel zugleich auch als Prinzip Hoffnung. Denn gut Ding will Vorausplanung haben. Nie vorher war ein so schlechter Musik-Wettbewerb, wie der ESC Anlass zu so viel Vorfreude wie jetzt. Denn Lena Meyer-Landrut hatte ihn aus der „schlechtesten Ecke denkbarer Musik“ herausgeholt und 2010 den Preis nach Deutschland geholt.

Lena Meyer-Landrut (Bearbeitung)

Lena Meyer-Landrut (Bearbeitung)

Hobbymusiker aus Kladow, ganz gewöhnliche Fernsehzuschauer aus Teltow, aber auch verwahrloste Single-Haushalte aus Reinickendorf, alle haben heute Gemeinsamkeiten. Aus „Germanys Next Top Model“ haben sie sich mit Gewalt losreißen müssen, Lafer, Lichter, Lecker ist heute nur Wiederholung auf ZDF Neo und anzuzünden gibt’s nichts mehr, außer einer Kerze. Selbst das Haus Cumberland am Berliner Kudamm fackelte bereits in beträchtlicher Größenordnung. Einfach nur ärgerlich.

Der Grand Prix de la Eurovision de la Chanson ist lange tot und schon seit Jahren wütet der Mob des Gewöhnlichen über dem Nachfolger-Wettbewerb: moderner sollte es werden, schriller, bunter. Was hat denn buntes Licht und eine neumodischere Bühnenshow bitte schön mit der Qualität von Musik zu tun? Nichts als nur die Oberfläche dessen.

Mit der Darreichung schlechter Musik wird der zu cholesterinhaltige Käseblock in schmale Häppchen, Fingerfood, geschnitten und dargereicht, und die Grenzen der Erträglichkeit werden aufs Mundgerechte reduziert. Das ist das paneuropäische Kulturkonzept des Eurovision Song Contest und gleich, wie viel Schnitzer sich der Alt-Talkmaster Frank Elstner im Interview mit Lena Meyer-Landrut noch erlaubt, ihre Antworten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Wettbewerb übel ist und übel bleibt. Dass sie ihn heute gewinnt, glaubt sie selbst nicht sehr und redet dieser Idee bereits ausführlich das Zeug. Ist der Käseigel in Vergessenheit geraten, wie das Berliner Stadtmagazin TIP fürchtet?

Am Ende wird heute Abend der ESC 2011 ausgehen, wie Lena titelt. Der Titel wird an ein anderes Land gehen: „Taken by A Stranger“.

Was jetzt wiederum nicht bedeutet, dass wir „uns Lena“ nicht die Daumen drücken, und zwar unsere eigenen! Auch wenn Frau Meyer-Landrut dieser Tage äußerst belastet erscheint, überhaupt nicht mehr „charming“ und easy goin´….vielleicht gewinnt ja Frankreich?

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