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1199/15: BandSoziologe: Die Spezialistengruppe:Musikerwitze auf facebook im großen Wetter….

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Mit diesem Logo leitete ich hier Beobachtungen aus dem Bandalltag ein und nannte Jimi auf Verdacht meinen Band-Soziologen. Weil er für mich ein Vorbild war. Nicht wie er gestorben ist.

Auf facebook gibt es die Spezialistengruppe:Musikerwitze mit zur Zeit etwa über 8.200 Mitgliedern. Allerdings ist das Zusammensein in dieser Kohorte des Witzigen nicht immer ganz leicht. Es gilt, in einem repräsentativen Querschnitt der deutschen Bevölkerung (darunter auch Musiker) Leitlinien zu formulieren, die ein für alle attraktives Angebot darstellen. Das Mitglied sein in dieser Spezialistengruppe soll etwas nützen.

Die Strukturen sind vermutlich ähnlich wie die einer Band, nur größer, und deswegen passt auch das eingangs verwendete Banner. Was mich heute beschäftigt: Wie hält man es in einer derartig vielfältigen Sozialstruktur überhaupt aus?

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Vielleicht erstens, indem man das Ganze nicht allzu ernst nimmt.  Zweitens: Benehmt Euch! Benehmt Euch nicht anders, als ihr es unter menschlichen Aspekten des gemeinsamen Zusammenseins für richtig haltet. Es gibt einen Minimalkonsens aller am gesellschaftlichen Leben beteiligten Mitmenschen, wie man sich vernünftig und gerecht, ja billig benimmt. Nicht saubillig.

Bedeutungsschwanger war neulich ein Posting auf einen Artikel des Schwulenmagazins queer.de. Dieser befasste sich mit einem Verriss der neuen CD von Lena Meyer-Landrut. Der Artikel erscheint mir nicht verlinkenswert, es ist einer von den üblichen Verdächtigen, die Kritiker sich von der Seele schreiben, wenn sie beweisen möchten, dass sie den Durchblick haben. Die Quintessenz des Artikels erschien mir böse und fehlgehend: Lena, hör auf, Musik zu machen.

Wie konnte es nur geschehen, dass das Qualitätsmanagement von queer.de einen so unreflektierten, schlecht geschriebenen Artikel durchgehen ließ? – Wie kommen Medien überhaupt auf die Idee, etwas was sie schlecht finden, auch noch ausuferndem Lamento auszusetzen? Ist das nicht negative Energie, anstatt schöne, berichtenswerte Dinge hervorzuheben? Bräuchten wir nicht mehr Positivismus, zumindest in der Welt der musischen Kunst?

Ich bin vielleicht ein Sozialromantiker.

Dass derjenige, der den Artikel der Spezialistengruppe für (bessere) Musikerwitze als Leselink zur Verfügung stellte, ihn bereit gestellt hat, ist dabei nicht der Punkt. Hier erweist sich die Kommentarfunktion als hilfreich. Ich erwiderte dem Einreicher, der Artikel sei für mich nicht lesenswert. Er beinhalte das übliche Bashing und sei sogar grenzübergriffig, beleidigend und erniedrigend. – Keine Gnade für Lena Meyer-Landrut: Man spürt es auch deutlich, überall. Jetzt ist so ein Moment, da hat sie sich abgenabelt von Stefan Raab, über den sie weiterhin nicht schlecht spricht, versucht das erste Mal, eine eigene CD zu entwerfen, zu produzieren, auf der sie Oberhand behält um nicht als Produkt durchgereicht zu werden. Alle simmern in der Vergangenheit, kochen in ihrer Voreingenommenheit und argumentieren irgendwie ewiggestrig, vor allem aber geht es darum, sie klein zu machen.

Denn Lena war zu groß, zu erfolgreich, zu schön, zu herzergreifend, sie verschlug der Nation den Atem und hat den europäischen Song Contest gewonnen. Lena Meyer-Unerreichbar! Zeit, sie klein zu machen.

Viele Menschen können Erfolg neidlos anerkennen. Viele nicht.

Dies allerdings bewog den Herrn Einreicher, nun sinngemäß zu erwidern, Lena Meyer-Landrut sei so ungefähr das Widerlichste, das ihm je begegnet sei und er wünsche ihr, sie solle einmal für längere Zeit im Kellerverlies des österreichischen Langzeitvergewaltigers, des Häftlings Josef Fritzl darben.

Lena Meyer-Landrut

Lena Meyer-Landrut

Dem Herrn Einreicher wurde von mir sodann die unverzügliche Bitte zuteil, diesen Teil seiner Kommentarerwiderung zu löschen, da sonst der gesamte Post insgesamt von mir als Admin gelöscht werde. Das nun wiederum entgegnete der Herr Einreicher, das sei seine Meinung und er lasse sich von niemandem etwas vorschreiben. Gesagt, getan, der Post wurde gelöscht und zur Sicherheit wurde der Herr gleich mit in die sozialnetzwerktechnische Verbannung geschickt, raus aus der Gruppe, ein Wiederzutritt technisch blockiert.

Ein solches Kommentieren hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Das war nun gar nicht witzig.

In dieser Gruppe ist es Usus, den weiteren Mitgliedern der Gruppe hier und da Erläuterungen zu solchen Schritten zu geben, eine Art Kurzbegründung, warum jemand aus der Gruppe entfernt wurde. Das halten viele für unnötig noch näher zu erläutern und sagen es auch. Andere wiederum schalten sich ein und wenden sich hier und da gegen die getroffene Entscheidung. Das kann man Demokratie nennen.

Ein anderer Häftling der Strafanstalt für gelungene Musikerwitze kommentierte sinngemäß die getroffene Entscheidung so: Wenn dieser Mann aus der Gruppe entfernt worden sei, denn jeder dürfe nun mal seine Meinung sagen und wenn das nicht erlaubt sei, möchte er bitte ebenfalls entfernt werden.

Hier fragt sich der Berichterstatter, wie sind die Wesen von Menschen gestrickt, die ein so ungeheures soziales Phlegma an den Tag legen, dass sie es nicht einmal mehr selbst schaffen, Mitgliedschaften in facebook-Gruppen selbstbestimmt zu beenden? Sie fordern Andere auf, ihre eigenen Mausklicks anzufertigen, unter bestimmten verklausulierten Bedingungen, die das Zug-um-Zug-Geschäft deutlich darlegen?

Geht´s noch? – Das Recht auf Meinungsfreiheit, also. Das Recht, Lena Meyer-Landrut jahrelange Kellerhaft an den Hals zu wünschen, weil sie Musik macht und eine neue CD rausbringt? Aha.

Es gibt kaum eine andere vernünftige Art von Bewertung von solchen Kommentaren als „Das ist geisteskrank.“ Hier sitzen zutiefst vereinsamte, verkrachte, gescheiterte Existenzen vor ihrem Spiele-PC, auf dem sie auch soziale Kontakte versuchen zu pflegen, und scheitern in nahezu jeder menschlichen Hinsicht im real life. Eine zutiefst von vielen unausgegorenen Fantasien durchsetzte perverse Struktur des Widerwärtigen.

Kein Zweifel: Solche Mitglieder braucht diese Spezialistengruppe für Fun und Humor nicht. Die Wege des Herrn sind durchaus vielfältig. Diese Wege sind hier und da auch Einfältigkeit, frappierend zu einfach greifende Sichtweisen, um dies komplexe Leben überhaupt noch zu ertragen, weil es so kompliziert ist. Vereinfachung, Pipi Langstrumpf.

Soziopathie: Es gibt auch andere Beispiele für unerträgliche Mitgliedschaften, die weit diffiziler und nicht minder schwerwiegend sind, nur auf einem ganz anderen Intelligenzlevel. Gemeint sind nicht die tumben Vollidioten (hier oben), sondern die intelligenten, quasi Intellektuellen, die allen mit (fast) jedem ihrer Kommentare den Spaß und den Zeitvertreib verleiden. Sie sind Vertretungsbotschafter für das bessere Gelingen der Welt, kommentieren jeden Beitrag von anderen unter Rasterfahndungs-Gesichtspunkten nach „gut/korrekt“ oder „widerwärtig/schleimig“. Die Fahndungsraster sind unterschiedlich, Beispiele.

1. Die sexuelle Ausbeutung der Frau, die Gleichstellung der Frau, der allgemeine latente Sexismus.

2. Die widerwärtige Ausbeutung der Natur/Umwelt, die Ausbeutung der Tiere für den Nahrungsmittelverzehr.

3. Die unkorrekte drohende Direktnazifierung von Gesamtdeutschland.

4. Die Behandlung des Flüchtlingselends auf dem Mittelmeer.

Das sind nur unvollkommene, gerade an den Haaren herbei gezogene Beispiele, es geht hier nicht um Vollständigkeit und auch nicht um Korrektheit im Sinne von political correctness. Denn derartiges auf diese Weise anzusprechen, ist nun einmal nicht korrekt.

Hier geht es einzig und allein um den Faktor „Gemeinschaftsverträglichkeit einer Mitgliedschaft“ in sozialen Netzwerken, speziell in Gruppen, die ein ganz bestimmtes Thema als Angebot haben.

Hier lautet die bittere Erkenntnis, dass die Überschriften von Gruppen nur überwiegend eine thematische Zuordnung als Angebot beinhalten. Für  nicht wenige geht es darum, einen Anfangsverdacht per Mausklick einzufangen: Ich interessiere mich für Musikerwitze (bitte eventuell: Töpferei, lateinamerikanischer Tanz, Maikäfersterben im Juni denken). Dies beinhaltet noch lange nicht eine lebenslange Thementreue. Denn im Zustand der Gruppe aus verschiedenen Mitgliedern mischt sich die soziale Phalanx des Zufälligen. In einem solchen Kontext kristallisieren sich bestimmte Mitglieder in exorbitanter Weise heraus, versuchen die Gruppenseele zu beherrschen, zu beeinflussen und in gewisser Weise an sich zu reißen.

Dies gelingt auch der namentlich geänderten Natascha P. aus NRW. Sie ist besonders eloquent, kommentiert besonders viel und mit der Zeit ihrer Mitgliedschaft immer profilierter als moderne Jeanne d´Arc. Ihr geht es um die unmittelbare Beendigung der sexuellen Ausbeutung der Frau, sie möchte nicht, das Frauen Lustobjekte sind, sie findet jede noch so kleine Anspielung sexueller Kriterien als ein Igitt und macht dies umgehend deutlich.

Wir sehen einen Comic: Ein musikalischer Nerd mit einem Karton auf dem Kopf sitzt vor seinem Mischpult. Im Vordergrund sehen wir die nackten Beine einer Frau, ihr Höschen heruntergezogen. Sie will Sex. Er dreht sich genervt zu ihr um und bittet noch um 5 Minuten Zeit: Für den einmaligen, noch nie erarbeiteten, unwiderstehlichen Sound seiner Snare.

Es ist sauschwer, überhaupt noch einen Ansatz für richtiges Witzeerzählen zu finden, der vor ihrem gestrengen, geistigen Auge Gnade findet. Manches Mal gibt es ein „Aha“ und „ach ja, sie nun wieder“, aber es gibt eine rote Linie, einen permanenten Faden der Ungeduld in ihr. Das ruft eine Vielzahl von Gruppenmitgliedern auf den Plan, mit der Zeit entwickelt sich ein regelrechtes Kesseltreiben gegen Natascha P. aus NRW. Es ist wie im richtigen Leben: Wer sich weit aus dem Fenster lehnt, dessen Kopf droht am nächsten Bahnhofsmast zu zerschellen. Das macht ihre Erwiderungen umso ausführlicher, spürt sie und schreibt kontinuierlich gegen die ungerechte Welt an. Ihre Kommentare leitet sie sogar ein mit Sätzen wie „Ich habe mal ein Projekt geleitet, indem es um die Arbeit mit Männern und Frauen geht“ und solche Sachen. Das nennt man Kompetenz borgen.

Es geht um vieles, es geht um alles, nur es geht gar nicht mehr um Musikerwitze.

Nein: Eine Gruppe zu leiten, die sich mit Musikerwitzen befasst, ist manchmal gar nicht so leicht. Ob Menschen Gewaltfantasien gegen harmlose Sängerinnen namens Lena Meyer-Landrut hegen oder gegen den schleichenden, überall vorhandenen latenten Sexismus von (widerwärtigen) Männern, das alles hat ähnliche Ursachen.

Normal ist das alles nicht.

Überbordendes ständiges Politisieren ist kein gesunder persönlicher Standpunkt von individuellem Zuschnitt, sondern ein schablonenhaftes Rationalisieren der Wirklichkeit zum Zwecke der Vereinfachung (zu) komplexer Lebenssachverhalte. Es weist auf erlittene Verletzungen und große Defizite hin. Je größer das Sendungsbewusstsein des Politakteurs, desto zurückgezogener der Rest seiner Menschheit. Mitmenschen, die mit ihm zu tun haben, bleibt in deren Gedächtnis unbewusst bzw. unterschwellig die Permanenz des Politischen haften. Die zu große Gefahr, daher anzuecken. Die Anderen nehmen nun unbewusst permanent Rücksicht auf seine Neurosen. Sie müssen sich zurücknehmen, um des lieben Friedens willen. Das ist das Gegenteil von Freiheit im Kontext der eigentlich gewollten Sozialisation und Zusammenschließung mit anderen zu sozialen Netzwerken. Was folgt, ist die Solidarisierung mit dem übervorsichtigen Verletzten, aus falsch verstandener Rücksichtnahme. Oder aus Bequemlichkeit. Zusammenfassung: Ich suche freiheitliche Auseinandersetzung mit aufgeklärt agierenden, ganz angstlosen Menschen. Viele sind deshalb Musiker. Wir dürfen in diesem Raum keine Angst spüren, das sagen zu dürfen. Meine Darlegung bleibt unvollständig und insgesamt unbefriedigend, denn sonst bin ich selbst politisierend. Schluss. Das kam mir gerade Revue passierend in den Sinn. Entschuldigt.

 

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