Gigs/Review: Pat Metheny spielte am 02.03.10 in der Philharmonie ein bisschen Gitarre – die Untertreibung!

Pat Metheny (1/4) - Philharmonie 02.03.10

Pat Metheny (1/4) - Philharmonie 02.03.10

“Orchestrionics” is the term that I am using to describe a method of developing ensemble-oriented music using acoustic and acoustoelectric musical instruments that are mechanically controlled in a variety of ways, using solenoids and pneumatics. With a guitar, pen or keyboard I am able to create a detailed compositional environment or a spontaneously developed improvisation, with the pieces on this particular recording leaning toward the compositional side of the spectrum. On top of these layers of acoustic sound, I add my conventional electric guitar playing as an improvised component.” (Pat Metheny, eigene Website, hier

Die Philharmonie ist sehr gut gefüllt. Erschienen sind viele “ältere Semester”, darunter offenbar auch viele Gitarrenkundige. Die Jüngeren, die erschienen sind, sind Söhne oder Töchter, manche davon mufflig dreinblickend, Kultur und so´nen Mist. Man sieht’s den (älteren) Besuchern an, dass sie sich nicht wagen, ohne ein Quäntchen Vorbildung zu erscheinen oder auf ihre Art kulturbeflissen. Sie blicken so sachverständig drein.


Pat Metheny erklärt die Genesis des Orchestrions (via Youtube)

Und dann sitzt da -relativ pünktlich um fünf nach acht Uhr- ein struwelpetriger Herr mitten auf einer Bühne, die wie ein Wohnzimmer -bewohnt, eher unaufgeräumt- daherkommt. Später erweist sich das als Trugschluss, aber dazu kommen wir weiter unten. In der Bühnenmitte ist so ein bisschen Proberaum-like ein quadratischer, großer Teppich ausgelegt. Zum druffsetzen? Und überhaupt: das Bühnenbild! Sodom und Gomorrha. Es handelt sich wohl um die großartigste Untertreibung, was Bühnenbild angeht, seit der Erschaffung des Superstar-Status.

Pat Metheny (2/4) - Philharmonie 02.03.10

Pat Metheny (2/4) - Philharmonie 02.03.10

Man sieht nicht viel: da steht irgendein Flügel rum. Links und rechts Verpackungsmaterial, Schränke in Leichtbauweise, Scherzfrage: Ist Metheny Imker? Sieht ein bisschen so aus wie fahrbare Bienenstöcke? Nein, Imker ist er nicht, sondern Gitarrist. Ach so! Na, das hört man! Der Bühnenhintergrund ist mit Vorhängen notdürftig abgedeckt. Ich scherze: “Metheny braucht eine Art Werkstattatmosphäre, sonst kann er nicht.” Ist Jahrgang 1954, uns trennen nicht nur 8 Jahre Altersunterschied, sondern auch Welten. Metheny ist Professor für Gitarrenkunde, oder so ähnlich. Ich nicht.

Nun klampft Herr Metheny bisschen rum. Wie er sich solche Stücke merken kann? Oder sind es Improvisationen? Meine Befürchtung ist, dass er das den ganzen Abend tut. Zu jedem Stück eine andere Gitarre, die ein Gitarrenträger anreicht. Zuletzt eine Gitarre, die wie ein Selbstbau daherkommt, mit drei Griffbrettern: das ist die Pikasso-Gitarre (dort: Soundbeispiel mit Video). Die Klänge, die Metheny ihr entlockt, erinnern mich an Indien oder -vollkommen anders- an die Schweiz. Auch in der Schweiz gibt es einen Musiker, der Wuschelkopf trägt. Würden wir eine transkontinentale Supergroup aus aller Herren Länder allein der Frisur nach bilden, so könnte diese lauten: Pat Metheny (Gitarre), Andreas Vollenweider (Schweiz, Harfe) und Angelo Branduardi (Italien, …). Das wäre doch schon was. Tut aber nicht Not. Der Herr Metheny aus Übersee, der kommt -ganz offensichtlich- auch allein sehr gut zurecht.

Pat Metheny (3/4) - Philharmonie 02.03.10

Pat Metheny (3/4) - Philharmonie 02.03.10

(Das Foto ist ein bisschen unscharf, es hat mir trotzdem gut gefallen, weil es meinen verwunderten bewundernden Blick auf die Bühne repräsentiert! Verzauberung!)

Mit neun Jahren, so sagt er zwischen zwei Stücken gegen Ende des Konzerts, habe er als kleiner Junge davon geträumt, im Keller des Hauses bei seinem Großvater ein Gerät zu erschaffen, das ihm die Mitmusiker ersetzt. Und das hat er mitgebracht, und als nach einer Weile Herumgeklampfe allein auf weiter Flur der Geduldsfaden schon merklich gespannt ist, da zuppelt der Verhüllungskünstler das Bühneninterieur mit einem Handstreich weg.

Sichtbar wird das Ochestrion, Herr Metheny hat das nicht erfunden, aber in eigener Weise komplett neu interpretiert. Namensgeber seiner neuesten CD. Dabei handelt es sich um ein unbegreiflich großes Dingsbums, teils mit Rädern unten dran, aber aufgebockt, auf Regalen, die ihn um eine weitere Mannshöhe überragen. Überragend auch, was musikalisch rauskommt, und wie’s genau funktioniert, so sagt er, kann er selbst kaum erklären. Wir sehen mindestens -geschätzte- 40 Instrumente, darunter selbstspielende zwei Flügel (von Yamaha), ein Riesenmarimbaphon, Bassdrum, Becken, Becken, Becken, angehalfterte Gitarren, Bässe, kurz alles, was ein Orchester benötigt. Musikalisch flockt der Herr Metheny nun zu Höchstformen auf. Das beginnt zunächst äußerst minimalistisch mit einem “Slap slap” irgendeines mit Lichtsignal versehenen Grundgrooves, zip, zip, und steigert sich orgasmusartig zu wabernden Klanggebilden, die ekstatisch zucken, klöppeln, klimpern. Noch nie Vergleichbares wie das gesehen. Eine One-Man-Band im ganz großen Zuschnitt und von internationalem Können, begrenzt durch buchstäblich nichts. Steckt dahinter ein Windows-PC? Kann nicht sein: es funktioniert ja. Wie steuert der Mann das Ganze: spielerisch. Was da abgeht, wie “Schmidts Katze”, das ist ein Orchestrion, eine Machina Grande, die Medleys beherrscht, Requiems abspielt und sogar zu Sarabanden auf der Gitarre problemfrei daherkommt.

Pat Metheny (4/4) - Philharmonie 02.03.10

Pat Metheny (4/4) - Philharmonie 02.03.10

Metheny muss sich inzwischen nicht mehr allzu streng an Konventionen halten. Das musste er vielleicht mal früher. Während der junge Metheny, so sagt er, vom spielerischen seiner Erfindung eines Orchestrions nur dadurch abgehalten wurde, dass er dann “ein berühmter Jazzgitarrist” (Gelächter im Publikum) wurde, zeigte ihm seine Familie, Frau und Kinder, schon mal einen Vogel, als Metheny begann, das Orchestrion Stück für Stück zu entwickeln. Der Weg war das Ziel, und die Mühe hat gelohnt.

Gegen Ende des Konzerts hat niemand mehr Zugabe gebrüllt. Nein, es war einfach ein ergebenes, ausuferndes und somit ein forderndes Applaudieren des Publikums, Herr Metheny konnte es deuten, und die Verständigung zwischen Herrn Gitarrengott und Publikum erfolgte daher manuell, durch Klatschen, Applaus und Crescendi (ansteigendes Applaudieren). Allein dies veranlasste ihn, die Sache fortzusetzen. Beispielhaft ging das Konzert mit einer Improvisation (Konzert für 1 Gitarre, gesampelt in Lagen geschichtet und schließlich aufwallend) zu Ende. Es kann gar kein Zweifel bestehen: das war ein Abend der absoluten Weltklasse. Danke, Herr Metheny

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