1239/15: Gedenken: „Trauer“ – Herbert Grönemeyer & das World Quintett

Trauerkerze

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Lichter spiegeln sich in schmutzig-nassen Pfützen,
gelb und fettig, schmutzig auch und schwer
Helle Häuserfenster können gar nichts nützen
Tore hallen hehr und leer
Liegt der Nebel müde auf den Straßen
und der Regen rinnt und rinnt
Menschen sind zu traurig, um sich noch zu hassen
und es hüstelt irgendwo ein Kind
In den Gärten liegen halbverfaulte Blätter,
stehen Bänke, traurig, nass und grau,
kommt die Sonne immer seltener und später
Nimmt’s der Mond mit scheinen nicht genau
Dringt das halbe Tageslicht noch durch den Nebel
trüb und grau und klebrig schwer
Klirrt die Wache schläfrig mit dem Säbel
und ein nasser Vogel zittert sehr
Dringt das halbe Tageslicht noch durch den Nebel
trüb und grau und klebrig schwer
Klirrt die Wache schläfrig mit dem Säbel
und ein nasser Vogel zittert sehr.
(Trauer – Selma Meerbaum-Eisinger)

Das Lied des Tages der Berliner Formation Bluma (Artikel vorher) erinnert mich in ungewollter, allerdings nicht unangenehmer Art und Weise an ein Lied, das mir mehr als viele andere so zu Herzen ging, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich war zutiefst berührt. Heiter bis wolkig, Bluma bis Klezmer, Klezmer zu Selma – genauer, zu Selma.TV, um auch begnadete Rechercheure zu ihrem Recht kommen zu lassen.

Herbert Grönemeyer hat das bei mir nicht notwendigerweise immer vermocht. Lange Zeit hielt ich ihn ohnehin für einen mit Bildern spielenden Sänger, Texter und Komponisten, der zwar kenntnisreich mit Andeutungen spielt, aber zu klaren Aussagen nicht fähig ist. Seit wir das Album Mensch von Herbert Grönemeyer gehört haben, ist dies Gerücht jedoch nicht weiter tragbar, es entpuppte sich als Vorurteil.


Trauer (Grönemeyer)

„Als ich dieses Lied zum ersten Mal hörte.. ich weiß gar nicht wie ich’s beschreiben soll, was es in mir auslöste. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen.“ Youtube-Userin Houney erstellte eine bearbeitete Videoversion hier

Der Schauer der Trauer, den Herbert Grönemeyer durchzuckte, muss von einem Fundamentalismus gewesen sein, den nun nachvollziehen jeder vermochte. In der Erfahrung des Verlustes seiner Frau und eines von zwei Brüdern in rascher Zeitfolge öffnete sich eine Art Grönemeyers Schatzkästchen, für dessen Hebung aus der tiefsten Nordsee man nicht Perlentaucher sein musste. Eine ganz offensichtlich wahre, tiefe Geschichte.

Ähnlich tief ist das Komplott zwischen Ruhrgebiet, Bochum, übergesiedelt nach London und nach Berlin, Parallelwelt pur, mit dem schweizerischen World Quintett um den jüdischen Musiker David Klein. Klein hat irgendwann angefangen, die jüdische Selma Meerbaum-Eisinger und ihren dichterischen Nachlass in Musik zu fassen.

Selma Meerbaum-Eisinger

Selma Meerbaum-Eisinger (Privatarchiv)

Deswegen gebührt Herbert Grönemeyer zwar Dank für die Darbietung eines Gedichts namens Trauer. Und das machte er 2003 sehr gut, wie sich hören lässt. Für die Atmo und den großen Stil in musikalischer Hinsicht, für eine Komposition, die mit einer ruhigen Hand geschrieben wurde, trägt David Klein die Verantwortung. Für den lyrischen Text trägt die damals rund 15/16 Jahre alte große, früh verstorbene Lyrikerin die entscheidende Verantwortung.

Dass er das kann und es ihm besonders liegt, großartige atmen könnende Weltmusik zu schreiben, gibt es inzwischen genügend weitere Belege. Klein hat auch mit vielen weiteren bekannten Musikern Ideen dazu fortgesetzt, wie sich hier und hier nachlesen lässt.

Und bitte weint ruhig auch einmal wieder. Es hat eine reinigende Wirkung.

 

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