357/10: Legenden: Dieter Bohlen der Warteschleife, Melodien für Telefonhörer, SPLIFF & Co.


Telefonterror – Spliff – via Youtube

Es ist egal, was du machst,
oder dir vorgenommen hast,
hak’s ab,
denn es ist schon zu spät.
Ein kleiner Wicht will das nicht
was du auch tust, er unterbricht,
er steht versessen in der Ecke rum und blääät:
Ruf doch mal nicht an!!!

Laß den Telefon-Terror
ruf mich bitte nicht mehr an,
es gibt gar nichts auf der Welt,
was jetzt so wichtig sein kann.
Wenn ich dich brauch‘, greif ich auch mal
zum Telefon und wähl‘ deine Nummer,
doch dann gehst du nicht ran.
Dein Automat ist am Draht
und informiert mich knüppelhart,
dass du jetzt Ruhe brauchst und gibt mir einen Rat:
Ruf dochmal nicht an!!!

Laß den Telefon-Terror… (Spliff, 85555)

Um mit einer altbekannten Berliner Band der späten Siebziger und frühen Achtziger zuvorderst zu beginnen und dem Sendeauftrag dieser Website unbedingt gerecht zu werden. Es war die vormalige Lok Kreuzberg, die dann (leider nur) übergangsweise die vielversprechendste Rosskastanie der deutschen Nation, Nina Hagen, begleitete, um dann schließlich ein komplettes Morphing zu durchleben. Diese Band hieß: „SPLIFF“ und gehörte ganz ohne jeden Zweifel zu den weltbewegendsten Bands im gesamtdeutschen Sprachraum. Tja, sabber, geifern, zeter, zipp zipp: Die Jahre sind vorbei.


Reinhold Heil (Ex-Spliff) und was er heute macht (via Youtube)

Nun ja, es geht hier vordergründig um Telefonterror, um Warteschleifen, um zu warten anstatt zu leben! Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Es macht ja nichts, dass ich mir schon so oft als möglich schwor, in meiner bürgerlichen Existenz alle in Frage kommenden Voiceboxen und Anrufbeantworter mit dem Song Telefonterror der Band SPLIFF als Ansage zu bespielen. Das interessiert heute keine Sau mehr. Zu Unrecht! Denn der Song ist großartig!

Die Herren dieser Formation in aller Herren Länder verstreut, am weitesten wohl Keyboarder Reinhold Heil, der drüben in Amerika auskömmlich lebt und als gefragter Filmmusikkomponist inzwischen einen weiteren Namen hat. Denn überhaupt ist lediglich nur noch unter historischen Gesichtspunkten erneut erwähnt zu werden möglicherweise hundslangweilig. „Das Parfüm“, „Lola rennt“, um nur zwei sehr bekanntgewordene Filme zu nennen, die Ausnahmemusiker Reinhold Heil vertont hat. In diesem Fall in Coproduktion mit dem Filmregisseur Tom Tykwer.

Ich erinnere noch die Zeit so um 1982/3. Damals saß ich als Mitglied in der Jury des seinerzeitigen Senatsrockwettbewerbs „Rock News“, bei dem sich seinerzeit rund 300 Bands pro anno um den „Endsieg“ bewarben. Als Hauptpreis eine professionelle Tonstudioaufnahme aus dem Beatstudio in Berlin-Wilmersdorf und die Veröffentlichung einer „Single“, einer schwarzgelackten Schallplatte aus Vinyl -remember?- mit 45 Umdrehungen/Minute. Ach ja, und die alten Leute, denen schneller schwindlig wurde. 78 rpm und Schelllack anstatt Vinyl. Eine Berliner Band damals hieß „Nyltest“. Nur wer Speed nahm, drehte schneller.


NINA HAGEN BAND – 28.02.1978 – mit Tonstörung, leider, teilweise (via Youtube)

Grönemeyer mochte Musik, nur wenn sie laut ist. Reinhold Heil liebt Musik, wenn sie einen Film angemessen umsetzt in hörbare Töne. Stefan Ladage ist ein Auftragskomponist für die telefonische Warteschleife? Allen gemeinsam ist: Wenn das, was sie verzapfen, kurzweilig ist und gefällt, haben sie ihr Ziel erreicht. Alle drei machen Musik, weil sie gern Musik machen. Sie sind Musiker! Alle drei leben davon!

SPLIFF hatte seine Tonstudios in der Moabiter Huttenstr.. Herwig Mitteregger stapfte durch den Raum, in dem die Jury tagte, unter dem Arm ein paar fette Bandspulen, schätze 2′. die Bänder. Herwig Mitteregger lebt jetzt nach Jahren der Einsiedelei in Spanien in Hamburg, nicht mehr isolito, sondern „Insolito“, so jedenfalls der Titel seiner letzten Scheibe. Bleiben noch Gitarrist Potsch Poschka und Manne Praeker zu erwähnen. Potsch lebt im Umland Berlins und betätigt sich aktiv als Gitarrist mit eigenem Studio. Manne? Wo ist Manne? Hinweise an die Redaktion werden mit Dank nicht unter beachtlichem Niveau belohnt.

Abgrenzung zum Laster (Quelle: Nina Hagen via facebook)

Abgrenzung zum Laster (Quelle: Nina Hagen via facebook)

Reinhold Heil ist jetzt Auftragsmusiker in Sachen „Filmvertonung seiner Mandanten“, und dass das auch Freunde von ihm sind, erleichtert ihm die Sache sicherlich. Ist die Sache eine reine Auftragsarbeit für „Fremde“, ist es vielleicht weniger leicht. Professionell ist es nur, wenn es den Fremden wie den Freunden hinterher gefällt und die Menschen nach einem Kinobesuch unterhakeln, über den Prachtboulevard flanieren und miteinander versinken ins Geschwelge: „Ach Schatz, der Film war toll und hat mich doch berührt, war er nicht toll untermalt?“ Richtig, Musik als etwas Unterbewusstes. Gute Musik sollte eine Message haben, die kann auch nonverbal sein.

Und besteht ein Liedtext auch aus Kokolores, dann wäre nichtsdestotrotz ein gewisses Maß an Attitüde förderlich, so wie z.B. bei Tokio Hotel. Wenn die Botschaft darin besteht, wir sind heranwachsende Jungs, wir sehen (teils) gut aus, uns kann man begehren, visuell, audiophon und sexuell, dann ist das ein Statement, mit dem sich Erlöse generieren lassen. Diese „light side of the moon“ ist beleuchtet und offensichtlich. Die dunkle Seite des Mondes hingegen, das ist, in der die Menschen im Hintergrund wirken. Sie machen die Musik um der Musik selbst willen und oft sieht man ihr wahres Gesicht gar nicht mehr. Nun, es ist kein Geheimnis, dass die dunkle Seite des Mondes so gut verkauft wurde, wie nur wenige vergleichbare Studiowerke der Rock- und Popgeschichte. Pink Floyd hat „The Dark Side Of The Moon“ zu einem Meilenstein, einem Evergreen der Musikgeschichte heranwachsen lassen und nun steht dieser Meilenstein für immer da und wird es irgendwann so sein, aber wann?, dass die Menschen sagen: Pink Floyd? Nie gehört?

Oder die Beatles? Oder Led Zeppelin? Wir wagen hier sicherheitshalber diesbezüglich keine Prognose und bitten um Verständnis: Diese Auswahl war willkürlich und unvollständig. Sie bleibt es auch. Stefan Ladage aus Herford ist so ein Fall, von dem wir auf der Website von Impulse hören: Er sei der „Dieter Bohlen der Warteschleife“. Dann hoffen wir mal, nicht in musikalischer Hinsicht. Das wäre doch ein Grund sofort aufzulegen, oder? You´re my heart, you´re my soul……oh Gott!

Überall in Deutschlands Telefonanlagen schlummere seine Musik. Ein Grund, mal Schabernack-Anrufe zu starten und Telefonscherze? Mitnichten. Vielleicht einmal darauf zu achten, was mir am Telefon in den Zeiten, in denen ich zwar anrufen, aber nicht sprechen soll, so erzählt, vormusiziert und vermittelt wird. So eine Art Corporate Identity der großen Firma. Ich muss gestehen, dass mich die Warteschleifen meines Lebens eigentlich stets immer nur sauer machen, mächtig sauer. Wenn ich in eine längere Warteschleife gerate, weiß ich instinktiv, dass diese Firma personaltechnisch schlecht ausgestattet ist und bei zu niedrig kalkulierten Gemeinkosten zu viele Kunden gleich schlecht abfertigen will. Insofern würde ich persönlich so weit möglich sogar so weit gehen, auf die Kontaktaufnahme mit solchen Firmen zu verzichten. Nicht immer gelingt mir das.

In der Warteschleife des magentafarbenen „Mr. T“ (oder ist es eine Aunt T., eine Tante, eine Mrs…?) finde ich die Warteschleifenmusik zum Kotzen. Allerdings gibt es einen Drei- bzw. Vierklang, der diese Firma darstellt, das ist ein Plus. Beim Stromriesen Vattenfall werde ich sauer, seit ich insbesondere weiß, dass ein Großteil der wesentlichen Telefonarbeit (Betreuung der eigenen Kunden) auf Drittanbieter „outgesourced“ ist, es sind Callcenter-Firmen, die darauf spezialisiert sind, Kunden für dumm zu verkaufen und jedenfalls nicht so nahe ran zu lassen, als dass sie nachdrückliche, erfolgreiche und wiederkehrend gründlich aufzuklärende Fragen stellen können! Beharrlichkeit ist nicht das Ziel dieser Art von Kundenpflege. Es geht darum, einen zu groß gehaltenen Teil der eigenen, für dumm gehaltenen Kundschaft möglichst fern vom kostenintensiven eigenen Verwaltungsapparat zu halten.

In dieser Bresche betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten ist ein Mann wie Stefan Ladage ein gefragter „Musikproduzent“, er produziert Jingles, kleine Einspieler, himmelhochjauchzende Tussies stöhnen in den Hörer „wussten Sie schon, das Weihnachtspaket!“ und „Tirili“ oder sonore, männliche Ben-Becker-Verschnitte wummern mit Timbre und genug Bauch, um die Welt darüber hinaus zu vergessen „Halten sie bitte ihre Kundenummer bereit“ in die Klingeldrähte. Der eigene Orgasmus des Kunden, seine von Aufgeregtheit überbordende und plötzliche Entladung erfolgt im Höhepunkt des Moments, indem tatsächlich endlich irgendein oft verständnisferner Kundenbetreuer mit psychologisch eingeübtem, zu hellem Klang in der Stimme fragt: „Mein Name ist Meier-Schniederpelz, was kann ich für Sie tun?“  Ja, aber….

Und doch ist es interessant zu erfahren, was Menschen wie Stefan Ladage so treiben, damit ein solches System möglich ist. Sind sie am Ende -ganz Dieter Bohlen- eine Art Blue System, dass dies erst ermöglicht? Also Königsmacher für Unternehmer, die sich nicht wie Könige benehmen, sondern wie Halunken? Oder ist das ein ethisch einwandfreier, dufter Beruf, am Ende sogar eine Berufsperspektive für ernstzunehmende Musiker? blackbirds.tv ist kein filosofisches, virtuelles Grundsatzgedanken-Blatt, das niemals gedruckt wurde. Und um es mit den Worten eines „four letter word“-Boulevard-Opossums tibetanisch weise zu formulieren: Eine eigene Meinung sollst du dir schon besser selbst bilden!  Bob Dylan sagte es doch in ähnlicher Weise, wörtlich:

The answer my friend is blowing in the wind, the answer is blowing in the wind!

Viel Spaß!

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.