164/10: Trendbarometer: Die Geschichte der längeren Bandnamen ist alt, ganz schön alt….

Bandreinkarnation dieser Tage in Berlin:

The famous, xtraordinary blackbirds.tv feat. Rian Es on the Humble Pie of Apple Cheese Cake (ungefährer Bandname in Planung)

Paul McCartney (wer?) hat das mal so erzählt. Der George Harrison (wer?) hielt sich 1967 kiffend und sinnierend in Frisco (San Francisco) auf in der Bay. Das war eine wilde Zeit. Aha. Überall schossen an der Westküste der Staaten so neue Bands aus dem Nichts, mit merkwürdigen Namen. Ein solcher merkwürdiger Langname war beispielsweise: „Big Brother & The Holding Company“ und erst durch Hinzufügung des damals noch keineswegs gebräuchlichen „feat.“ (für: featuring) einer Sängerin namens Janis Joplin bekam die Sache einen tieferen Sinn. Todd Wagner, Gitarrist aus Berlin, hatte eine diesem Trend ganz und gar gegenläufige Aufgabe: Er „featurte“ ein Projekt, das auf die Losung „Band ohne Namen“ hört, als Gitarrist.

Plakat Tony Hurdle & the famous Guardians of the Groove

Plakat Tony Hurdle & the famous Guardians of the Groove

(Danke, Olaf)

Sly & the Family Stone (USA) – Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Beatles) – Big Fat Richard’s Monotone Skiffle Group (Berlin) – Frank Zappa & The Mothers of Invention (USA) – The Jimi Hendrix Experience (USA) – Rupert’s Kitchen Orchestra- (bitte weitere gern einsenden)

An diese alte, liebenswerte Tradition, Bands sperrige lange Namen zu verpassen, erinnert uns heute Olaf Dämlow vom Yorckschlösschen. Die Band namens Tony Hurdle & the famous Guardians of the Groove spielte zu DM-Zeiten im altehrwürdigen Yorckschlösschen auf und präsentierte „PURE FUNK“. Dem ist die Berechtigung nicht abzusprechen und erste Reaktionen auf den angegriffenen EURO, der sich inzwischen als TEURO mit griechischer Nuancierung präsentiert, lassen vermuten, dass allein die Auswahl richtiger Musik uns manches erspart hätte. Und überhaupt: Nur die Guten sind Kanuten.

Wir machen Musik mit schwarzen Wurzeln und bunten Blüten.
Zentraleuropäische Küche.
Artgerechte Gasthaltung.
Betreutes Trinken.
Schöner Sommergarten.
Sonntags ab 10 Uhr 1a Frühstück.
Live Jazz, Blues, Soul, RnB, Afro, Latin.

(Olaf Dähmlow, Yorckschlösschen, über sich selbst)

Das gilt auch für das Berliner Yorckschlösschen. Es existiert nun schon mehr als 300 Jahre (geschätzt). 1945 fuhren sowjetische Panzer dran vorbei. Die Soldaten übersahen die Trinkhalle, geschadet hat es Schlösschen nicht. Ein Bildnachweis wird unten -korrekt, korrekt- geführt (pdf). Direkt über dem Yorckschlösschen verdiente sich der bewährte Kleinstunternehmer und nicht sonderlich erfolgreiche Rudi Böhne Meriten für die Berliner Musikszene. Das war nach 1945, geschätzt 1987. Seit er von der Gustav-Müller-Str. in Berlin-Schöneberg nach Kreuzberg und direkt überm Schlösschen einzog, war aus dem eingestampften Projekt „Rumpelpress“ nur noch das Rumpel übrig geblieben. Liebevoll nannten ihn jene, die ihn kannten, traditionsgemäß Rumpel-Rudi, Rudolf Otto Böhne verköstigte manch blondes, kühles Bierchen direkt unter seiner Wohnung.

Eine Pipeline von dort, nach oben und „jenseits vom Tresen“, wurde in Wahrheit nie dahin verlegt. Ob alle Spesen beglichen wurden, gehört hier en detail nicht hin. Und auch, ob wegen drohender Zahlungsausfälle geldwerte Gegenleistungen in Form von Werbezetteln, Kulturflyern und Visitenkarte genommen wurden, nehmen was man kann, gehört hier nicht hin. Dies alles ist bereits verjährt.

In den ersten dreißig, vierzig Jahren lebt man nach vorneweg, mitten drauflos. In den weiteren Jahren schaut man auch gern mal zurück und erinnert das.

Seine Mitwirkung an dem ernstzunehmenden Projekt eines vollständigen Who Is Who der Berliner Musikszene, dessen Hoch- und Glanzzeit 1983 in einem „fetten“ Gesamt-Berliner Bandalmanach (Ostteil neu: damals eine Sensation) einschl. Auftrittsnachweis für Gesamtdeutschland mündete, war damals kurz vor Null angelangt. Die Journalistin Anke Kuckuck verdiente sich einen „Oscar fürs frühere Lebenswerk“ an dieser Schwarte. Das Buch hieß Rock City und erschien im Berliner Verlag Frieling & Partner. Gemessen an 1983/4 war das Buch 1985 und auch das 1986-er Buch dünner. Die Großversion war 1983/4 maßgeblich durch das Referat Freie Gruppen des seinerzeitigen Leiters Bernd Mehlitz mitfinanziert und damit möglich gemacht worden. Später wurde das ambitionierte Werk verkauft und dann sang- und klanglos eingestellt. Der Orkus der Geschichte hat’s gefressen.

Im Yorckschlösschen wurde die Versalität (siehe unten) verdienter Anzeigenprovisionen immer aufs Neue auf die Probe gestellt: verdiente Prozente wurden stets erfolgreich binnen kürzester Zeit in Promille umgewandelt. Mathe war nicht das Hauptaugenmerk von Rumpel-Rudi. Dass das Buch Rock-City so dünn war, lag am Zeitgeist. Ein paar Bands hatten ausgesprochen kurze Namen: Spliff beispielsweise, oder MDK (das man auch länger hinschreiben konnte: Mekanik Destruektiv Kohmandoeh)

Merke: Je kürzer der Bandname, umso schmaler der Bücherbord-Platz derjenigen Lexika. Würde man das Weltkulturerbe daher in cm messen, die eine Bücherwand besitzt aus Lexika über die Musikszenen der Welt, so hätte die Länge der Bandnamen maßgeblichen Einfluss auf die Größe der Kultur. Der Keyboarder „Waltraud“ von der Band Sky Hook nannte diesen Lieblingsspruch seinerseits in den frühen Achtzigern eingangs jeden Konzerts der Band:

Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten. (Karl Kraus)

Waltraud war sein Rufname. Seit Gitarrist hört noch heute auf den Namen Schluck, lebt in Zehlendorf und heißt mit bürgerlichem Namen Mundhenk. Mundhenk = Mundschenk = Schluck = Prost, auf ins Yorckschlösschen. So weit sind die Abwege der Gedanken gar nicht.

Womit wir beim Trendbarometer angelangt sind: Es sieht ja so aus, als würden die Bandnamen wieder länger, oder? Im Yorckschlösschen gibt es einen Stammtisch von facebook-Freunden. Ob der Besuch dieses Stammtischs auch dazu genutzt werden könnte, eine Liste denkbarer, noch besserer Bandnamen zu diskutieren, war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Ein Update zu dieser Frage erscheint uns heute nicht gänzlich undenkbar.

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