336/10: Band-Soziologe: Für Sessions gilt: Guter Common Sense, Spirit & geklärte Verhältnisse #Audiotipp

Banner Der BandSoziologe

Ich rede für mich selbst, ich rede für mich selbst, ich rede für mich selbst, ich bin mein Radio, mein eigenes, universelles Radio! (etwas abgewandelte Lyricschnitte aus dem Song „Mein Radio“ von Nina Hagen – Jesus, das stimmt!)

Man könnte meinen, ich hätte die Band The famous, xtraordinary Blackbirds.tv zu Zwecken wie „Feldforschung“ gegründet. Doch das ist nicht richtig. Es geht in erster Linie um Musik! Der erste Anschein trügt: „What you see is what you get“  gilt für PC- und Apple-Vernarrte und das „Hier und Jetzt“. Für alle anderen gilt: Was du jetzt siehst, ist die Beschreibung der Jetztzeit. Es war nicht immer so, wie es jetzt ist, und wie es mal war, das ist der Grund für die heutige Situation, wie es jetzt ist! Eine Band als Karnickel für die soziologische Beobachtung? Bis hierhin mitgekommen? Na dann.

In der Band finden all diejenigen Prozesse statt, die in jeder Band stattfinden. Ein wesentlicher Aspekt der guten Bandarbeit miteinander ist die Kommunikation. Nur wenn die Kommunikation gut ist, kann sie fließen. Eine Binsenweisheit, eigentlich.


Essentials Okt. 2010 - Anzahl der Bandmitglieder

banner AudioCreditsAudiotipp: STE-009_Sessionsnitzel – recorded live 10.11.10 – The famous, xtraordinary Blackbirds.tv (via divshare)

Session heißt Ausprobieren! Rough Diamonds, rohe Diamanten oder Bullshit:  Die zu Gehör gebrachte Session fand in dieser Woche bei der Bandprobe statt und gefällt mir. Deswegen veröffentliche ich sie. Ich veröffentliche sie auch, weil sie zur hier beschriebenen Situation sehr gut passt und weil sie im Anschluss einer wichtigen Bandbesprechung aufgenommen wurde. Mein Gefühl war gut und ich hatte den Eindruck, das Gefühl der Anderen war jetzt ebenfalls gut! Wir hatten uns weitgehend verstanden. Eines von mehreren Audioschnitzeln, die aufgenommen wurden, ist das hier und es belegt gefühlsmäßig für mich das Gesagte. – Verspieler beim Anhören darfst du behalten, vielleicht sind sie später mal kostbar!

Die Kommunikation auf den Proben ist klar: face to face, one man to another, lassen wir Geschlechter weg. Bandproben sind „hier und jetzt“, „hier und heute“, omh, wir leben in diesem Moment.

Deswegen sind Bandproben auch gesünder, als die Zeiten zwischen den Probeterminen, wo wir in unseren Gedanken dem „Morgen wird´s eventuell…“  und dem „Gestern war´s ….“ nachhängen. Nein, es ist, wie es ist! Man muss nur die Kraft haben, das zu sehen! Wir denken: „Ach, jetzt eine Bandprobe, das wäre toll“ oder wir denken „Ist das heute wieder scheiße, letzten Kekstag, unsere Probe, das war was!“ Endorphine schüttet man nicht mit dem Bade, sondern am besten auf einer Gruppenprobe aus. Ist die Probe gut, freut sich der Musiker. Geht guten Mutes und so gelaunt nach Hause, ach, war´s nicht schön? Doch war´s.  Bandmusik ist die beste Droge, weil sie dem Vollblutemotionalisten „Musiker“ körpereigene Rauschgifte aussendet, mit der Folge, niemand muss mehr kiffen, koksen oder Bier trinken.  Genau genommen verbessern diese Additive das Proben nämlich nicht sonderlich.

Die Kommunikation zwischen den Proben ist schon schwieriger zu beschreiben. Denn zwischen den Proben ist man zumindest körperlich nicht mehr beieinander und man kann es Glück nennen, wenn eine seelische Verbundenheit besteht, man aneinander denkt, aber in einem guten Sinne, der verbindet und der einem das Herz durchwärmt, wenn man an den Anderen denkt. Dann ist es gut. Denkt man anders herum und in eher negativen Aspekten über den anderen, ist´s schon schwieriger. Wie in einer guten/schlechten Ehe könnte man nämlich auf die „schiefe“ Denkbahn geraten und über den Anderen Dinge denken, die sich irgendwann festfressen als „Form der Wahrheit“. Und oft ist viel Wahrheit an solchen Gedanken. Wenn sich auch Aspekte der „eigenen Wahrheit“ im direkten Gespräch miteinander zurechtrücken und mithin geringfügig korrigieren lassen, ist doch stets die „eigene Wahrheit“ für einen selbst größer als die des Beurteilten.

Eine negative Meinung über das Bandmitglied Xy kann etwas vorschnell entwickelt sein. Zur Gründlichkeit im Denken über weitere ist ein Bandmitglied auch ohne entsprechende Vertragsklausel im Gründungsstatut der Band jedoch ausnahmslos verpflichtet. Man wirft Bandmitglieder gedanklich nicht einfach über die Wupper, das tut man nicht. Soziologisch sprechen wir dabei vom Bandgewissen, ein kollektives, aber nicht zwanghaftes, selbständig existierendes, soziologisches Verhalten, das nachweislich nur bei weitgehend schadenfreier Einzelpsychologie der Bandprobanden konstituiert werden kann! Es ist wie im Schilfröhricht: Jedes Ding hat seine Halbwertzeit, doch nur so weit, bis kein Hahn mehr danach schreit. Punkt.

Der Unzufriedene mag zum Zeitpunkt seiner bereits deutlich angegriffenen Frustrationstoleranz denken, aber mit seiner Meinung noch hinterm Berg halten. „Ich muss erst überlegen“, denkt er, und dann denkt er „irgendwann muss ich was sagen!“ Irgendwann kommt es auch so. Eine gute, gar nicht mal so schlechte Verabredung der Band kann lauten, dass Grundsatzdiskussionen wie diese in einer zu knapp bemessenen Probezeit unangebracht sind. Wenn diese Regelung getroffen ist, als eine Art Gesetz, gilt sie, bis die Gruppe anderes beschließt. Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwann ist es Zeit, zu handeln. Es hat sich zu viel aufgestaut und immer nur aneinander vorbeileben, das geht mit Menschen, die mir vollkommen egal sind und mit denen ich nicht „im Austausch von Seelenflüssigkeiten“ wie Verzehren, Verlangen, Geilheit und Amour lebe, wovon ich mich musikalisch ernähre, wie ein Eichhörnchen von was weiß ich denn davon?

Andere wollen Groupies, ich will Musik, später find auch ich  Slips gut, aber auf die Bühne geworfen wie früher bei Bay City Rollers, Sweet und Shakin´s Stevens und nur saubere…! Kochwäsche: Ich bin Musikfetischist, nicht Wäscheästhet!

Essentials Okt. 2010 - Kommunikation in Band

Der beherzte Ausfallschritt

Ich spüre im Rahmen geordneten und konzentrierten Nachdenkens: Die Zeit für einen beherzten Ausfallschritt meinerseits ist gekommen. Ich bilde mir ein, ich bin ein olympischer Spiegelfechter, mache einen Ausfallschritt nach vorn: „Avant“ – „Garde“ und schließlich steche ich zu: „Touche“ – getroffen, mitten ins Herz! Das ist die Situation, in der ich meine Beobachtungen, die über einen längeren Zeitraum sehr konzentriert verliefen, zur Sprache bringe. Vom Vertagen jeder Tätigkeit diesbezüglich wechselt sich mein Verhalten so spontan, als hätte sich in mir der Proberaum-Hauptstromschalter plötzlich wieder umgelegt. Ich verfahre nun nach der zuvor festgelegten Devise, dass dies stets außerhalb der Proben zu erfolgen hätte.

Den, um den es geht, haben wir schon eine Anzahl von Proben nicht mehr gesehen. Er war nicht da. Er hatte andere Dinge, die wichtig sind. Er muss auch Geld verdienen, existieren, sagt er. Das muss ich auch, denke ich. Was hat das mit uns als Band zu tun? Richtig: nichts. Aber das ist nicht alles. Ich habe viel mehr auszusetzen. Ich spüre in mir, dass wer zu Proben nicht erscheint, auch nicht einmal mit dem Kopf bei uns ist. Weder eine Liebe in sich trägt zu uns, den Mitmusikern, noch zur Sache selbst, unserer Musik. Ja, vielleicht nicht einmal zu sich selbst? Da misch dich nicht ein, denke ich mir, das ist meine Sache zu beurteilen nicht. Ich bin nicht der Band-Psychologe. Mich interessiert im Rahmen meiner Band eher der soziologische Aspekt.

Menschen mögen zufriedene, gut geratene und in sich stimmige Leben leben, voller Glück, Talent und freier Entfaltung oder von allem vorher Gesagten genau das negative Gegenteil: dieser Aspekt muss mich als Bandmitglied nur weniger interessieren. Dass jemand eine Psyche hat, wie er sie hat, nehme ich zwar zur Kenntnis, ich habe kein Mandat, es zu verändern, zu erziehen oder zu beeinflussen.  Ein jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Mich interessiert im Besonderen die Kommunikations- und Ergebnisstrecke, die von direkt vor dem Körper (und nicht in ihm) ausgeht und die als Strahlung auf das diametrale oder periphere Gegenüber, den Mitmusiker oder die Band als Ganzes, ausstrahlt. Mich interessiert nur die Soziologie dessen.

Sonst würde ich diese Rubrik hier „Band-Psychologe“ nennen und nicht Jimi, den Gott der Götter, sondern Siegmund, den Gott aller Freudianer abbilden. Nein, mit Jimi habe ich mir schon was dabei gedacht. Wenn´s in der Bandsoziologie hakelt, entwarf ich, dann könnte ich laut „Jimi“ (!) brüllen und „Scheiße“ und jeder wüsste, was gemeint ist. Es würde deutschlandweit ein Verständnis von Bandarbeit entstehen, in dem Menschen sich diese beiden Worte zurufen, um künftig darüber hinaus nonverbal zu interagieren. Einmal fluchen, reicht.  Eine Art „default“-Einstellung. Und wäre das Bandleben Cubase, dann wäre dieser Fluch der, der in der „default-Einstellung“ stets vorsorglich mitgeladen wird. Das blackbirdianische PLUGIN „Jimi, Scheiße!“, der künftige Schlachtruf deutscher Übungsraumfanatiker. Nicht „bin Laden“, unterwegs im Shoppingparadies, auf der Einkaufsmeile, sondern „bin Üben“, unterwegs nach Gondwana, dem paraphernalischen Paradies der Fantasievollen! Gondwana (Paradies) vs. Musicland (Shopping)? OK, das lass ich besser…., ich hab nichts gegen Jochen Stock!

Ich beschloss den Ausfallschritt eines gekonnten Spiegelfechters nun zu stoßen und, es außerhalb der Probenzeiten zu tun. Es war auch wichtig für mich, es zu tun, in einem Zeitpunkt, in dem ich „der körperlichen Korruption“ weiterer Mitmusiker, der drohenden warmen Schlagsahne auf zu kalt gewordenem Kuchen namens „Bandharmonie“ entgehen konnte. Ich musste, um für mich den richtigen Duktus denkbarer Aufforderungen an den zu häufig Abwesenden darzustellen, meine persönliche Einöde aufsuchen, alleine sein und frei von „relativierenden Harmoniereden“ anderer Bandmitglieder.

Wenn du in einer Band etwas positiv verändern willst, das aus guter Mitarbeit, gutem Miteinander und redlicher spiritueller Beschäftigung mit der Sache an sich einher geht, musst du für diese gewollte Veränderung den richtigen Zeitpunkt setzen. Von vornherein kann das notwendige Änderungsprogramm aus mehreren Phasen bestehen, die für sich genommen, eine zur nächsten führen. Wie eine Art Dominospiel. Dann weißt du, du hast den ersten Stein gekippt, und gleichzeitig weißt du nicht, wie das Spiel weitergeht, kannst du bestenfalls raten. Alles was danach passiert ist nicht, was du getan hast, sondern wie es auf andere, nachfolgende Dominosteine wirkt. Alle weiteren Dominos müssen mit dem ersten Stein klarkommen. Das ist recht einfach zu verstehen.

Ich kippte den Stein mit einer Email, das nannten später andere „die Schriftform“. Ein Erfordernis dazu besteht nicht. Allerdings halte ich die Schriftform unbedingt für zulässig und teils sogar für zwingend erforderlich, für wesentlich besser als die mündliche Vortragsform. Die Form leitet sich mehr oder minder von der festgelegten Kommunikationsstrecke ab und ist in jeder machbaren Form denkbar und legal. Wer was anderes sagt, hat darüber nicht gründlich genug nachgedacht.

  • Außerhalb von Proben Veränderungswünsche vorzutragen, bedingt entweder persönlicher Verabredung mit einzelnen oder mehreren oder allen Bandmitgliedern. Dazu oft keine Zeit oder Mangel an Gelegenheiten.
  • Ein Treffen zu zweit scheidet mit demjenigen aus, der es noch nicht einmal zu Proben schafft. Ist auch nicht wünschenswert, denn zu zweit kann man Dinge allenfalls vorbesprechen, deren Entwurf man den übrigen Mitgliedern der Band vorzutragen hätte. Denn in Bands gilt das Demokratieprinzip der Mehrheit, wenn nichts anderes verabredet wurde.
  • Also kann ich per Email etwas schreiben, sogar per SMS, per Fax, Brief oder per Telefon – alles ist zulässig. Ich nutze heutzutage gern die Emailform, meine Bandmitglieder haben alle Emailaccounts, allerdings schon mit unterschiedlich intensiver Benutzung. Ich benutze es täglich. Es ist mir geläufig.

Was ich genau schrieb, möchte ich hier nicht genau ausbreiten, nur so viel: Ich stellte jetzt klare Forderungen in zwei Punkten. Und ich forderte eine Stellungnahme. Ich forderte unabhängig von sonstigen Aspekten, die mit Bandarbeit für mich nichts zu tun haben, die bedingungslose Anerkennung der Regel, wonach eine Band wie wir einmal pro Woche verbindlich proben würde! Dass diese Regel verbindlich eingehalten würde. Sie sei der „minimale Konsens“.  Ich redete nicht vom unerwarteten Tod der Mutter, dem eigenen Tod oder der Einlieferung ins Krankenhaus nach einem Verkehrsunfall mit mehreren Kopf-ab-Situationen! Ich redete für mich selbst, ich war mein eigenes, universelles Radio! Ich sagte auch nicht, ich hätte Stellvertreterkompetenzen, sei mit Vollmachten ausgestattet. Ich handelte stark, individuell und persönlich. Die Zeit war reif, scheinbar unaussprechliche Dinge beim Namen zu benennen, sie auszusprechen und Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Anhörung. Gewährung musikalischen Gehörs, nicht rechtlichen Gehörs, das ist ein Unterschied! Wer bin ich denn? Das muss ich nicht ausschmücken.

Die musikalische Sache an sich beabsichtigte ich zu klären. Was folgte, kann ich kurz machen: Wir redeten nicht miteinander, weder telefonisch, noch schriftlich, na gut, er wollte es nicht. OK und ich muss es auch nicht. Ob wir uns noch einmal aussprechen wollen? Ob das was bringt? Nein, dachte ich, wozu? Die Sache ist klar entschieden. Er hat seine Mitarbeit -unter diesen Umständen- gekündigt. Nur weil ich was gesagt, pardon geschrieben habe! So schnell geht das! Es war zwar keine Antwort auf die klar umrissenen Forderungen meinerseits, also keine direkte Antwort. Es war eine indirekte Antwort. Sie heißt für mich: Nein, ich kann nicht einmal die Woche proben mit dir! Ich bin nicht bereit, das zu leisten. Na, das ist doch eine klare Antwort! Mehr hatte ich gar nicht gewollt. Wozu sich darüber noch „aussprechen“? Verschwende nicht deine Jugend, und verschwende auch nicht deine Zeit, edler Freund gutgemachter, handgemachter ….shake it to the groove!

***

Vielleicht schreibe ich an dieser Soziologie bei passender Gelegenheit noch weiter. Ich habe heute keine Lust, einen fertigen Roman im 150-Seiten-Umfang dazu zu verfassen, den sowieso niemand lesen würde. Was ich heute aufschreibe, reicht gerade mal für so viel Zeit und Freude, mir beispielhaft eine Session vom letzten Übungstag im Proberaum anzuhören, die ich für total gut halte. Für Sessions in Bands gilt (so lautete auch die Überschrift meiner heutigen Ergüsse): Guter Common Sens, Spirit & geklärte Verhältnisse benötigt man! Ich finde, diese Session bringt genau das zum Ausdruck. Ich liebe die Idee, mit dieser tollen Band weiter zu machen und wenn ich eine solche Session im Nachhinein aufmerksam durchhöre, um zu hören, was ich vielleicht als der Schlagzeuger besser machen könnte, bin ich befruchtet von dem intensiven Wunsch, mit diesen tollen Menschen weiter zu machen. Und vieles, was vorher im Trüben vor sich hin vegetierte an möglichen „bad thoughts“ hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Mitmusiker, ich würde gern noch viele Kinder von euch…, aber anhörbare, wie diese!