Sa. Mai 21st, 2022

Das ist der Unterschied: Mitte der Vierziger des vergangenen Jahrhunderts hatten die Menschen die Stalinorgel gesehen! Mitte der Siebziger wurde sie durch bunte Lichtorgeln und Stroboskope (Psycholights) ersetzt. Dazu konnte, wer mochte, tanzen. Dies war die Banalisierung des Bedeutungslosen der Siebziger Jahre. Dabei war das Herbeischaffen und der Einsatz von Stalinorgeln alles andere als bedeutungslos: die Sowjetunion hatte den „Vaterländischen Befreiungskrieg“ losgeschlagen. Mit gutem Erfolg: das mörderische Biest namens Hitler wurde vernichtend geschlagen! Die Seventies waren möglich geworden! (gewagte These) 

Ich weiß nicht, wie es Euch geht? Mir geht es so und darüber denke ich gerade nach.

Zuerst habe ich die Musik „wider Willen“ aufgedrückt bekommen. Da lief was im Schwarz-Weiß-Fernsehen, namens Hitparade mit Dieter Thomas Heck. Schon bald switchten wir auf Farbe um. Nun sah ich Rex Gildo, Jürgen Marcus, Cindy & Bert, Bernd Clüver, Udo Jürgens und viele andere mehr, darunter auch Katja Ebstein oder Mary Roos. Zuerst war ich ein Fan von Chris Roberts, der sang die bedeutungsschwangeren Worte „Ich bin verliebt in die Liebe, sie ist oley hey für mich….“. Das sprach mich gleich an.

Irgendwann machte es ratsch und ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann das war? Meiner Erinnerung nach war ich bei einem Freund zu Besuch, dessen Eltern ihm schon eine ganz beträchtliche,  moderne und wohl teure, weiße Schleiflack-Stereoanlage gekauft hatten. Mein Freund, genauso alt wie ich, legte eine Platte auf den Plattenteller. In seinem Zimmer hatte der Vater bereits auch eine Lichtorgel installiert, bestehend aus drei bunten Scheinwerfern, die ein Grundlicht zur Verfügung stellten und sobald die Musik begann, zuckten die Lichter im Takt der Musik.

Die Scheibe, die mein Freund auflegte, das war die Platte „The Dark Side of the Moon“ einer englischen Band namens Pink Floyd. Ich weiß es noch bis heute: Ich glaube, ich war zuvor noch nie so beeindruckt von Musik, wie bei diesem Ereignis. Es war eine Art Initialzündung. Das Ganze begann mit dem hörbaren Schlagen eines Herzens, dann verwob sich alles zu einer undefinierbaren Klangsäule, Schritte rannten von links nach rechts, oder war es umgekehrt? Ein Hubschrauber, dessen Rotoblätter, war zu hören, jemand schrie verzweifelt auf und dann: Ruhe, ruhige Musik und „Us and Them“ – an diesem Tag fiel mir zum ersten Mal auf, dass es auch ein Instrument namens Saxophon gibt. Der Saxophonist Dick Parry hat auf vielen Pink-Floyd-Alben die Saxophone geblasen.

Als 1977 das aufgeblasene Schwein der „Animals-Tour“ über Berlin schwebte, besuchte ich das Konzert in der Berliner Deutschlandhalle. Pink Floyd waren ohne jeden Zweifel eine Supergruppe, kaum vergleichbar mit anderen Bands dieser Zeit! Später besuchte ich ein Genesis-Konzert am selbst Ort, am Schlagzeug Phil Collins und Chester Thompson wie erforderlich und ich dachte etwas Ähnliches! Wer Chester Thompson auf „Roxy & Elsewhere“ (Frank Zappa, 1973) Schlagzeug spielen gehört hat, weiß, was ich meine….

Als Jugendlicher las ich POP und nicht BRAVO. BRAVO, das war was für Tussen und Zurückgebliebene. Die was von Musik verstanden, lasen POP. POP hieß noch nicht POPROCKY und wurde dann eingestampft. POP war Hochglanz, berichtete seriös über Rockgruppen dieser Zeit und ließ anfängliche Schambehaarung, Menstruationsbeschwerden, zu große wie zu kleine Klitoris und Zungenküsse, von denen man schwanger zu werden drohte, weg. Ein Special erschien großformatig doppelseitig bebildert: Es zeigte zwei Hände im Weltall, die durch einen Gully- bzw. Gefängnisrost durchgriffen, um sich daran festzuhalten. Die Band sollte ein Geheimtipp aus England namens Supertramp sein. Die Scheibe, die sie herausgebracht hatten, hieß „CRIME OF THE CENTURY“.  Ich war endgültig in der „progressiven Rockmusik“ angekommen, in Wirklichkeit etwas zu jung, um auch die antiken Sauropoden der Rockmusik schon intim zu kennen: Die Beatles, die Stones, Led Zeppelin, Black Sabbath und dergleichen waren „ein paar Jahre“ zu früh für mich. Sie sollte ich erst später entdecken.

So weit zu meiner musikalischen Sozialisation.

In der Gegenwart angekommen bin ich nun ein vergleichsweise „alter Sack“, der sich weiterhin intensiv für gute Musik interessiert. Allerdings haben sich die Interessen irgendwann stark verschoben. Wusste ich früher noch jede Woche ungefähr, wer auf welchem Platz in den Charts ist und in welcher Reihenfolge, verlor ich daran mit zunehmendem Alter irgendwann gänzlich das Interesse. Ist wurscht! Ich koppelte mich von news wie diesen irgendwann ab, klinkte mich aus. Geschafft.

Später fiel mir auf, dass ich eine Vielzahl neuer Bands und Gruppen schlichtweg nicht mehr wahrnahm. Ich hatte nun auch diesbezüglich die Orientierung komplett verloren. Neue Bands erschienen mir unwichtig. Indem ich Radio hörte, bekam ich noch einiges mit. Das richtig gute, alte Radio löste sich auf und wurde Stück für Stück durch lärmende Spartenradiosender ersetzt. Kein Musikstück würde einfach nur noch abgespielt. Inzwischen wurde fast jedes Stück noch einmal über psychoakustische Effekte „aufgehübscht“, aufgebläht und „in Watte eingepackt“, so klang die Musik inzwischen wie ein Einheitsbrei mit „zu viel Headroom“. An den Mikrofonen der Radiostationen keine DJs mehr, die Typen sind mit guter und mit schlechter Laune, nur noch Lackaffen, die stets hypergutgelaunt sind. Irgendwann beschloss ich, kein Radio mehr zu hören. Radio, das hatte seinen Wert vollkommen verloren.

Die ganze Musikindustrie ist inzwischen wie ein riesiger, großer Schubladenschrank in dem Film „Ödipussi“ von Loriot. Man ist unfähig, noch die passende Schublade aufzuziehen, meist hakt sie und geht nur auf, wenn man weiß, wie man ruckelt. Mit der Einführung von mp3 fiel die ganze Musikbranche in ein großes Loch von mehreren Jahren, unfähig, darauf irgendwie angemessen zu reagieren.

Ich sehnte mich so sehr nach den guten, alten Zeiten zurück, wurde ein diesbezüglich Konservativer im Geiste. Vor ein paar Jahren machte es „Fluff“ in meinen Kopf und ich wurde verrückt vor Sehnsucht danach, die Beatles intensivst zu erforschen. Ich hörte plötzlich alle ihre Alben intensiver, als ich sie jemals zuvor gehört hatte. Ich las die erschienenen Bücher und Schriften und wurde fast eine Art Sachverständiger für Beatles-Fragen. Ihre Musik war großartig und ist nach wie vor unerreicht! Auch von den Stones, um das gleich mal klarzustellen, Freunde!

Dann breitete sich in mir ein weiterer Hype aus: Plötzlich -über Nacht- erschienen mir Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Richie Blackmore und Jon Lord. 2003 besuchte ich ein Konzert der immer noch tourenden Band DEEP PURPLE (mit ausgewechselter Mannschaft) und schrieb sogar eine ausführliche Konzertkritik, die auf der Website von DEEP PURPLE sogar veröffentlicht wurde. Gedanklich schwappten meine Gedanken zum Anfang der Siebziger Jahre und meinem damaligen Freund Jörg, der das Album „BURN“ der gerade neu formierten Band DEEP PURPLE mit David Coverdale (voc) und Glenn Hughes (B, Voc) neu angeschafft hatte. Ich erinnerte mich daran, dass dieses Album fulminant gewesen war, wenn es auch gleichwohl mit den „Ur-DEEP-PURPLE“ für „echte“ DP-Fans nicht diesen Stellenwert besessen hatte.

Und dann Led Zeppelin. Da es inzwischen AMAZON gibt, war es kein Problem, sich die existierenden Livemitschnitte und -filme von Led-Zeppelin-Auftritten auf einer DVD-Collection anzuschaffen und diese stundenlang anzusehen. Ich durchlebte die Geschichte von LED ZEPPELIN noch einmal neu und stellte zu meiner Überraschung fest, dass LED ZEPPELIN ihr insgesamt allerletztes Konzert in Originalbesetzung in BERLIN gegeben hatten, in der Eissporthalle. Ich erinnerte, ich ging damals nicht hin, und im Nachhinein hörte ich auch nichts Gutes über das Konzert: Es hieß, die Band sei heftig angetrunken gewesen, sie seien über die Bühne getorkelt. Dabei wäre ich so gern dabei gewesen.

Nur wenige Monate später starb John Henry Bonham, der Schlagzeuger von LZ, an den Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums im Hause von Jimmy Page (g), er habe über vierzig Schnäpse, etliche Biere und so weiter weggedrückt. Hätte ich das Konzert besucht, das als das letzte offizielle Konzert gilt und von dem es sogar ein Bootleg (einen Schwarz-Mitschnitt) gibt, ich wäre dabei gewesen, als LZ Geschichte wurden….schade, aber so war es.

Nun bin  ich wieder in der Gegenwart angekommen. Mir ist seit längerem so untrendy zumute und ich habe kaum noch Lust, mich mit neuen internationalen Superstars zu beschäftigen. Immer wenn ich die sehe, erinnere ich mich daran, dass es Größere gab. Ich bin einfach schwerer zu beeindrucken. Das Lebenswerk der DOORS hat mich im Nachhinein schwer beeindruckt. Ich entdeckte erst später, dass der Sänger VAN MORRISON ein Begnadeter ist. Ich mochte ihn früher nicht. Meine Moden und Strömungen speisen sich nicht aus dem Erscheinungsdatum von Musik, sondern aus meiner Bereitschaft, die Realität Revue passieren zu lassen.

Kein Mensch kann sein ganzes Leben lang versuchen, den Trends und Modeerscheinungen der Musikbranche hinterher zu jagen, immer up to date sein und umfänglich Bescheid wissen. So ist diese heutige Musikszene auch nicht mehr angelegt. Es gibt lauter Spartenidiotismus. Wer RAP mag, wird ausführlichst und zum Kosten ausufernd mit RAP-Bullshit bedient bis zum Abwinken, für die Heavy-Metal-Fans gilt nichts anderes, ganz zu schweigen von Paul E. Pop, Popmusik is everywhere.

Weil vieles Vergangene so ausgesprochen bedeutungsschwanger war, ist vieles Neue ohne besondere Bedeutung, weil es lediglich nur ein Abklatsch dessen ist, was „wir Älteren“ (buahhhhh) schon mal erlebt haben. In den nächsten zwanzig, dreißig Jahren ist eine soziale oder kulturelle Revolution auf dem Gebiet der Pop-Musik kaum denkbar. Viele Entwicklungen sind modern lediglich nur in einem technischen Sinne: Sie werden mit neuen Geräten produziert, die es bislang noch nicht gab. Sie sind aber nicht inhaltlich revolutionär oder „noch niemals gehörte Musik“. Brüder und Schwestern aller Landesteile: Das wäre doch was, oder? Also rin mit den Stöpseln und neue Musik, so wie ganz früher die Rocksängerin Ina Deter sang und ich habe es verfremdet:

Ich schreib´s an jede Wand, neue Musi braucht das Land!

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