Mo. Sep 26th, 2022

Header Wunderbare Welt der Kleinanzeigen

Der Berichterstatter sucht additiv nach Musikern für ein Bandprojekt ‚under construction‘. Interessant: Nachdem das Stichwort ‚Kleinanzeigen‘ oft bereits zu schrägen Anzeigentexten führt (wir berichteten), ergeben nun weitere Stöbereien auch regelrecht ‚menschliche Abgründe‘. Ein Versteckpeter verschweigt nahezu jede persönliche Information. Im Verlauf des Telefonkontakts verweigert er auch jede Offenbarung, was ihn als Musiker adeln könnte zum gemeinschaftlichen Gruppenpiez mit anfassen.

Die Erkenntnis, die muss ich notieren.

Er inseriert sympathisierend. Es menschelt. Will andere Gleichgesinnte finden, quatschen und sehen, wo sind Übereinstimmungen? Er sagt in der Anzeige, er hält nicht viel von facebook. Na und? Emails wechseln. Schau doch bitte mal meine Anzeige an und melde dich bei Interesse. Sein Name Paul ist geändert. Täterschutz.


Sie haben Paul geschlachtet und den Kadaver verbrannt. (Interzone, Paul)

Darum heißt Peter jetzt Paul. alles klar? – Ja, meine Anzeige sei gekonnt. Stilsicher.

Ganz bestimmt. Ich schreib ja gern über schräge Anzeigen und beöle mich über kompletten Verbalschrott in Musiker-Suchanzeigen. Die sind eine gute Quelle für meinen Troll. Ich muss ihn einfach füttern.

Eigene Wahrnehmung. Fremdwahrnehmung. Sie sind Popp- und Rockstars ‚in spe‘, aber ich find’s lächerlich. Klar, ich bin ein Gnom. Englisch ist mein musikalischer Heiland ‚G Sus‘, aber bitte sprichs english aus, denn dann ergibt es Sinn, yes.

Paul und jetzt immer diese Emails. Hin und her. Unterschrift Paul. Ja, Paul, alles klar, aber bitte lass uns telefonieren. Ich bin doch nicht zum chatten geboren. Sondern zum musizieren. Unterschrift Tommy. Paul antwortet nie vollständig auf ge-emailte (emaillierte) Fragen. Die Hälfte fehlt.

Immer wenn er antwortet, steht da nur Paul. Noch ein Kompliment. Eine Charming Offensive. Aber keine Telefonnummer. Der bekommt Vorschuss mit Vertrauen. Ich durchbreche seine Regeln und gebe ihm meine zwei Nummern. Festnetz ist günstiger. Handy ist teurer. Sage ihm, Festnetz sei besser. Konzentriert telefonieren, nicht mit den Gedanken ‚beim Schwarzwälder Schinken stehen‘, sondern im Gespräch. Konzentriert.

Am Ende ruft er an, die Nummer ist verschlüsselt. Paul ist dran. Endlich Paul.

Wortgeplänkel, verbale Verklärungen, unklare, vorsichtige, ja weichgespülte Sprache. Was hast du bisher gemacht?

Worte die wie Spinnweben aus der Sprechmuschel wachsen. Ich habe gerade Besuch, der wartet. Mein Handy raubt mir die Entscheidung. Ich bin für ihn frei verfügbar. Will aber nicht frei verfügbar sein, sondern das eine gern tun, das andere aber nicht lassen. Mich dem Besuch ganz widmen. Ich habe mich in die Hand von Paul begeben. Was für ein mieses, einseitiges Spiel. Er darf, er kontrolliert die Spielregeln ganz allein. Ich merke, das war mein Fehler.

Wir müssen zu Ende kommen. Zu viele Worte nutzlos, wie Honig, klebrig-süß, manipulativ, Telefonsex, den anderen zu etwas bringen, bei dem man selbst die Hosen anbehält. Tote Hosen. Es geht um Musik. Miles Davis hat abgelehnt, Journalisten seine Musik zu erklären. Denn ’sie geschieht‘, ganz einfach. Ohne viele Erklärungen. Sie redet für sich selbst. Miles war nicht dumm, Miles zu lesen, ist menschlich musikalisch Bewusstsein erweiternd. Ganz ohne Drogen. Praise Miles, one day my Prince will come….mein zweiter tourt aktuell und hat das ‚Paradiso‘ in Amsterdam gefunked, es gab ein Livestream. Im Paradiso habe ich mal Golden Earring gesehen, Radar Love und so, das Paradiso ist der Knaller. Miles ist einer und Prince auch, geil! Richtige Musiker. Nicht so wie Paul.

Kurz vor dem Ende verdichten sich die Klärungspunkte dieser Anbahnung. Ja, wir können uns treffen. Gern. Wann? Genau: Ich werde mich nicht treffen, ohne was gehört zu haben, was er mal gemacht hat. Ich will ihn da abholen, wo er steht. Bei dem, was er kann. Und mit dem vertraut werden, was er nicht kann. Nicht drüber reden. Ein guter Zuhörer sein. Im Sinne von Miles. Lass deine Musik zu mir sprechen. The inner Voice.

Ich hab die Kassetten gerade nicht greifbar, alles in Kartons. Gib mir deine Telefonnummer, sage ich. Das ist jetzt hier der Apparat vom Freund. Er hat noch kein neues Telefon. Wo er wohnt, will er mir nicht so genau sagen. Du wirst doch irgendeine soundcloud haben, vielleicht? Oder so was hochladen? Er hält davon nichts, er sagt: Ich will mein Leben nicht im Internet ausbreiten. Er habe eine Zeit nichts mehr gemacht. Ich war abgehalten davon durch die Umstände. Andere Umstände. Welche bleibt offen. Ich beschließe nicht nachzufragen.

So langsam dröhnt mir der Föhn. Es ist einfach ein komplettes Versteckspiel mit Aussicht auf ein blind date. Ich will über sein Leben nichts im Internet lesen. Ich will Musik hören, an der er mitgewürgt hat. Er schweift wortreich ab zu facebook & Co, jaja, ich hab’s gelesen. Gähn.

Am Ende des Telefonats ist alles förmlich erwogen. Nähe hat sich aus unserem Diskurs komplett verzogen. Verstehen wäre jetzt ungezogen, wir sind abgebogen. Jeder in eine andere Richtung, es geht jetzt um Schlichtung. Soll er sein schismatisches Versteckspiel weiter spielen. Ich beschließe, keine Zeit für ihn zu haben. Es ist die Sache nicht wert. Ich suche nicht im trüben, und ich fische dort erst recht nicht. Stiehl doch bitte jemand anders die Zeit. You know, I beg, steal or borrow…., das war von ‚Middle Of The Road‘. Das ist da, wo Du überfahren wirst. Wenn du nicht aufpasst.

(EP)

Ein Gedanke zu „854/13: Wunderbare Welt der Musiker-Kleinanzeigen: Anonymus schlägt zurück“

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