685/12: Kritik: Gestern Abend Rock am Ring

Der frühe Tod von einigen Schlagergrößen beispielsweise hat etwas für sie befreiendes gehabt, wie eine Art Rundumschlag: Roy Black musste immer wieder “Ganz in Weiß” singen. Rex Gildo gab uns elendig lange das “Hossa!” – Drafi Deutscher wurde immer gebucht für einen Hit “Marmor, Stein & Eisen”. Grausames Leben. Gestern Abend gaben die Toten Hosen Eisgekühlten Bommerlunder, Alles nur weil ich dich liebe und Hier kommt Alex. Alle die genannten haben dies gemeinsam: dieses unsterbliche Grausame früherer Zeiten!

Ich hab mich gestern Abend da mal reingezappt, als ich auf facebook las, es gäbe einen Livestream vom Konzert im Fernsehen. Also gut, mal wieder Rock am Ring.

Gähn. Irgendwann so mittendrin polkte ich das Programm EinsLive hervor. Irgendwann dann mächtig Tote Hose bei Rock am Ring. Campino und es hat sich eigentlich seit den Achtzigern nichts geändert. Außer vielleicht, dass Campino jetzt zum Schein ins Mikro gröhlt, er tränke heute Abend noch Bier an der Hotelbar. Attitüde. Mehr nicht. Großverdiener geben den niemals enden wollenden Punk.

Und richtig: Alte Freunde von früher fahren heute noch zu Rock am Ring hin. Ansonsten sind sie biedere Berufstätige in Einheitskleidung. Wo bleibt denn da der tägliche Punk? Na klar, bei Rock am Ring. Aber bitte davon keine Fotos bei facebook einstellen, wer weiß, wer das alles sieht….

Die Toten Hosen sind der Beweis dafür, dass wir alle gern in der Vergangenheit leben, während sich die Welt weiter gedreht hat.

Jedermann weiß: Wer zu viel Bommerlunder trinkt, bei dem ist tote Hose!

Im Orient sind ganze Regierungen aus dem Amt geflogen, die Toten Hosen singen “Eisgekühlter Bommerlunder” – Bommerlunder eisgekühlt. Na und?

Vermummte Killerkommandos köpfen ausländische Soldaten Zivilisten vor laufender Kamera. Campino macht Stagediving, lässt sich vom Publikum zum Lichtturm “diven” und zurück und die Band spielt dabei irgendeinen Schnodderpunk. Punk gehört jetzt in Schrank. In Schrank der Geschichte. Die Toten Hosen treten immer noch auf. Na und? Sonst läge man sich wund.

Später Deichkind. Deichkind, was ist denn das, bitte? Deichkind? Ich hab´s gar nicht gleich verstanden. Ich orakelte per Parallelposting bei facebook: “Paar Irre vom Nachbargelände auf Rock am Ring entlaufen, momentan sind sie auf der Bühne und fordern alle auf, die Arme hochzureißen.”

Einfach nur glücklich sein. Oder sturzbetrunken. Hallo? Geht´s noch?

Musik, das muss so sein wie ätherische Öle. Es muss gut reinfließen! (Quelle: ich, nicht Gerolsteiner)

Rock am Ring, das ist gar nicht mehr Rock am Ring. Das ist jetzt irgendetwas x-beliebiges, wo welche auftreten, die mit Rockmusik gar nichts mehr so richtig zu tun haben. Vermeintliche Punks, die in Wahrheit zu den Topverdienern der Branche gehören und es sich leisten können, weiterhin den Ewiggestrigen zu geben.

Die Toten Hosen sind wie die Rolling Stones: In die Jahre gekommen, spielen immer noch das Zeugs von vorvorgestern und haben sich nicht mehr weiter entwickelt seit langem. Wir können da jetzt noch hingehen, weil es uns daran erinnert, wie wir früher einmal waren, wie wir jetzt noch gerne wären.

Die Toten Hosen haben diese pubertäre Libertinage der Befreiung mit viel Spaß gegeben und mächtig auf die Kacke gehauen. Ein gesellschaftliches Verdienst? Irrtum, es war in erster Linie ihr eigener Tages-, Monats- und Jahresverdienst, der von gewieften Steuerberatern taktisch klug angelegt wurde. Ganz bestimmt. Es ist ein Privileg des Alterns, zu neuen Einsichten zu gelangen, sich fortzuentwickeln und andere, neue Wege zu gehen, zu reifen. Jaja, sie sind ja so authentisch geblieben, nicht wahr? Bzw. verdienen noch immer viel Geld damit, so zu wirken. Damit Rock am Ring aber nicht zu einer Art Oldies-Party für Mittfünfziger verkommt, wo heute noch Suzie Quatro, Smokie Release 5.0 und Sweet feat. Andy Scott auftreten,  müsste man sicher auf Bands wie die Toten Hosen inzwischen verzichten (dürfen).

Nein nein, Festivals, das ist nur noch in Ausnahmefällen noch interessant für mich, es ist mir zu aufgereiht, zu megalomanisch, zu viele Bands, zu viel Lautstärke, immer wieder auch Bands dazwischen, die einem gar nichts bis überhaupt nichts sagen. Rock am Ring war auch am Fernsehbildschirm für mich kein Gewinn. Leider.

Denn ich liebe Musik, nach wie vor. Ich hau die Fernbedienung weg, sie fliegt in hohem Bogen in den Sand. Vielleicht deswegen. Oder ganz genau deshalb.

(EP)

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