Mo. Mai 20th, 2024
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Es ist eine kurze Geschichte aus der Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1984.

Ganz exakt weiß ich es gar nicht mehr. Ist egal, so ungefähr stimmts. In Berlin (West) treffen fünf junge Musiker zusammen, um eine Band zu gründen. Beim Festlegen des Gruppennamens herrscht der Westberliner kalte Wind, in den Übungskellern der Mauerstadt (West) schimmelt das Instrumentarium. Wasser läuft von den Wänden und am Paul-Lincke-Ufer üben Morgenrot, die Musiker von Nena, manchmal ist Mitteregger auch da. UKW, Dr. Koch und etliche andere. Egal.

Zur Festlegung des Gruppennamens wird schnell klar: Jeder der fünf Musiker hat Vorstellungen, will irgendetwas anderes, so ist das Ganze keine gemeinsame Linie. Zur guten Demokratie gehört der Kompromiss. Das ist das schnell erreichbare Sujet der Jungboliden im Zeichen der neuen deutschen Zeit. Wer will gerade jetzt nicht „die perfekte Welle“ machen? Ideals „Ich steh auf Berlin“ ist drei Jahre her. Die Band Interzone bezaubert mit dem fälschlich im Nachhinein als „der rote Hugo“ bezeichneten Genievokalist Heiner Pudelko.

Don´t Smoke Weed! Raucht kein Gras! (gif)

Der Kompromiss ist die Übereinkunft der Musiker, es miteinander – trotz aller Unterschiedlichkeiten – zumindest aufrichtig zu versuchen. Nichts geht über ein gemeinsames, auskömmliches Bandfeeling, ein Wir-Gefühl. Der MINIMALE KONSENS ist das und so heißt die Band auch.

Sänger Herbert ist in der Stadtplanung eines im Norden ansässigen Berliner Bezirksamts tätig. Wie damals üblich, schrieb man mit schwarz klecksenden Tintenschreibern namens Rotring (1,0 oder dicker), benutzte Schablonen, schneiderte Grafikvorlagen und gestaltete schließlich aus beruflichen Gründen auch grafisch korrekt aussehende Layouts für die ersten Musikcassetten in kleinen Auflagen.  Mit Werkzeugen aus der Stadtplanungsabteilung.

Auf der Suche nach Griffigkeit gibt es jetzt erste Akronyme, Abkürzungen. MK – Minimaler Konsens. Und dann zimmerte Herbert zwischen beide Buchstaben ein grafisches Quadrat. Nun las irrtümlicherweise jeder nicht mehr MK oder Minimaler Konsens, sondern (unzutreffend) MOK, aus dem Quadrat wurde ein „o“. Aus Minimaler Konsens wurde MOK, wie The Fog – Nebel des Trauens.

Auf dem Hof Paul-Lincke-Ufer war es szenetauglich.

Später probte die Band in einem Proberaum an der Tiergartener Entlastungsstraße. Wie eine Immobilienkrake besaß zu jener Zeit die noch existierende Baufirma Arnold Kuthe (Wintergartenbetreiber, vormals Quartier Latin) viele, viele feuchte Kellerräume mit sagenhaft inflationären Wertsicherungsklauseln mit 6,5% Mietsteigerung p.a.. – Auf diese Weise sahen viele Berliner Bands ihrer wirtschaftlichen Niederkunft entgegen. Wer kann sich eine Teuerung wie diese über mehrere Jahre leisten. 6,5% vom Vorjahreswert sind nächstes Jahr schon viel, viel mehr Prozent. Bin zu faul nachzurechnen. Ist klar, oder?

Dass diese kleine Kurzgeschichte einer verflossenen Zeit Wiederholung findet, hat einen zeitgemäßen Grund. Der Gruppennamen DER MINIMALE KONSENS – das war eine Art menschlich soziales Grundgesetz. Es heißt etwas ganz Schlichtes: Du bist Mensch, Du bist Individuum, aber…..hier keine Relativierung bitte. Nicht, die Hamas hat Israel angegriffen, aber….(die Israelis….). Was für ein Scheißgedanke. Nein.

Der Minimale Konsens: Halt Dich mal nen Moment zurück fürs große Ganze. Stelle Befindlichkeiten zurück. Du bist allein nicht der Nabel der Welt. Wir sind als Kollektiv absolute beginners, aber im Anspruch sind wir schon mal ganz  gut. Wir sind als Gruppe gemeinsam. Wir sind nicht -wie es heute ist- gemeinsam einsam. Wir sind eins, wir leben mit- und füreinander für unsere gemeinsame Musik. Das ist, was zählt.

#Update2023

Alle leben im Zeitpunkt des Berichts noch, mit Ausnahme unseres Bassisten Bernd. Er starb auf seinem Grundstück an einem Starkstromschlag beim Bau des Hauses, für Frau und Familie. Das ist schon lange her. Ich widme diesen Artikel  Bassist Bernd.

Es gibt zum Minimalen Konsens weitere Artikel hier, und es gibt eine retrospektive Soundcloud, die sich auffinden lässt. Nur bei Interesse.

Was ich mir sehr wünschen würde: Wir würden wieder mehr den Minimalen Konsens leben. Und uns nicht alle nur anschreien, um in Ruhe gelassen zu werden. „Wo ist das das Licht?“ (Meine Backings damals: „Wattenduda?“) Lange vor Stefan Raabs Watte hadde dude da?

Ich geh mal, den alten Zeiten nachweinen.

Weiterführend u.a.

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