303/10: Gigs, Preview: Jocelyn B. Smith blickt zurück auf 25 Jahre – 15.+16.10.10 @Quasimodo

Man kann Jocelyn B. Smith und ihrem bisherigen Schaffen eigentlich kaum gerecht werden, indem man sich einen Song herauspickt und nun sagt, das ist Jocelyn. Nein, wenn man sich Jocelyn nähern will, muss man sich schon ein bisschen mehr Mühe machen. Denn dann kommt am Ende eine Art Streuberichterstattung über die Musikstile dieser Welt zustande, und genau das ist das Problem: diese Frau kannst du nicht festlegen! Jocelyn ist eine ständige Reinkarnation ihrer selbst, sie erfindet sich immer wie neu!

Freitag – 15.10. & Samstag – 16.10.2010
JOCELYN B. SMITH – „Best of 25 years on stage at the Quasimodo“
Jocelyn B. Smith (voc)
Volker Schlott (fl, sax)
Skip Reinhart (tp)
Bene Aperdannier (p, key)
H.D. Lorenz (b)
Topo Gioia (perc)
Thomas Alkier (dr)
Lutz Halfter (dr)

bitte helft! Against landmines!

[audio:http://www.higherlove.de/mp3s/higherlove-long.mp3]
Audio: „Higher Love“ – composed by Jocelyn B. Smith & Volker Schlott (besucht

      diese Website
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Ein weiteres Mal leuchtet jetzt die Außenreklame (Foto eingangs oben) am Berlin-Charlottenburger Livemusikkeller Quasimodo rot glühend! Wer da draußen von der schreibenden Zunft traut sich, das heiße Eisen diesmal anzupacken? Wer wird ihr umfassend gerecht? Ist sie nicht längst heiliggesprochen? Die Rede ist von Jocelyn Bernadette Schmidt, auf amerikanisch Smith. Nein, sie ist nicht mit Patti Smith („Because The Night“) verwandt und hat auch mit „Mr. Dead & Mrs. Free„, dem Kultplattenladen in Berlin-KreuzbergSchöneberg nichts zu tun und wer was anderes dachte….

Jocelyn B. Smith ist ein musikalischer Solitär in der deutschen Landschaft, kommt aus New York, ist schon ziemlich lange Berlinerin, es heißt, sie kam wegen der Liebe nach Berlin. Ob der Liebe zur Musik, der zu Berlin an und für sich oder der zu einem „herrlichen“ Herrn, das lassen wir hier mal offen! Ist auch wurscht.

Jocelyn B. Smith – Yes We Can (via Youtube)

Als Berichterstatter eines papierlosen, komplett virtuellen Szeneblatts namens blackbirds.tv muss ich zugeben, dass das Schreiben eines treffenden Artikels über Jocelyn B. Smith mir durchaus schwerer fällt als vieles andere, das ich „aus der Hüfte schießen“ könnte. Zu groß die Verantwortung, zu erwachsen die Aufgabenstellung und zu legendär die vergangenen Zeiten, seit ich sie schon kenne. Ich kenne sie praktisch schon ewiglich, Herrgott im Himmel, jetzt ist es raus! Jocelyn ist ein fester Bestandteil meines bisherigen Lebens!

 

Jocelyn B. Smith © by Jim Rakete, Berlin

Jocelyn B. Smith © by Jim Rakete, Berlin

Irgendwann eher zu Anfang der 1980-er Jahre ging ich die ersten Male in das obige Quasimodo, ein weiterer, fester Bestandteil meines Lebens. Diese Jocelyn B. Smith ist über die (geschätzt) 25 Jahre seitdem in meinem Leben eine musikalische Konstante, die mit mir mit gewachsen ist und ihren Musikstil kontinuierlich erweitert hat. Sie anzuschauen, sie zu bewundern, sie reifen gesehen zu haben, was für eine schöne Frau, was für eine erwachsen gewordene Frau, Künstlerin, Mutter, Zehlendorferin, Berlinerin, Multikultur-Sängerin, Soul-, Jazz-, Funk- und Rockdiva, ach Gott, scheiß was auf die ganzen Stile, Namen und Schubladen: Was für ein Gesamtkunstwerk namens Jocelyn B. Smith?

Dem Video „Yes We Can“ (oben) entnehmen wir als ortskundige Berliner, dass der Kiosk, an dem das gedreht wurde, in Zehlendorf-Mitte, gegenüber der jetzigen Zehlendorfer Welle, praktisch seit Menschengedenken steht. Wie lange kann ich eigentlich schon denken? Weitere videotische Schnipsel des Videos spielen am Tisch nur wenige Meter weiter, beim besten Italiener von Zehlendorf-Mitte, im Corso Italia, wo Jocelyn B. Smith früher gern was essen ging. Seit sie weggezogen ist, hat man sie nicht mehr gesehen, vorher hatte sie gleich gegenüber gewohnt. Ihre Kinder reiten immer noch auf Zehlendorfer Pferden und das gern. Das „B“ für Bernadette auf der abgebildeten Tomatensuppe ist eine in Gedenken an diese Zeit gezogene Sahnespur, die im Corso Italia unlängst gelegt und sogleich verzehrt wurde. Praktisch wie sich Menschen nach guter Musik verzehren! Oder so ähnlich eben!

 

Tomatensuppe á la Corso Italia (Quelle: qype.com)

Tomatensuppe á la Corso Italia (Quelle: qype.com)

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Ich gebe zu: Mit Tomatensuppe á la Corso Italia hat Jocelyn B. Smith nun wirklich wenig zu tun, die gedankliche Assoziation ist weit hergeholt. Wenden wir uns also wieder unserer Kernkompetenz Musik zu.  – Allerdings kann diese Suppe noch heute so jedermann bestellen und wer seine Wunschinitialen der Bedienung ansagt und die Zauberlosung „blackbirds TEEE VAUUU“, der wird verstanden und sein Süppchen zum Auslöffeln wunschgemäß erhalten. Das ist die „Jocelyn-B.-Smith-Erinnerungssuppe“! Versprochen!

Jocelyn B. Smith wurde am 22. August 1960 in Queens, New York City geboren. Kürzlich feierte sie ihren 50. Geburtstag!

Seit ihrem fünften Lebensjahr erhielt sie klassischen Klavierunterricht. 1980 sang sie in der Band von Lenny White (1) namens „Twennynine“ und ging mit ihm auf Europatournee. Mit einer weiteren Funkgruppe namens „Change“ spielte sie später im Vorprogramm des damals weltweit bekannten Electric Light Orchestra (2) des musikalischen Masterminds und George-Harrison-Freundes Jeff Lynne („Living Thing“).

Im Jahre 1984 hatte sie sich fest in Berlin verhakelt und wenn wir einen Zeitrechner über die Kalenderblätter jener Tage halten würden, so wäre dieses fast zeitgleich gewesen mit der Ankunft des Trompeters Skip Reinhart, dessen musikalisches Wirken wir bereits in diesem Artikel (nebst Audiopodcast) ausführlich vorgestellt hatten.

Der Zeichner Gerd Seyfried hatte Visionen davon gezeichnet: Der Berliner Kurfürstendamm, (Alarm!) „Die Russen kommen“, Hirsebrei für 10 Kopeken, auf dem Dach des Europa-Center der Sowjetstern! Die Berliner lachten herzlich darüber, in Wirklichkeit gab es unverändert Currywurst und McDonalds in Deutschland verkaufte immer mehr Fladenbrötchen. Frontalangriff der Wabbeligen.

Ganz im Gegenteil Jocelyn B. Smith. Kaum in Berlin angekommen, tritt Jocelyn B. Smith zuallererst im damals bereits berühmt-bekannten Club Quasimodo die ersten Male auf. Ihre Begleitband nennt sich „The Married Man“, gründet sich um den hier bereits vorgestellten Schlagzeuger Lutz Halfter, um Jocelyn zu begleiten, die den „Code of Funk“ gibt. Ihr Stammlokal dafür ist das stets gut besuchte Quasimodo. Harte, tanzbare Grooves, es muss knallen!

Auch international versucht sich Jocelyn unter dem Künstlernamen „Bernadette“, aber der richtige Durchbruch gelingt ihr nicht, woran es liegt? Am Können nicht, es fehlt ihr weder an einer begnadeten Stimme, noch am obligatorisch guten Aussehen, noch an der guten Musik. Vielleicht fehlt ihr ein „one and only Ladykracher“? Do da funk?

 

Jocelyn B. Smith © by Jim Rakete, Berlin

Jocelyn B. Smith © by Jim Rakete, Berlin

Apropos Funk. Funk soll auf die Dauer zwar mit Power, aber nicht die einzige Kulturbaustelle der New Yorker Sängerin bleiben. Ausflüge in die stilistische Vielfalt der auf der Welt insgesamt vorhandenen Musikstile gesellen sich hinzu: Verzeichnet sind ihre Mitarbeit bei Elektronik-Träumen von Tangerine Dream, die Begleitung eines Herrn namens Falco (R.I.P. Herr Hölzel!), die Zusammenarbeit mit Udo Jürgens, dem Grand Seigneur des deutschen Schlagers („Gib niemals auf“).

Der Komponist Heiner Goebbels lädt Jocelyn B. Smith 1999 ein, an seinem Werk „Surrogate Cities“ mitzuwirken. Doch -Vorsicht- das Video ist rund 22 Minuten lang, daher haben wir es hier nicht eingebunden. Es ist unten unter (3) verlinkt. Viel Spaß! –

Weitere Zusammenarbeiten mit Sir Simon Rattle, den Berliner Philharmonikern, mit dem griechischen Nationalhelden Mikis Theodorakis wirkt sie an der Oper „Die Metamorphosen des Dionysos“ mit. Weltweit wird ihre Version von „Amazing Grace“ zu Gedenken an die Ereignisse des 11. September 2001 in New York ausgestrahlt, von wo die Sängerin kommt und weswegen dieser Auftritt sicherlich emotional einer ihrer schwierigsten war.

I´ve got one Love – Jocelyn B. Smith (via Youtube)

Eine Zeit lang ist sie kurz weg, dann erscheint sie plötzlich wieder auf der Szene in Berlin und es macht eine silberne Scheibe namens „Blue Light & Nylons“ von sich reden. Joceyln gibt uns den Jazz und das auf eine leise, kluge Art und smooth, smoother geht’s schon fast gar nicht mehr. Dabei war bis dahin „der Jazz nicht tot, er roch nur komisch“ (frei nach Frank Zappa).

Jocelyn B. Smith tritt 2009 im Tipi, dem Zelt am Kanzleramt auf und einige der damaligen, musikalischen Weggefährten werden sie auch jetzt wieder im Quasimodo musikalisch begleiten. Dass Jocelyn sang „I´ve got one friend“, darf man getrost als Untertreibung des Jahrhunderts betrachten. Sie hat in Berlin einige Freunde, ein ausgesprochen freundliches, einnehmendes und aufgeschlossenes Wesen und noch viel mehr Fans dazu.

Mit dem Song „Higherlove“ – Kinder singen für Kinder von Jocelyn B. Smith, Soul- und Jazzsängerin aus Berlin wird die internationale Kampagne zum Verbot von Streumunition vom Aktionsbündnis landmine.de unterstützt. Jocelyn B. Smith bietet diesen Song frei zum Download an und hofft auf freiwillige Spenden für ihr Projekt. Diese Spenden gehen an Hilfseinrichtungen (z. B. Rehazentren) und fördern Ausbildungsmöglichkeiten der Kinder. (aus der Website: higherlove.de) – mit der Bitte um eine Spende in Höhe eines Betrages, „whatever you can, whatever you want“) – Spendenaufruf von Jocelyn B. Smith

Fassen wir es so zusammen

– Bei allem Verständnis für die Kulturfreude am Lesen ersetzt dieses doch nicht das angekündigte Großereignis einer gesamten Werkschau auf rund 25 Jahre des Schaffens von Jocelyn B. Smith am 15. und 16.10.2010 im Quasimodo. Der Konzerttipp für dieses Wochenende ist daher eindeutig: Das sollte sich niemand entgehen lassen, der in den letzten 25 Jahren in Berlin sein Leben genossen hat. Und vielleicht erst recht nicht diejenigen, die später dazu gestoßen sind. Man hätte das Konzert auch nennen können: From the past to the future! Aber was hätte das geändert?

Und danken wir bitte auch -last but not least- dem wunderbaren Jim Rakete für die tollen Fotos! Man muss sich einmal vor Augen halten, dass Jim Rakete seit den siebziger Jahren Fotos in der Berliner Musikszene machte, die für die Ewigkeit gelten dürften. Weitere Informationen über Jim Rakete auch hier und auf seiner Website.

Hervorhebenswert: Jim Rakete hat immer ein festes Auge auf die Berliner Musikszene gehabt und teils auch aktiv mitgeholfen, wenn es um die Förderung von Talenten ging. Doch schweifen wir für heute nicht vom Thema ab: Jocelyn gehört heute diese Weltbühne, Jim behalten wir im Hinterkopf.

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Additional Infos

(1) Lenny White, US-amerikanischer Jazzschlagzeuger – Video: Morning Sunrise

(2) Electric Light Orchestra, britische Rockband unter Leitung von Jeff Lynne

(3) Surrogate Cities by Heiner Goebbels (via Vimeo.com, Dokumentation) – Teatro La Fenice, 28. September 2005