Di. Jun 28th, 2022

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Karl Johannes Schindler
Karl Johannes Schindler

Du sagst immer wieder das Du mich gerne hast
und ich bin so frei und glaub Dir das

Denn was Du tust und was Du sagst
das ist Propaganda – Propaganda durch die Tat!

Dann sagst Du das ich dich einenge
und die Liebe in starre Formen zwänge

dann seh ich dich lange Wochen nicht
du kehrst zurück sagst mir
Deine Freiheit liebend ins Gesicht

Progaganda durch die Tat – Songtext von 1979 (Quelle: hier)

Wenn Karl Johannes Schindler Gespräche führt, kann man etwas erwarten. Er führt seit geraumer Zeit eine Art von Hinterzimmergesprächen auf gut vorinformierter Ebene, die ihresgleichen sucht. Weil das nachfolgende Gespräch für die Berliner Musikszene interessant ist, hat uns Karl Johannes Schindler gestattet, das andernorts geführte Gespräch (im Yorckschlösschen) hierher zu übernehmen. Dafür herzlichen Dank!


Mekanik Destruktie Komandoh – Berlin (via Youtube)

Karl Johannes Schindler nennt Gespräche wie diese „diskrete Dialoge„! Praktisch kann sie niemand lesen, der nicht davon erfährt. Was nun wiederum im Widerspruch steht zur Netzöffentlichkeit gewisser Artikel!

Volker Hauptvogel war eigentlich immer Musiker, ganz von Herzen, und das schon ziemlich lange. Volker, Baujahr 1956, ist gelernter Schriftsetzer, wurde dann Sänger und arbeitete auch als Schauspieler und Gastronom. Als Schauspieler war er u.a. ein Mörder (Nekromantik, Jörg Buttgereit), im Film mit Stephan Remmler (TRIO) gab er einen Polizisten (Krieg der Töne). Volker Hauptvogel kommt hier zu Wort, weil er zu einer der ersten Berliner Punkbands – dem Mekanik Destrüktiw Kommanöh (kurz: MDK) als Sänger gehörte.

***

K.J.S.: Ich kenne eine Menge Vögel, aber nur einen Hauptvogel. Wurdest du als solcher geboren, oder ist das so eine Art Adelszusatz, ein Prädikat, das dir ehrenhalber verliehen wurde, möglicherweise als ehemals einfachem Herrn Vogel?

VOLKER:… Wen du alles kennst! Das ist weder verarmter Landadel noch erworben, geklaut oder gekauft. Die Familie väterlicherseits, aus Zwetschgendorf bei Dresden, die brachte den ein. Was der nun bedeutet… nie rausbekommen. Ist aber gar nicht soo selten, wie man glauben könnte. In der Schule hieß man dann natürlich Raub-, Staub- und Sonstwievogel. Die Mädchen mochten das aber immer…

Volker Hauptvogel (70iger Jahre)
Volker Hauptvogel (70iger Jahre)

K.J.S.: …was ja die Hauptsache ist. Hinter einem ebenfalls wundervollen Namen verbirgt sich eine der ersten Punk-Bands Berlins, das „Mechanik Destrüktiw Komandöh“. Du warst Mit-Initiator und Sänger dieser Kapelle. Was trieb dich zum Punk?

VOLKER: Die Zeit war einfach reif. Ich auch. Berlin erst recht. Das MDK habe ich mit meinem Freund Edgar Domin, mit dem ich schon die erste Klasse teilte, gegründet. Wir kamen aus dem Theater, eigentlich, und waren Arbeiter. Ich als Schriftsetzer, er als Koch. Geschrieben, gemalt und uns politisch betätigt hatten wir uns ja die ganze Zeit. Dann hatten wir auch schon diverse Helden unserer Jugend in Berlin kennengelernt. Die haben uns befruchtet, motiviert. Haben geholfen, unterstützt. Und wir waren ja keine richtige Punk-Band. Wir haben ja ziemlich schnell spielen gelernt und hatten auch langsame Stücke dabei. Und wir haben die Theatererfahrung mitgenommen, das kam gut an. Im Punk konnte man alles vereinen. Ich hab‘ das dann in meinem Buch beschrieben. Politik wird Musik.

K.J.S.: Das Buch heißt „Verweigerer“. Beschreibe doch – insonderheit auch für unsere Leser aus Bayern, der Sowjetunion und so weiter – kurz mal einen Tag im Leben einer West-Berliner Punk-Band zu biotopischen Zeiten der Mauer.

VOLKER: Na, erstmal uffstehn, wa. Entweder zur Maloche oder uff die Heide, also Hasenheide, mit ’nem Stop auf dem Damm, bei Tchibo oder Eduscho leicht übersäuert ein bisschen Dope verkoofen. Dann von der Arbeit nach Hause. Pünktlich um fünfe dit Radio anmachen. Es gab eine Stunde „Jugendfunk“ beim SFB, Helmut Lehnert sei Dank dann bald zwei Stunden, danach umschalten auf RIAS, Olaf Leitner hören. Zwischendurch Drogen nehmen und Essen und Kundschaft betreuen. Die Abende variierten. Je nach Jahreszeit. Ab achte waren ja die Haustüren verschlossen, mit’m Durchsteckschlüssel. Telefon war auch Mangelware. Man traf sich also in Kneipen.

Wir bevorzugten den „Trampelpfad“, der vom Savignyplatz über die Yorckstraße bis in die Adalbertstraße führte. Das waren mindestens 13 Kneipen und Treffs. Geübt haben wir in diversen Kellern oder Jugendzentren. Das wichtigste war, unterwegs zu sein. Und dann war ja noch andauernd Demo. Irgendwas war immer. Da formierte sich auch schon eine feste Szene. Flugblätter und Zeitungen machen, verteilen. Zum Glück hast Du mich nicht nach den Nächten gefragt. Jetzt ist es so zehne Abends.

K.J.S.: Nein, nach den Nächten habe ich zum Glück tatsächlich nicht gefragt. Mörder, Dadaist und Polizist – das sind Rollen, die du in Filmen gespielt hast, letzteren im „Krieg der Töne“ mit dem Trio-Barden Stephan Remmler. Für Rollen etwa eines jugendlichen Liebhabers hat dich niemand gewollt?

VOLKER: Hab‘ auch die Rosa Luxemburg verhaftet, den Leibwächter von Trio in „Drei gegen Drei“ gespielt. Immer nur die Nazis, in Uniform, Geheimagenten, Bullen. Nee, für einen Jugendlichen war ich schon zu alt.

K.J.S.: Dein Hang zum Kneipenwesen ist verhaltensauffällig, dies nicht nur als Gast. Dir gehörte zum Beispiel der berühmte „Pinguin-Club“ in Berlin, der Künstlertreff schlechthin von ’84 bis ’88, wo „Depeche Mode“ ihren Stammtisch hatten.

VOLKER: Auch die „Ärzte“. Die haben sich am gleichen Tisch abgewechselt. Nee, da war die ganze Musikszene West-Berlins. Kneipen waren ja absolut wichtig im alten Berlin. Nach Feierabend ging man erstmal ein Bier trinken, dann nach Hause. Nee, im Pinguin-Club nicht, da hab‘ ich erst um zehne aufgemacht. Und pünktlich um vier Uhr morgens zu. Und im Winter erst recht. Da war geheizt in den Kneipen. Kneipe gehörte unbedingt zum normalen Leben dazu. Dort fand Soziales statt.

K.J.S.: Dem Pinguin folgte dann bis 2007 ein weiterer Vogel, der „Storch“. Da war aber noch mehr gastronomisches Geflügel. Brütest du gar über weiterem solchen?

VOLKER: Den Storch habe ich 1988 angefangen zu bauen und 1989 dann eröffnet. Danach die „Möve im Felsenkeller“ und den „Kuckuck“ als Kunstprojekt in einer alten Villa. Einen Phoenix habe ich nicht im Nest. Gastronomie ist ja heute unbezahlbar geworden.

Volker Hauptvogel, 2010
Volker Hauptvogel, 2010 (Foto: Christian Traut)

K.J.S.: Angenommen, was ja niemand hofft, Olaf Dähmlow hätte mal keine Lust mehr auf das Yorckschlösschen: Diese unnachahmliche Kultstätte des guten Geschmacks, diese wahre Feingeisterbahn, müsste doch ein gefundenes Fressen für dich sein.

VOLKER: Ach, den kann keiner ersetzen. Das geht nicht, ganz und gar nicht. Nie! Der macht es nämlich mit Herz. Da würde selbst ich nicht mithalten können. Ich trink jetzt mal ein Bier. Auf Olaf!

K.J.S.: Prost! Ich auch. Du arbeitest momentan an einem Punk-Film und stehst schon lange Monate am Lehniner Platz als Franz Biberkopf in „Berlin-Alexanderplatz“ auf der „Schaubühne“. Hätte es auch ein anderes Stück sein dürfen, oder bist Du explizit dem Ruf Biberkopfs gefolgt?

VOLKER: Gerne auch ein anderes Stück. Das aber ist so genial, weil es mit Berlin zu tun hat und dermaßen zeitlos ist. Seit einem Jahr bin ich nur noch mit dem Stück beschäftigt. Es ist gradezu unheimlich.

K.J.S.: Was möchtest du noch los werden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?

VOLKER: Erstmal möchte ich mich bedanken. Bei allen, für vieles. Und betonen, was mir am Yorckschlösschen so gefällt: Es ist ein sozialer Ort geblieben. Die Musiker spielen keine Konzerte, stellen sich nicht dar. Durch den Ort wird die Musik, was sie ist. Sie ist Kommunikation. Dadurch fühlt man sich unendlich menschlich. Und ich, ich freue mich auf den 6. Oktober, auf Kel Torres im Yorckschlösschen.

K.J.S.: Ich danke dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals!

***

(Das Interview führte Karl Johannes Schindler im Yorckschlösschen!)

7 Gedanken zu „260/10: Personen & Porträts: Jede Menge Vögel unterwegs, aber nur wenige Hauptvögel! Interview“
  1. Hallo Tülpchen,
    das ist ja nett. Herr Tarut, Christian Traut würde sich freuen, wenn er als Fotograf erwähnt werden würde. das 2010er……Einsn schönen Tag noch.
    Volker Hauptvogel

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