Di. Mai 24th, 2022

Trauerkerze

BbbB 01.2013: Paul "Paulchen" Kuhn
BbbB 01.2013: Paul „Paulchen“ Kuhn

In dem Anliegen, jemandem einen auch nur halbwegs angemessenen Nachruf zu schreiben, der ihm gerecht werden würde, muss alles Nachschauen schweigen. Denn alle schreiben voneinander ab und fassen -summa summarum- Lebenslinien zusammen, wie mainstream. Am besten erscheinen einem noch diejenigen Nachrufe, die sich an gar nichts anderem orientieren und nur der inneren, eigenen Stimme des Herzens zu folgen beabsichtigen. Die Trauer zu Gehör bringen mit wenigen, zutreffenden Worten.

Es stimmt nicht, dass immer die Besten zuerst sterben. Paul „Paulchen“ Kuhn war so einer. Einer der Besten seines Genres. Und er wurde steinalt, am Ende war er fast blind. Seine letzte CD hat er mit den Musikern eingespielt, indem er ihnen auf dem Tisch, eine Klaviertastatur imitierend, die Chords und Phrases zeigte.

Blackbirdianisch 01.11 - Paul "Paulchen" Kuhn
Blackbirdianisch 01.11 – Paul „Paulchen“ Kuhn

Paul „Paulchen“ Kuhn war in jeder Hinsicht ein waschechtes Berliner Original. Allein die Anzahl seiner „geflügelten Worte“ – bonmots berühmter beliebter Berliner Bandmitglieder- ist legendär. Niemand wusste in vergleichbarer Weise aus dem Nähkästchen von Musikern zu plaudern. Ob es um den Schluss eines Musikstücks ging (siehe oben) oder um das Wesen der „Popmusik an sich“, die zu sehr ein gräusliches Abziehbild ihrer selbst wurde, die ewige Wiederholung des schon mal Gehörten, er wusste, warum. Und plädierte für mehr Abwechslung: z.B. mit Jazz.

Für viele war er „der Mann am Klavier“,  für mich war er der Paul mit der roten Brille. Durch die hindurch er scharf sah und treffende Einordnungen zu treffen wusste. Ein galaktisch scharfer Geist war Paul Kuhn in den letzten Jahren seines Lebens, er hatte lebenslang beachtliches musikalisches Wissen angehäufelt. Um am Ende „I´m in heaven“ zu spielen und -Quatsch- natürlich nicht mit Otto Sander, wie gerade bei facebook zu lesen war. Paul „Paulchen“ wird sich ganz sicher eher in die Jazzecke des Himmels setzen, Miles begleiten. Miles & more….

Talksendungen mit ihm ein Genuss, seine Musik, der Jazz, eine Offenbarung. Paul „Paulchen“ Kuhn war Berliner durch und durch und aber eigentlich zu amerikanisch geprägt, um hier zu reüssieren mit Millionensellern. „Melodien für Melonen“ waren seine Sache nicht. Das musikalische Musikantenstadl blieb draußen, wenn Paul dem Jazz Gehör verschaffte. Dafür wussten diejenigen, die seine Musik schätzten, woran sie bei ihm waren. Denn er war unverwechselbar.

Man kann das Leben von Paul Kuhn angesichts eines zu erwartbaren, durchaus vorhersehbaren, eher spät eingetretenen Todes nichts angemessen zusammenschreiben in wenigen Zeilen, ohne wenigstens die Hälfte aller wichtigstenen Details außer Acht zu lassen. Fest steht eins: Er war ein ganz Großer.

„Der Jazz ist fertig.“ Das sagt Paul Kuhn im verlinkten „Planet Interview“, unten, er sieht im März 2013 kurze Zeit vor seinem eigenen Ableben nunmehr den Jazz ‚im Sterben‘.  Prophetie ist das: Na dann, geht er eben auch…., gehe ich eben auch!

Genau. Nicht mehr, nicht weniger.

_link Lotse

(EP)

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