Mo. Dez 5th, 2022

Banner Der BandSoziologe

„Tommy, nichts für ungut. Man sieht sich, falls man nicht erblindet.“ (Endsatz eines Telefonats)

Sagt jemand zu mir heute Morgen. Ich muss unweigerlich schlucken. Genau: Man muss den Tatsachen ins Auge blicken, aber haben Tatsachen überhaupt Augen? Was, wenn es nur Hühneraugen sind? BandSoziologie: Die reine Lehre vom freien Spiel der ungeregelten Kräfte? Oder die strenge Leere, frei von jeglicher Regulation? Die Bandmitglieder proben im Verein, also gemeinsam. Ihr Fortschritt heißt Tempo und ihr Ziel sind die Auftritte als Zuckerstückchen einer Schweiß- und Fleißperiode konzentrierten Übens.

screenshot Turteltauben (aufs Bild klicken)
screenshot Turteltauben

Es ist zum Perücke raufen: Kaum ein Tag vergeht noch, ohne dass auf merkwürdige Katastrophen in den News hingewiesen wird. Berichteten wir gestern noch vom Schwarzvogelsterben, sind es heute rund 700 Turteltauben, die verendeten, wie google-news meldet. Ein Artikel aus der Welt ist verlinkt. Zufälle gibt’s!

Aber Bands können sich auch zu Tode proben. Iris, Musikerin, sagte mir:

Dass die Band schnell auf die Bühne muss, und dass ein Gig besser ist als zehneinhalb Probestündchen, muss man wissen. Ein Auftritt, das schweißt zusammen. Andere wiederum verenden auf Nimmerwiedersehen im Proberaum. Sie versauern dort, haben die Kurve nie gekriegt.

Und hier wieder soziologisches Denken, über die Art und Weise, wie Bandzusammenspiel funktioniert.

Nicht so:

Der Eine, der in der Rhythmusgruppe der Band mitmischt, will sich nichts sagen lassen vom Schlagzeuger. Er will sein Ding durchziehen. Aber das geht nicht. Er verfügt nicht über das erforderliche Vokabular, kann sich nicht vielseitig genug ausdrücken. Das macht nur so lange nichts, wie es nicht besonders auffällt. Sind die Musiker einer Band an unterschiedlichen Fortschritten ihres musikalischen Schaffens, muss man sie da lassen, wo sie sind. Und entweder sie ordnen sich erfolgreich unter und dazu müssen sie den Rat erfahrener Musiker annehmen.

So vielleicht?

Richtig, man muss ins Detail gehen, die Musik auseinander klamüsern, Stück für Stück, ggf. Note für Note. Die Time, die Zählzeiten. Mikrotuning, Feintuning: Alles wieder zusammen gesetzt sollte „wohlgefällig“ grooven, schwingen. Wie eine Bach´sche Kirchenorgel-Fuge (Toccata..) müssen sich jetzt die einzelnen Musikinstrumente auf lustvolle Weise ineinander verkrallen, so dass es passt. Kürzlich erlebte ich nach einer Bandprobe, dass der Mitschnitt wirklich toll war. Die Band hatte eine musikalische Weltreise unternommen und -kurz gesagt- alles, was eine Weltreise beinhaltet, konnte man dem Endergebnis entnehmen.

Bis auf die Arbeit der Rhythmusgruppe (Schlagzeug, Bass, Percussion): da waren die Dinge nicht so zusammen, wie man sich das wünschte. Ich für meinen Teil habe den „Schuldigen“ klar ausgemacht, ich benenne ihn hier nicht, weil das nichts zur Sache tut. Ob man generell etwas leiser spielen könnte? Besser hören, zuhören, auf die Anderen hören!

Jede Band braucht ein funktionierendes Probekonzept, in dem in vorhersehbarer Weise eine ToDo-Liste anstehender Übungen transparent vorliegt. Das ist das nach vorne schauen! Auf die nächste Arbeitswoche. Während der Proben ist ein Teilabschnitt gemeinsamer Zeit dem „freien Zusammenspiel“ zur Verfügung zu stellen. Keine Band sollte lediglich nur feste Stücke proben. Nach der Probe ist das Auswerten von Mitschnitten sinnvoll, erforderlich und geboten. Was lief gut, was lief schlecht? Fehler müssen komplett benannt und der gemeinsamen Überwindung anheim gestellt werden. Da heutzutage die Medien so funktionieren, dass das alles überhaupt gar kein Problem mehr darstellt, ist es ein signifikanter Schwachpunkt von Bandarbeit, wenn diese regelmäßig nur auf der Probe selbst stattfindet, in einer Art zufällig entstehender „Tagesordnung“ und ohne jede Probenvorbereitung. Eine Band, die so probt, hat -leider- kein Konzept, bzw. ist nicht willens oder in der Lage, notwendiges, engagiertes Brainwork zwischen den Proben zu veranstalten. Bands, die nur an Probetagen existieren, können nicht erfolgreich werden! Ihr Geprobe hat etwas Unverbindliches!

Starke und schwache Menschen

In Bandzusammenhängen gibt es starke und schwache Persönlichkeiten. Alle auf ein gemeinsames schwaches Level zurechtstutzen, tötet die Band. In Bandzusammenhängen geht es gerade darum, sich die besonderen, individuellen Fähigkeiten des Einzelnen in einer Weise nützlich zu machen, die einen fulminanten Banderfolg (eine wechselseitige win-win-Situation) sicherstellt. Und mag der Sänger noch so begnadet sein, heißt das noch lange nicht, dass er auch als Bandleader gute Führungsqualitäten besitzt. Oder der Gitarrist, der den Jazz nicht mag und den Bossa Nova eher befremdlich findet: er muss dann eben so wenig zu spielen in der Lage sein, dass es den Feldversuch im Jazz und im Bossa Nova nicht sonderlich stört.

Selbiges gilt für den Perkussionisten, er darf das Grundgerüst des funktionierenden Schlagzeuggrooves nicht kaputt „präkeln“, sondern er hat den Grundgroove zu unterstützen.

Für alles wird „mindestens eine“ ordnende Hand benötigt. Wenn schon nicht mehrere in der Lage sind, die Dinge richtig zu sortieren, sehr konzentriert miteinander „in medias res“ zu gehen, zu schweigen, wenn die Anderen etwas ausprobieren, dann muss es wenigstens eine Führungspersönlichkeit geben, die die Dinge wie ein Regisseur ordnet, zum Ausprobieren anheim stellt. Fehlt diese Persönlichkeit oder verabredet die Band aus scheinbar demokratischen Erwägungen eine führungslose Vier- bis Fünf-Personen-Demokratur, so wird die Band in ihrem Profil und die Musik in ihrem Ergebnis verwässert, nicht besser, sondern schlechter und eventuell sogar „wasserloses Land“.

„Spiel doch bitte dieses Stück nicht mit dem Doppelbassdrumpedal“, sagte der Perkussionist. „Was?“, dachte sich der Schlagzeuger, „ja womit denn sonst?“ Es kommt doch nicht drauf an, welches Pedal man benützt, sondern wie man es spielt. Ein Einwand, der nichts als Unsinn darstellt. Vielleicht fand er, es wäre ein guter Witz. Vielleicht meinte er es ernst. Bin ich Motivationsforscher?

facebook: Angelika blockiert Wahrheit!
facebook: Angelika blockiert Wahrheit!

Ich entschließe mich, den Hinweis zu überhören, denn sonst müsste ich jetzt diskutieren, dass dieser Einwand vollkommen hanebüchener Unsinn ist. Ich lasse es vor mir her treiben. Bevor wir das nächste Stück anspielen, probiere ich noch einmal kurz aus, ob das Pedal gut funktioniert. Damm-damm-damm, ja, das klappt. Da sagt der Sänger: „Er hat dich doch gebeten, es nicht zu benützen!“ Ich überlege einen Moment, ob ich den Keyboarder bitten soll, nur mit rechts zu spielen und den Congaisten, nur mit rechts! Oder den Gitarristen nur mit rechts, das ist die Griffhand! In mir macht alles Kracks!

Merke: Sei dir dessen bewusst, wie du dich ausdrückst. Wenn die Situation sowieso schon zum Bersten gespannt ist, kann ein verbaler Lapsus Kettenreaktionen auslösen. Dann zerspringt das Geschirr in 1000 einzelne Stücke wie ein kristallener Lüster. Eine Arbeitsatmosphäre, in der bestimmte Dinge nicht gesagt werden sollen, weil es eine Art Vorbefaßtheit der Musiker gab, ist bereits vergiftet, denn den Gedanken kann nicht mehr freier Lauf gewährt werden. Sie werden an Ketten geknüpft, die sich langsam zuziehen, bis Menschen daran zugrunde gehen!

Gute Musik geht aber wie Karnickel los. In der Fähigkeit der Band als Ganzes oder mit Hilfe einzelner Führungspersönlichkeiten, in jedes Stück Verve, Energie, Biß und Groove zu tragen, erkennt man den Arbeitsstil und die Fähigkeit der Musiker, sich einem ganzen unterzuordnen, auch und gerade wenn dieses geführt wurde von einer oder mehreren ordnenden Händen.

7 Gedanken zu „387/11: BandSoziologe: What to do & what not to do…Wie im Proberaum und zwischen den Proben..“
  1. Ja, diese Beiträge über BandSoziologie werden offenbar intensiv gelesen dieser Tage. Aufgrund von Zuschriften dazu sollte ich nochmals folgendes klarstellen: Es geht bei diesen Beschreibungen nicht um eine konkrete Band, aber um konkrete Erfahrungen, über die als Erlebnisbericht aus eigenem Erleben geschrieben wurde/wird. Natürlich kann man sich auch jede Menge Fragen zur Rolle des Autors selbst machen. Das wäre dann aber eine vom eigenen Schildern losgelöste Betrachtungsweise. Ausserdem verwässert das gezielte „sowohl als auch“ die Kernaussagen. Im Kern geht es thematisch ein ums andere Mal um verschiedene Aspekte. Niemand hat die Absicht, die Vollständigkeit der Themenwahl an Eides statt zu versichern, niemand hat die Absicht zu behaupten, das Thema wäre damit schon erschöpfend behandelt. Richtig ist allein: Das Thema ist schier unendlich und jede denkbare, weitere Konstellation kommt vielleicht ein anderes Mal noch dran! Abwarten!

  2. Gleichzusetzen mit der Familie, finde ich. Eine Familie besteht aus Erwachsenen und Kindern. Also Menschen, die führen und anderen, die geführt werden, aber ernst genommen werden sollten, geachtet, deren Fähigkeiten und Talente unterstützt werden, und diese natürlich auch in der Familie einbringen. Je mehr Mitglieder, desto wichtiger die Frage, wer, wie, wo und wann führt, welche Art der Führung etc.

    Unterschied: Die bewusste Entscheidung darüber, wer welche Rolle einnimmt und mit dieser auch leben kann auf Dauer…!

  3. Ich finde das Thema hoch interessant!
    Es gibt da auch ein Buch über die Petards, das vor langer Zeit mal ein mit der Band befreundeter Soziolge geschrieben hat.
    Leider nur in der Hamburger Musikbibliothek ausleihbar..
    Das ist ähnlich genial.

  4. Viele nennen das ja Verrücktheit, was unter den Musikern und in Ihrer Musikentstehung passiert. Es ist halt so wahnsinnig schwierig Passende zu finden.Und wenns musikalisch stimmt, muß es noch nicht menschlich stimmen..

  5. Du sagst es Banny, deinen anderen, den ersten Kommentar habe ich in einem eigenen Artikel veröffentlicht, da ich ihn sehr wesentlich fand. Dass Menschen teils meinen, die Beschreibung von BandSoziologien sei so etwas wie eine „Scheinwelt“, zeigt doch deutlich, dass das Thema insgesamt gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Ein weites Feld, dass zu beackern wohl noch braucht….

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